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Fühlt sich von der Politik im Stich gelassen: Lana Rebhan fordert mehr Hilfen für Kinder Pflegebedürftiger.

Initiative „Young Carers“

Wenn Kinder zu Pflegern werden: Hilfe für Angehörige oft eine schwere Bürde

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Tausende Kinder müssen bei der Pflege ihrer Eltern helfen. Auch der Vater von Lana Rebhan ist schwer krank. Mit der Initiative „Young Carers“ will die 14-Jährige anderen Betroffenen helfen.

München – Manchmal gibt es diese Tage, diese Tage an denen Lana Rebhan einfach nicht mehr weiter weiß. Schon seit ihrer Grundschulzeit muss das heute 14-jährige Mädchen damit leben, dass ihr Vater unter einer lebensbedrohlichen Erbkrankheit leidet. In seinem Körper bilden sich immer wieder bösartige Zysten und mit steigendem Alter sind zunehmend auch lebensnotwendige Organe betroffen. „Als ich acht Jahre alt war, musste mein Vater wegen eines akuten Nierenversagens und einer Lungenentzündung plötzlich in die Klink. Seither hing immer ein Zettel daheim, mit einem Strichmännchen und der Nummer 112, die ich im Notfall anrufen muss“, erinnert sich das Mädchen.

Es sollte nicht der letzte Krankenhausaufenthalt ihres Papas sein. Und immer wieder, wenn es wieder so weit war, litt Lana Rebhan nicht nur seelische Qualen, es kamen auch ganz praktische Probleme auf die Schülerin aus dem unterfränkischen Bad Königshofen zu. „Ich muss dann weite Teile der Hausarbeit alleine machen“, sagt sie. Doch selbst wenn ihr Vater daheim ist, ist sie stets mehr im Haushalt oder bei den Hilfen für ihre Eltern eingebunden als andere Kinder. Ihre Mutter muss viel arbeiten. „Aber das Schlimmste für ein Kind ist die Ungewissheit. Es kann ja immer etwas passieren“, weiß Lana Rebhan. Ende vergangenen Jahres etwa lag ihr 51-jähriger Papa gut drei Monate auf einer Intensivstation – ein Schlaganfall und ein Herzinfarkt. „Er musste sogar wiederbelebt werden“, sagt sie.

Buben und Mädchen, die vor extremen Herausforderungen stehen    

Es war ein Tag irgendwann im Jahr 2017 als Lana Rebhan besonders schlecht ging – ihr Vater hat in jenem Jahr eine Niere entfernt bekommen –, als Rebhan wieder einmal versuchte, im Netz Hilfe und Ansprechpartner zu finden. „Ich hatte irgendwann begonnen, auf Englisch zu googeln, weil ich auf Deutsch keine Internetseiten mit Hilfsangeboten oder von ebenfalls Betroffenen fand.“ Schließlich sei sie auf die „Young Carers“ (junge Pflegende) in Großbritannien gestoßen. Sie sind dort Ansprechpartner für Buben und Mädchen, die ihre Eltern pflegen oder wie Rebhan wegen der Erkrankung vor extremem Herausforderungen stehen.

Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland fast eine halbe Millionen Kinder und Jugendliche, deren Eltern pflegebedürftig sind. Sie kochen, koordinieren die Medikamenteneinnahme, helfen beim Laufen, der Körperpflege oder betreuen das kleine Geschwisterchen. Doch selbst im reichen Freistaat fühlt sich oft niemand für sie zuständig. Deshalb gründete Rebhan 2018 eine eigene „Young Carers“-Initiative. „Betroffene, die mir mailen, bekommen etwa Tipps, an welche Vereine oder Stellen, sie sich wenden können“, sagt Rebhan. Einem Mädchen, deren Mutter an Brustkrebs leide, habe sie etwa jüngst Hilfsangebote eines Vereins weiterleiten können. „Andere wollen einfach nur ihre Geschichte erzählen, es tut ihnen gut, zu reden.“

Bianca (13) kümmert sich um ihren vierjährigen Bruder

Auf der Internetseite des Vereins schildern Betroffene ihre Probleme. Wenn sich niemand um ihren vierjährigen Bruder kümmern könne, gehe sie manchmal nicht zur Schule, schreibt etwa die 13-jährige Bianca. In der Schule erzähle sie oft nichts mehr über ihre Familie, „da ich deswegen oft fies gemobbt wurde“, klagt sie. Lana Rebhans Freundeskreis steht dagegen zwar zum Glück hinter ihr. Dennoch sei es nicht schön, dass sie, wenn andere zum Badeweiher oder ins Eiscafé gingen, oft absagen müsse. „Und auch bei mir leidet die Schule.“ Die Gymnasiastin droht wegen des Stresses das zweite Mal in Folge durch die achte Klasse zu fallen.

Lesen Sie auch: „Teure Pflege heißt nicht gute Pflege“ - die Betroffenen fühlen sich oft machtlos

Staatliche Hilfe gebe es zu wenig. Rebhan schrieb nach eigener Aussage rund 270 Kommunen, Stellen der Wohlfahrtspflege und Krankenkassen in Bayern an und fragte diese nach Hilfsangeboten für pflegende Minderjährige. Von den meisten habe sie keine Rückmeldung erhalten, nur ganze zwölf konnten ihr konkrete Hilfsangebote nennen. Sie kritisiert auch, dass Kindern von Pflegebedürftigen, die über zwölf Jahre alt sind, bei längeren Klinikaufenthalten des kranken Elternteils von der Kasse keine Haushaltshilfe bezahlt werde. Deshalb besuchte sie vergangene Woche den Sozialausschuss des Landtags. Dort hat man ihr versprochen, ihr Anliegen zumindest zu prüfen. Klar ist: So leicht wird Rebhan nicht aufgeben.

Auch interessant: Er soll helfen und unterhalten: Der Pflege-Assistent der Zukunft 

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