Ostbahnhof ist für S-Bahnen wieder frei – noch immer herrscht Chaos

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Wenn der Zivi nicht mehr klingelt

München - Noch zwei Wochen, dann ist es vorbei: Dann ist der Zivildienst in Deutschland Geschichte. Doch die Suche nach freiwilligen Ersatzkräften bereitet den bayerischen Verbänden große Sorge. Soziale Angebote wie Fahrdienste oder Kinderbetreuung sind in Gefahr.

Es gibt im Landkreis Garmisch-Partenkirchen einen Buben, er ist jetzt 13 Jahre alt. Seit seiner Geburt ist er behindert, sitzt im Rollstuhl. Weil der 13-Jährige aber geistig fit ist, bestanden seine Eltern darauf: „Unser Kind geht auf die Regelschule, nicht auf die Sonderschule.“ Dort will der Schüler den Quali machen. Damit das geht, braucht die Familie Unterstützung vom Bayerischen Roten Kreuz.

Ein Zivi vom Kreisverband bringt das Kind jeden Tag zur Schule, holt es wieder ab – und macht am Nachmittag mit ihm Hausaufgaben. Doch diesen Zivi gibt es wegen der Abschaffung der Wehrpflicht bald nicht mehr. Ersatz: Fehlanzeige. In zwei Wochen, am 1. Juli, soll der Bundesfreiwilligendienst starten. Es gibt nicht annähernd so viele Bewerber wie bislang Zivis, die Werbekampagne unter dem Motto „Nichts erfüllt mehr, als gebraucht zu werden“ hatte noch nicht die erhoffte Resonanz. Die sozialen Verbände befürchten Abstriche bei der Betreuung von Kindern, Kranken und Älteren.

Der Bundesfreiwilligendienst

Mit der Aussetzung der Wehrpflicht zum 1. Juli 2011 entfällt auch die Grundlage für den Zivildienst. An seine Stelle tritt der neue Bundesfreiwilligendienst. Er steht Männern und Frauen in allen Altersgruppen offen. Der freiwillige Dienst soll in der Regel zwölf, mindestens sechs und höchstens 24 Monate dauern. Bis zum Alter von 27 Jahren soll er in Vollzeit abgeleistet werden. Bei älteren Freiwilligen ist auch Teilzeit möglich, allerdings mindestens 20 Stunden pro Woche.

Für die Freiwilligen wird Unterkunft, Verpflegung und Arbeitskleidung gestellt. Zudem wird die Sozialversicherung für sie übernommen. Darüber hinaus bekommen sie ein Taschengeld. Die Eltern der jüngeren Freiwilligen erhalten weiter das Kindergeld. Der Bund fördert die Freiwilligendienste künftig mit 350 Millionen Euro pro Jahr. Weitere Informationen und freie Stellen gibt es unter www.bundesfreiwilligendienst.de oder direkt bei den sozialen Verbänden.

Während man im zuständigen Bundesfamilienministerium von einem „enormen Interesse“ an dem neuen Freiwilligendienst spricht und mit 1000 Bewerbern – bundesweit – offenbar hochzufrieden ist, verzweifeln die Verbände in Bayern: Beim Diakonischen Werk zum Beispiel gab es Anfang des Jahres noch 800 Zivildienstleistende. In zwei Wochen, so sagt der zuständige Referent Harald Keiser, werden es noch 100 sein, einige haben ihren Vertrag bis zum Ende des Jahres verlängert. Immerhin. Die Lücke sollen Bundesfreiwillige füllen. Aber: „Wir haben bisher nur mit einem einzigen Bewerber einen Vertrag abgeschlossen“, sagt Keiser. Die Caritas im Erzbistum München und Freising zählt gerade einmal 16 Vereinbarungen, die bereits unterschrieben sind. Beim Bayerischen Roten Kreuz sieht es nur auf den ersten Blick besser aus: Dort gibt es aktuell knapp 60 Bewerber, sagt Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk. Doch das BRK muss damit gut 1800 Zivis ersetzen. Stärk prognostiziert: „Wir bekommen ein Problem mit Behindertenfahrdiensten und individuellen Betreuungsangeboten, manche unserer Kreisverbände stellen das jetzt ein.“ Auch Keiser von der Diakonie sieht Angebote bedroht: „Gerade Zivis hatten ja immer ein wenig mehr Zeit für einzelne Patienten“, sagt er. Junge Männer, die sich in Kliniken als Clown verkleiden und kranke Kinder bespaßten zum Beispiel. „Wenn wir dafür keinen Freiwilligen finden, gibt es sowas einfach nicht mehr.“

Einen Teil der Angebote, den Fahrdienst etwa, können die Verbände durch Mitarbeiter auf Mini-Job-Basis auffangen. In der Caritas-Behindertenwerkstatt in Fürstenfeldbruck zum Beispiel wollen sie eineinhalb feste Hilfskräfte einstellen, um ehemals acht Zivis zu ersetzen. Auch beim BRK muss man auf 400-Euro-Kräfte zurückgreifen, sagt Landesgeschäftsführer Stärk. Doch das kostet: Er rechnet mit jährlichen Mehrkosten von vier bis sechs Millionen Euro – allein in Bayern.

Werden die Zivi-Stellen in Altersheimen nicht ersetzt, dürfte der Druck auf die ohnehin stark belasteten Pflegekräfte zunehmen. Für den Münchner Pflegekritiker Claus Fussek ist dies ein Beleg dafür, dass die Zivis jahrzehntelang als unverzichtbare Säule eingeplant waren – „obwohl sie angeblich stellenneutral waren“, schimpft er. Doch Sonja Hohmann, Vorsitzende des Deutschen Berufsverbands, sagt: „Die Zivis durften in der Pflege zwar nicht richtig arbeiten, aber sie haben uns unterstützt, durch Botengänge zum Beispiel.“ So etwas könnten die Pfleger nicht komplett auffangen. Hohmann, die ein Pflegeheim in Bad Tölz leitet, könnte sich vorstellen, dass betreute Senioren künftig für Extra-Dienste bezahlen müssen.

Die Verbände haben inzwischen eigene Werbe-Kampagnen für den Bundesfreiwilligendienst laufen. Die offizielle Aktion des Bundesfamilienministeriums wurde viel zu spät gestartet, sagt Keiser von der Diakonie. „Die haben nur an den Wehrdienst gedacht, soziale Einrichtungen sind nun einmal das schwächste Glied in der Kette.“ Auch das Rote Kreuz fühlt sich „überfahren“ von der Politik, sagt Stärk. Die Rahmenbedingungen habe Berlin immer noch nicht festgezurrt, die Höhe des Taschengelds für die Freiwilligen stehe zum Beispiel jetzt noch nicht fest.

Das Bundesfamilienministerium ist dennoch optimistisch, dass es gelingt, die angestrebte Zahl von Freiwilligendienstleistenden zu erreichen. Das sind 35 000. Bis 2012.

Carina Lechner

Rubriklistenbild: © dpa

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