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Weihnachten zu siebt: Peter, Toni, Benno und Steffi Panhans (v.l.) aus Stephanskirchen feiern ein besonderes Weihnachtsfest. Gemeinsam mit neuen Freunden: Jennifer, Peace und Michael Christopher, einer Flüchtlingsfamilie aus Nigeria. Es wird ein bayerisch-nigerianischer Abend. 

Das wertvollste Geschenk

Nach Flucht: Nigerianer feiern bayerische Weihnachten

Stephanskirchen - Letztes Jahr an Weihnachten waren Michael und Jennifer Christopher aus Nigeria auf der Flucht. Sie hatten nichts, außer sich selbst. Dieses Jahr sitzen sie an Heiligabend an einem großen Tisch in Stephanskirchen. Sie haben Freunde gefunden. Und das, was sie sich am meisten gewünscht haben: Frieden.

Niemals, wirklich niemals hätte Michael Christopher letztes Weihnachten gedacht, dass er in genau einem Jahr in einem Wohnzimmer mitten in Oberbayern stehen, nach Schnee Ausschau halten und zuhören würde, wie ein Sechsjähriger „O Tannenbaum“ auf der Gitarre spielt. Das alles ist mehr, als er sich vergangenes Weihnachten gewünscht hat. Das alles bedeutet Glück – für ihn und seine Familie.

Michael und Jennifer Christopher sind im April in Stephanskirchen (Landkreis Rosenheim) angekommen. Mit mehr als 20 anderen Asylbewerbern aus Afrika. Nach monatelanger Flucht. Sie hatten das Glück, in eine Gemeinde zu kommen, in der es Menschen wie Peter und Steffi Panhans gibt. Beide gehören zu einem großen Helferkreis – beide wollen etwas tun für Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Sie wollten so etwas wie Paten für das Ehepaar aus Nigeria werden. Die Christophers sprachen damals kein Wort Deutsch, Jennifer war hochschwanger. „Uns war immer klar, dass ihre Asylanträge abgelehnt werden könnten“, erzählt Steffi Panhans. „Deshalb haben wir uns im April vorgenommen, keine zu enge Bindung aufzubauen.“

Der Plan ging gründlich schief. Sie wurden mehr als Paten. Sie wurden Freunde. „Und Freundschaft lässt sich nicht dosieren“, sagt Steffi Panhans, während sie schon alles vorbereitet für das gemeinsame Weihnachtsfest. Es wird ein Weihnachtsessen, das es so noch nie gab bei Familie Panhans. Mit bayerisch-nigerianischem Menü. Steffi Panhans macht Rinderbraten, zur Nachspeise gibt’s Obstsalat – und um den nigerianischen Anteil wird sich Jennifer kümmern. Was genau sie vorbereitet, hat sie noch nicht verraten. Das wird ihre Weihnachtsüberraschung.

Aus verlässlicher Quelle hat Steffi Panhans erfahren, dass das Christkind auch für die beiden neuen Freunde Geschenke bringen wird. Und für die dreieinhalb Monate alte Peace. Sie ist in Stephanskirchen geboren – und vor zwei Wochen dort getauft worden. Steffi Panhans ist Patin. Sie hat sich unglaublich gefreut, als Michael und Jennifer sie darum baten. Es war mehr als eine Geste. Es war ein Zeichen aufrichtiger Dankbarkeit – für jede Kleinigkeit, mit der die Familie seit Monaten versucht, die Christophers zu unterstützen.

Steffi Panhans hätte nie gedacht, dass sie Fremde so schnell ins Herz schließen könnte. Damals, als sie mit ihrem Mann zusammensaß und überlegte, wie sie Flüchtlingen den Neustart in Deutschland erleichtern könnten, ging es ums Helfen. „Wir wollten, dass unsere Söhne von kleinauf lernen, offen für andere Kulturen zu sein“, erzählt die 42-Jährige. Toni (8) und Benno (6) hatten viele Fragen am Anfang. Zum Beispiel, ob die dunkle Hautfarbe der Christophers abfärben kann. Viele Fragen sind inzwischen beantwortet, viele neue kommen jeden Tag dazu. „Diese Freundschaft ist für uns alle eine Bereicherung“, sagt Steffi Panhans.

Benno und Toni spielen mit der kleinen Peace, während die beiden Mütter  in der Küche Brei für das Baby kochen. Manchmal kommt es vor, dass die 21-jährige Jennifer in solchen Momenten von ihrer Vergangenheit erzählt. Von der Gewalt in Nigeria. Von der Angst, die sie dort immer hatte. Von ihrer achtjährigen Tochter, die sie bei der Familie ihres Schwagers in Afrika zurücklassen mussten. Von der furchtbaren Flucht in Schlauchbooten, bei der sie ihren Mann verloren hatte und nur durch Zufall in Malta wieder traf. Steffi Panhans weiß, diese kurzen Gespräche sind riesige Vertrauensbeweise.

Neulich haben ihre beiden Söhne es geschafft, sie fast zu Tränen zu rühren. Sie haben gefragt, ob sie zu Weihnachten ihr Taschengeld nach Nigeria schicken dürfen. Für die achtjährige Tochter der Christophers – damit sie das Schulgeld im nächsten Jahr bezahlen kann. Es war einer der Momente, in denen Peter und Steffi Panhans unheimlich stolz auf ihre Kinder waren. Ein Moment, in dem es Weihnachten wurde in ihrer Familie.

Michael Christopher ahnt bereits, dass sein großer Wunsch, endlich Schnee zu sehen, am Heiligabend nicht in Erfüllung gehen wird. Dafür hat er das wertvollste Geschenk überhaupt bekommen. Etwas, das vor einem Jahr noch unerreichbar schien: Frieden. Es ist kein Zufall, dass seine kleine Tochter Peace heißt. „Wir haben dieses Jahr ein Zuhause geschenkt bekommen“, sagt Michael. Ob sie dieses Zuhause behalten dürfen, wissen sie nicht. Aber dieses Weihnachtsfest ist etwas unendlich Kostbares für die Christophers. Es ist ein Weihnachten in Frieden.

Katrin Woitsch

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