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Ministerium ruft zum Wettbewerb für Tafeln auf - und kassiert heftige Kritik von allen Seiten

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Von: Marion Neumann, Manuel Eser, Kathrin Brack

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Über 11.000 Ehrenamtliche engagieren sich bei Bayerns Tafeln für Bedürftige und retten dabei tonnenweise Lebensmittel - wie hier bei einer Tafel in München.
Über 11.000 Ehrenamtliche engagieren sich bei Bayerns Tafeln für Bedürftige und retten dabei tonnenweise Lebensmittel - wie hier bei einer Tafel in München. © Schlaf

Seit vergangenem Freitag können sich „engagierte Tafeln“ beim bayernweiten Wettbewerb „Gemeinsam Lebensmittel retten“ bewerben. Für die Initiative des Landwirtschaftsministeriums hagelt es von allen Seiten Kritik.

München - Der Countdown läuft. Noch 82 Tage, dann ist die Bewerbungsfrist für die besten Tafeln Bayerns abgelaufen. Prämiert werden laut der Website des Wettbewerbs „Gemeinsam Lebensmittel retten“ die Tafeln und karitativen Einrichtungen, die mit den meisten Helfern am erfolgreichsten sammeln und dazu kreative Konzepte vorweisen können.

Die Freisinger Tafel wird nicht zu den Bewerbern gehören, berichtet Merkur.de*. „Da machen wir nicht mit“, sagt Peter Bach, der Vorsitzende. Sein Weilheimer Kollege Werner Gölz findet noch drastischere Worte (Merkur.de*): „Das ist pervers. Einen Wettbewerb daraus zu machen, wer die Ärmsten am besten versorgt?“ Die Aktion sei zwar gut gemeint gewesen, „aber der Schuss ist nach hinten losgegangen“.

Lieber dringend benötigte Hilfe in Logistik bereitstellen

Auch Petra Bauernfeind, die die Tafel in Erding leitet, lehnt ein Wetteifern der Tafeln ab: „Das ist eine ganz eigenartige Idee“, findet Bauernfeind, die dem Landesvorstand der Tafeln Bayern angehört. 60 Ehrenamtliche helfen in Erding regelmäßig, Nahrungsmittel zu verteilen. „Warum lässt man Tafeln gegeneinander antreten, statt etwas anzustoßen, von dem alle etwas haben?“, fragt sie. Statt einen Wettbewerb auszuloben, hätte das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten dringend benötigte Hilfe in der Logistik bereitstellen können. Die Idee aus dem Agrarministerium, einen Preis für Bayerns beste Tafel auszuschreiben, kommt auch im Landkreis Bad Tölz - Wolfratshausen gar nicht gut an: Von den Tafeln will sich keine um den Titel bewerben, berichtet Merkur.de*.

Kritik am Wettbewerb kommt seit Tagen von allen Seiten: Es sei beinahe zynisch, dass CSU und Freie Wähler erst Forderungen ablehnten, die Tafeln finanziell besser zu unterstützen, „und dann die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer noch mit einem Wettbewerb verhöhnen“, sagte die agrarpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Ruth Müller. Anstatt „unwürdige Wettbewerbe“ zu starten, sollte die Staatsregierung etwas gegen Armut unternehmen.

Im Internet wird von „Hungerspielen“ und „Armutswettbewerb“ gesprochen

In den sozialen Netzwerken ist von „Hungerspielen“ und einem „Armutswettbewerb“ die Rede. Die Kritik am Wettbewerb hat zugleich die Tore für eine Grundsatzdiskussion aufgestoßen: „Wer Tafeln befürwortet, findet Armut normal. Es sollte keine einzige Tafel geben müssen“, schreibt eine Frau auf Twitter, „Tafeln sind etablierte ,Verhärter‘ der staatlich verordneten Armut“, kritisiert ein anderer.

Ernährungsministerin Michaela Kaniber (CSU), deren Ministerium den Wettbewerb ins Leben gerufen hat, reagierte enttäuscht. Sie sagt: „Der Konkurrenzgedanke war nie wichtig.“ Das Ministerium verteidigt die Auslobung: „Die Kritik entzündet sich jetzt offenbar an dem von einigen als unpassend empfundenen Wort ,Wettbewerb‘. Es geht hier allerdings nicht um einen Leistungs-, sondern um einen Ideenwettbewerb“, sagt ein Sprecher.

Menge der Lebensmittel sowie Zahl der Personen sind Gradmesser

Das liest sich in der Ausschreibung anders: Unter den Bewerbungskriterien ist eines „Erfolg: Wie viele Mengen Lebensmittel können gerettet werden? Mit wie vielen Personen? Wie viele Aktionen mit Vorbildwirkung wurden durchgeführt?“ Den Gedanken, dass die Menge der gesammelten Lebensmittel ein Wettbewerbskriterium sein soll, findet Petra Bauernfeind befremdlich. „In Erding haben wir ein Überangebot an Supermärkten, das heißt, es bleibt viel übrig. Das ist doch nicht unser Verdienst. Deswegen sind wir nicht besser als jede andere Tafel.“

Das Landwirtschaftsministerium hält an der Ausschreibung fest. Sie sei angelehnt an den Bundeswettbewerb „Zu gut für die Tonne“. Fünf Tafeln werden von einer Jury ausgewählt, die Gewinner erhalten je 5000 Euro Preisgeld. Angesichts der vielen kritischen Reaktionen werde man sich aber mit den Tafeln noch einmal besprechen, heißt es vom Ministerium. Ob das Kritiker wie Peter Bach oder Werner Gölz überzeugt, darf bezweifelt werden.

In Olching sind zwei Studentinnen wegen Containerns vor Gericht gelandet - nun wollen sie Lebensmittel auf einem anderen Weg retten. Erst vor kurzem haben wir mit Tafeln über den alltäglichen Kampf gesprochen, denn die Zahl der Kunden steigt. Auch Ex-Fußballprofi Paul Breitner hilft den Bedürftigen - und klagt Missstände in der Politik an.

Kathrin Brack, Manuel Eser, Marion Neumann

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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