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„Die theure Zeit vom Jahr 1816 auf 1817“: Die Lithografie des Münchner Künstlers Carl Hohfelder illustriert die steigenden Nahrungsmittelpreise auf den bayerischen Marktplätzen nach dem Regensommer 1816.

Wetter

1816: Das Jahr ohne Sommer in Bayern

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Der verregnete Sommer 2016 verblasst im Vergleich zu einer Katastrophe, die Bayern vor genau 200 Jahren heimsuchte. Damals fielen die warmen Monate komplett aus.

Einen Vorgeschmack auf den globalen Klimawandel bekommen Bayern und die Welt zu Anfang des 19. Jahrhunderts: Eine brutale Eruption erschüttert die indonesische Insel Sumbawa am 10. April 1815. Der Ausbruch des Vulkans Tambora, sagen viele Experten heute, war der größte und folgenreichste der jüngeren Geschichte. Die Folgen der Katastrophe umfassen den gesamten Erdball – und wirken sich ein Jahr später auch in Bayern aus.

Die Aschewolke, die sich in der Atmosphäre ausbreitet, beeinflusst in den Folgemonaten das weltweite Wetter, darüber sind sich Meteorologen heute einig. Die Rußpartikel in der Atmosphäre reflektieren das Sonnenlicht und führen im Jahr 1816 dazu, dass es deutlich mehr und häufiger regnet, erklärt Klimaforscherin Susanne Haeseler vom Deutschen Wetterdienst die Auswirkungen des Ausbruchs. Die Wetterwarte Hohenpeißenberg (Kreis Weilheim-Schongau) verzeichnet das zweitkälteste Jahr vom Beginn der Aufzeichnungen 1781 bis heute.

Historiker Behringer: Vulkanausbruch war schuld am Wetterumbruch

Der Münchner Wolfgang Behringer, Professor für jüngere Geschichte an der Universität Saarbrücken, ist sich sicher, dass der Vulkanausbruch die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse weltweit erschütterte. „Tambora und das Jahr ohne Sommer – wie ein Vulkan die Welt in die Krise stürzte“, lautet der Titel seines Buches. „Zehntausende Menschen starben an den direkten und indirekten Auswirkungen der Eruption“, schreibt Klimaforscherin Haeseler in einer Studie, die erst vor wenigen tagen veröffentlicht wurde.

Die Menschen in Bayern bekommen die Folgen des Vulkanausbruchs an der Ernte zu spüren: „Es war ein großes Regenjahr. Es regnete vom 20. Mai bis Weihnachten fast täglich“, steht in der Dorfchronik der Gemeinde Böbing, Kreis Weilheim-Schongau. „Heu und Getreide konnten nicht eingebracht werden und verdarben auf den Feldern. Es gab eine große Teuerung.“ Die dürren Worte der Aufzeichnungen aus dem Jahr 1816 werden der schweren Krise kaum gerecht, die im Folgenden ganz Mitteleuropa erfasst. Als „Achtzehnhundertunderfroren“ geht das Jahr in den Volksmund ein. So schaurig ist das Wetter in diesem Jahr, dass es ein neues Literaturgenre, den Schauerroman, inspiriert – unter anderem beginnt Mary Shelley in diesem Jahr mit ihrem Roman „Frankenstein“ – das Wetter ist zu schlecht, um nach draußen zu gehen.

Geschichtsforscher Behringer schildert, dass sich Getreide bis zum Folgejahr 1817 teilweise bis um das Zehnfache verteuert. Die Würzburger Schranne muss den Getreidehandel zeitweise sogar komplett aussetzen, weil keines mehr zum Verkauf angeboten wird.

1816: Jahr ohne Sommer in Bayern: Hungersnot war die Folge

Mit der Nahrungsmittelknappheit einhergeht eine Hungersnot. In München würden „schöne und wohlgenährte Hunde von der Straße entwendet, welche, weil sie nicht mehr zum Vorschein kommen, höchstwahrscheinlich aufgezehrt worden sind“, beschreibt eine Verwaltungsnotitz aus dem Jahr 1816 das Elend, in dem sich die Menschen befinden. Bald ziehen Bettlerscharen durch das Land. „Man erstaunte und schauderte über die grässlichen Gestalten, in jeder Ecke zur Plage ausgestellt“, schreibt der bayerische Verwaltungsjurist Joseph von Hazzi im Rückblick. Bis sich die Verhältnisse wieder stabilisieren, vergehen Jahre.

Für das verregnete Jahr 2016 haben Wetterforscher kein einzelnes Ereignis als Ursache ausgemacht. Es dürfte jedoch auch wesentlich weniger folgenschwer zu Ende gehen als das Jahr ohne Sommer zwei Jahrhunderte zuvor.

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