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Schnee im Mai - ja, gibt's denn sowas?

Das Wetter spielt verrückt – oder?

Von wegen Wonnemonat: Es wird noch schlimmer!

München - Regen überall, auf den Bergen ab 800 Meter Schnee, kaum Sonne: Der Mai ist heuer beileibe kein Wonnemonat. „Ideales Wetter, um seine Steuererklärung zu machen“, feixt Helmut Malewski vom Wetterdienst. Und warnt: Es kommt noch schlimmer.

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Als Doris Breiter am Dienstagabend vom Einkaufen zurückkommt, ist nichts mehr zu retten. Der Hagel hat ihren Traumgarten zerlegt, zumindest die empfindlichen Teile davon. „Der Salat war zerhackt, der Rest im Eisbett erfroren“, erzählt Doris Breiter später. Die Tulpen findet die 56-Jährige aus Gröbenzell im Kreis Fürstenfeldbruck entblättert vor, die Blüten der Strauchpäonien zermatscht. Unbeschadet überlebt haben nur Rosmarin und Olivenbaum – die haben feste Blätter.

Der Mai meint es nicht gut mit Hobbygärtnern – es droht Frost. Auch sonst leiden viele unter den Wetter-Kapriolen. Es regnet, es windet, auch Schnee ist möglich. Wo führt das hin? Ein paar Antworten.

Brauchen wir jetzt wieder Winterreifen?

Helmut Malewski vom Deutschen Wetterdienst lacht. „Naja, darüber nachdenken kann man schon“, sagt der Diplom-Meteorologe. Denn: „Regionen über 800 Meter werden wohl Schnee abbekommen.“ München, 518 Meter über Normalnull, bleibt also verschont. „Aber wenn man Richtung Garmisch fährt, könnte es am Donnerstag und Freitag zeitweise weiß werden.“ Vor allem in der Nacht auf Freitag kann es Minusgrade geben. Tagsüber wird dann das Quecksilber auch nicht viel steigen. Ein zweistelliger Wert ist nicht in Sicht. Für die hoffentlich endgültige Verbannung des Schnees reicht es aber. Die gute Nachricht ist: Schnee und Winterreifen haben allenfalls ein kurzes Gastspiel. Ab Sonntag wird es wieder wärmer. Die schlechte Nachricht: „Der Regen wird uns auch in der nächsten Woche noch begleiten“, erklärt Malewski. Aber besser Schirm als Schneeanzug, oder?

Warum ist es überhaupt so kalt?

Schuld an dem Sauwetter ist das riesige Zentraltief über Mittel- und Westeuropa. Und davon hat Malewski Schauerliches zu berichten: „Es zapft die kalte Luft von den Nordpolarregionen an.“ Damit nicht genug: „Zusätzlich sammelt es noch viel Wasser aus dem Atlantik. Deshalb regnet es auch so viel“, erläutert er.

Entkommen kann man dem Ganzen gerade nicht. Denn das Tief hat, höhö, ein Tief. Anders gesagt: Es mag sich keinen Meter bewegen. Die Frage ist: Gibt es einen Ausweg?

„Wir überlegen auch schon, wohin man fliehen könnte“, sagt Malewski. „Aber im Umkreis von 700 Kilometern hat man fast keine Chance.“ Sein Tipp: Griechenland und Türkei. Da ist es zurzeit warm. Italien und Mallorca bringen es dagegen nur auf 15 Grad. Und sein Geheimtipp: „In Finnland, also auf der anderen Seite des Tiefs, ist es zurzeit warm. Da hat es etwa 20 Grad“, sagt der Meteorologe. Denn: Finnland liegt derzeit östlich des Tiefs. Und östlich von einem Tief ist es – warm. Wieder was gelernt.

War der Mai sonst nicht immer wärmer?

Der Mai gilt ja als Wonnemonat. Aber dieses Jahr: von wegen. „Heuer ist der Mai gar nicht wonnisch. Er ist eher ein April“, findet Malewski. Die Internet-Gemeinde verortet den Mai sogar im Spätherbst. Dort kursiert der Spruch: „Der kleine November möchte bitte im Mai abgeholt werden.“ So, als hätte sich ein Kind im Möbelgeschäft verlaufen.

Auf jeden Fall gilt: Der Mai ist zu kalt. Aber: Auch in den vergangenen Jahren hat er keine Glanzleistungen geliefert. In Bayern stürmte und hagelte es regelmäßig um diese Zeit, die Hopfenbauern mit ihren zerstörten Pflanzen wissen ein Lied davon zu singen. Es war einfach kalt und greislig.

2013 reiht sich also brav ein. Aber nur jammern zählt nicht. „Es gab auch schöne Tage mit über 20 Grad, heuer und in der Vergangenheit“, daran erinnert Malewski. „Dieser Mai ist nicht kälter als der 2012 oder 2011.“

Bei den vergangenen Jahren beobachtet Malewski generell einen Abfall der Temperaturen. Woran das liegt? „Das können wir nicht genau sagen“, sagt er. „Man merkt, dass es eine Spanne von vier bis fünf Jahren gibt, in der es durchgehend richtig schöne Sommer gibt. Zum Beispiel in den 90er-Jahren. Jetzt erleben wir das Gegenteil.“ Wie Juli, August und September heuer verlaufen, weiß der Fachmann noch nicht. Eine Vorhersage sei nur für acht Tage möglich.

Der Starnberger Hobby-Meteorologe Josef Jägerhuber liegt mit seinen Langzeit-Prognosen mal falsch, mal richtig. Heuer liegt er bisher richtig. Und er sagt für die zweite Maihälfte voraus: „Kalt und ungemütlich.“ Und im Juni könnten die Starnberger sogar „ihre Heizungen gebrauchen“. Hoffentlich täuscht er sich.

Was ist eigentlich mit den Freibädern?

Die sind in Bayern tendenziell leer – oder gar wieder zu. „Es ist halt einfach kein Freibadwetter“, heißt es vielerorts. Die Münchner haben immerhin die Auswahl zwischen vier offenen Freibädern – drei weitere sind allerdings geschlossen. Dabei werde es vermutlich auch bleiben, wenn sich die Temperaturen nicht änderten, sagte Bettina Hess von den Stadtwerken München. Wettertechnisch ist die Spitze des Eisbergs aber noch nicht erreicht, heißt es beim Deutschen Wetterdienst in München. „Auf jeden Fall wird es jetzt erstmal noch ein bisschen kälter.“ Erst Anfang kommender Woche könnten die Temperaturen steigen. Zum Baden reicht das aber wohl nur für die härteren Naturen.

In Erding indes beschert das Wetter dem neuen Lehrschwimmbecken mit Hubboden im Hallenbad ordentlich Zulauf, das immerhin 4,3 Millionen Euro kostete. Bislang hatte das Hallenbad im Sommer zu. Jetzt haben sich Stadt und Stadtwerke entschlossen, den Neubau auch im Sommer zu öffnen. Eine gute Entscheidung.

Profiteure des Wetters sind auch Theater und Museen. „An Regentagen sind mehr Besucher in den Häusern“, sagt eine Sprecherin der Pinakotheken in München. „Wir haben keine Zahlen, aber man sieht es – es sind einfach mehr.“

Was wird jetzt aus der Erdbeerernte?

Kräftig rot, aromatisch und schön süß sollen die beliebten Früchtchen sein. Dafür brauchen sie außer Wasser vor allem – Sonne. An Wasser hat es in letzter Zeit nicht gerade gemangelt, an Sonne schon. Deswegen läuft die Erdbeerernte heuer deutlich später an – nämlich erst Ende Mai, Anfang Juni.

Manfred Wolf, 41, betreibt zusammen mit seiner Frau Andrea sechs Erdbeerfelder im Großraum Fürstenfeldbruck. Mindestens zehn Tage wird sich der Startschuss auf seinen Feldern verzögern. Vielleicht sogar noch länger. Das hat er noch nicht erlebt. Dabei baut seine Familie schon seit 30 Jahren Erdbeeren an. „Es gab einfach unterdurchschnittlich wenig Sonne“, sagt Wolf.

Immerhin: Die Kälte hat den Pflanzen nicht nachhaltig geschadet. „Bis jetzt ist das völlig unproblematisch“, sagt Wolf. „Wenn wir jetzt noch von Nachtfrost verschont bleiben, erwarten wir eine gute Ernte“, erklärt er. Der Blick auf die Wettervorhersage mit sinkenden Temperaturen macht ihn dennoch nervös: „Das könnte knapp werden.“

Johann Sonner aus Königsdorf (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) betreibt sieben Plantagen in Münchens Süden. Seine schlimmste Befürchtung: Die Temperaturen fallen unter den Gefrierpunkt. Die Ernte würde dadurch zerstört. „Das wäre eine Katastrophe“, sagt Sonner. Mit Vliesbahnen will er den Schäden vorbeugen. Lange können diese aber nicht auf den Pflanzen liegen. „Es geht ja auch um die Bestäubung. So kommen die Bienen nicht dran. Außerdem kann das Vlies zu Verbrennungen an den Pflanzen führen und wirkt wie eine Art Treibhauseffekt“, erklärt Sonner.

Ärgerlich ist: Bisher lief alles bestens. „Nach einer Trockenperiode hatten die Pflanzen genug Wasser – die Erdbeeren sind langsam gewachsen und haben sich optimal entwickelt. Laut Wolf ein eindeutiges Zeichen für Qualität. Gerade hat er erst seine Felder abgefahren und befunden: „Es ist ein Traum.“

Ein späterer Erntebeginn bedeutet auch eine verlängerte Erntephase. „Wir werden heuer weit in den Juli hineingehen“, vermutet Wolf. Normalerweise endet die Ernte spätestens Anfang Juli. Wolf befürchtet, dass der Verbraucher dann vielleicht nichts mehr von Erdbeeren wissen will. „Wir hoffen trotzdem auf einen großen Erdbeerhunger.“

Kann es auch bei uns Tornados geben?

Die Bilder vom Horror-Sturm im US-Bundesstaat Oklahoma gingen ins Mark. Könnte so etwas auch in Deutschland passieren? Ja und nein. „Auch bei uns gibt es Tornados“, sagt Malewski. Nicht erst seit jetzt, sondern schon immer. Man hat nur weniger davon mitbekommen. „Mittlerweile zückt jeder schnell sein Handy und hat einen Beweis.“

Ein Riesenunterschied zu den USA: „Die Tornados hier sind aber nicht annähernd so stark.“ Dennoch gibt es sie, jeden Sommer bis zu 60 Stück. Nur nicht so wilde, den Alpen sei Dank. Sie behindern die Verquirlung von kalten und warmen Luftmassen – und damit jenes gefährliche Wind-Gebräu, aus dem Tornados entstehen. Anders ist es in Teilen der USA, wo knackige Kälte aus Kanada ungebremst auf Hitze vom Golf trifft. Kein Gebirge hindert die Naturgewalt, also kann sie Fahrt aufnehmen und sich mit 300 Stundenkilometern entladen.

Die Schäden in Deutschland sind aber auch deshalb geringer, weil die Gebäude sicherer sind. „In Amerika sieht man so viele Bretterbuden, die bieten natürlich wenig Schutz. Das ist nichts gegen die Steinmauern hier“, sagt Malewski.

Alexander Kaindl und Andreas Huber

Nachlese

Über das Wetter sinnieren Helmut Malewski und seine Kollegen vom Wetterdienst im „Thema des Tages“ auf der Website www.dwd.de.

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