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Das Trauma bleibt: Jugendliche, die missbraucht wurden, kämpfen meist lange mit ihren Erinnerungen. Psychologen in Ingolstadt helfen ihnen mit einer speziellen Therapie.

Therapie für Jugendliche

Wie Missbrauchsopfern geholfen wird

Ingolstadt - Jugendliche, die missbraucht worden sind, bekommen die Bilder meist nicht mehr aus dem Kopf. Das kann schwere Folgen für ihre Entwicklung haben. Psychologen in Ingolstadt wollen ihnen mit einer speziellen Therapie helfen.

Immer wieder schlug Hannah mit der Faust gegen die Wand ihres Zimmers. Anders konnte sie die Wut, die Trauer und die Schuldgefühle nicht ertragen. „Ich war sauer auf mich selbst und auf andere“, sagt sie. „Ich habe mit allem um mich geschmissen, was da war.“

Hannah sieht nicht aus wie eine, die mit Sachen um sich wirft. Sie heißt eigentlich anders, ist 15 Jahre alt, geht in die zehnte Klasse einer oberbayerischen Realschule und steht kurz vor ihrem Abschluss. Sie wirkt älter als die meisten 15-Jährigen. Mit geradem Rücken sitzt Hannah auf dem Stuhl im Büro ihres Therapeuten in Ingolstadt, spricht mit ruhiger Stimme. Bis vor etwa zwei Jahren kannte sie so ein aggressives Verhalten nicht von sich. Dann wurde sie vergewaltigt.

Am Anfang konnte Hannah mit niemandem über das, was ihr passiert ist, sprechen ohne zusammenzubrechen. Seit sie eine Therapie gemacht hat, kann sie das. Mit ihrer Mutter, engen Freunden und ihrem Therapeuten Patrick Fornaro. Er arbeitet in der Hochschulambulanz der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt in Ingolstadt. Zu ihm und seinen Kollegen kommen Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren. Sie haben wie Hannah körperlichen oder sexuellen Missbrauch erlebt und leiden an einer sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). „Die Patienten werden – ohne dass sie es wollen – von heftigen Erinnerungen an die Ereignisse heimgesucht“, sagt Fornaro.

Auch Hannah hatte ständig Bilder davon im Kopf, wie sie missbraucht wurde. „Ich lag abends im Bett und habe nur noch geweint“, sagt sie. Neun Monate litt sie, bis sie sich für eine Therapie entschied.

Ablösung von den Eltern, Berufsfindung, Partnersuche – all das müssen Jugendliche bewältigen. „Das geht nicht, solange man einen Zementblock von Trauma-Erinnerungen im Kopf hat“, sagt Fornaro. Bisher spielten diese Entwicklungsaufgaben bei der Traumabehandlung von Jugendlichen keine Rolle. Die Ingolstädter Psychologen wollten das ändern. 30 bis 36 Sitzungen in vier bis fünf Monaten, länger dauert die Therapie in ihrer Ambulanz nicht. Sie passt sich den Jugendlichen an, die häufig nicht die Geduld für eine lange Behandlung haben. Wird eine PTBS bei Jugendlichen nicht therapiert, kann das schwere Folgen haben. „Nicht selten begegnet man nicht behandelten Patienten mit zahlreichen weiteren Störungen viele Jahre später in der Psychiatrie“, sagt Fornaro.

Bei Hannah wurde die PTBS von einer Depression begleitet. In der Schule war sie unkonzentriert, nichts machte ihr Spaß, sie zog sich zurück und wurde schnell aggressiv. Direkt nach der Vergewaltigung fingen die Probleme an. „Es hat sich schnell herumgesprochen“, sagt sie. „Die lügt doch eh nur“, bekam sie sogar von Freunden zu hören. Es gibt im Kopf keine Schubladen für traumatische Erlebnisse, trotzdem müssen sie verarbeitet werden. Dabei können auch Schuldgedanken eine Rolle spielen. „Ich habe überlegt, was ich falsch gemacht habe“, sagt Hannah. „Ich habe von mir selbst gedacht, dass ich ein schlechter Mensch bin.“ Viele ritzen oder schneiden sich, um den emotionalen Druck abzubauen, nehmen Drogen oder trinken Alkohol. Hannah schlug gegen die Wand. Von Fornaro bekam sie einen Ball, den sie immer dann an die Wand werfen sollte, wenn sie wütend war. Um ihre Emotionen in den Griff zu bekommen, biss sie in Zitronen oder sprühte sich Kältespray auf die Haut.

Patienten mit PTBS vermeiden, daran zu denken, was geschehen ist. In der Therapie müssen sie sich jedoch damit beschäftigen. Zum Beispiel indem sie das Trauma aufschreiben und dem Therapeuten vorlesen. „Das Schreiben war für mich befreiend, weil ich einfach alles rauslassen konnte“, sagt Hannah.

Damit das Chaos im Kopf wieder eine Ordnung bekommt, müssen sich die Patienten mit dem, was passiert ist, auseinandersetzen. Fornaro vergleich das mit einem vollen Kleiderschrank, bei dem alles herausfällt, wenn man die Tür öffnet. „Wir versuchen, Ordnung zu schaffen, damit man den Schrank auf- und zumachen kann, ohne überflutet zu werden.“ Durch die Therapie hat Hannah gelernt, dass die traumatische Erfahrung ihre Gedanken beeinflusst hat. Mit der Erinnerung an die Vergewaltigung wird Hannah leben müssen. Doch sie schämt sich nicht mehr dafür – und ist stolz auf das, was sie durch die Therapie erreicht hat.

Ana Maria Michel

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