Ein Mann spielt Hebebühne: Ein Österreicher hievt Hans Koch, 41, vom Chiemgauer Rangglerverein in die Höhe. Bei der „Alpenländerkönigsmeisterschaft“ geht’s zur Sache. Weicheier haben hier nichts verloren. Fotos: Stefan Rossmann

Die wilden Ranggler aus dem Chiemgau

Ruhpolding - Wer kämpft, der braucht Bärenkräfte. Wer auf dem Rücken liegt, verliert. Wer zuschaut, hat eine Mordsgaudi. Ranggeln ist ein uralter bayerisch-österreichischer Kampfsport. Und ein Erlebnis. Ein Besuch beim Alpencup:

In handgeschätzten acht Minuten wird Hans Koch, 41, der Schweiß aus dem Kopf schießen. Regelrechte Schweißbäche werden ihren Weg stirn-abwärts antreten. Hans Koch, dieser bärenstarke Hausmeister aus Piding, wird tomatenrot anlaufen. Er wird die Augen sperrangelweit aufreißen, und ein junges, schmales Bürscherl aus Österreich wird den schwergewichtigen Kraftknubbel aus dem Berchtesgadener Land auf die Schulter nehmen und in die Höhe hieven. Ein Bild für Götter erwartet die Zuschauer der „Alpenländerkönigsmeisterschaft“ im Ranggeln, diesem uralten Kampfsport, bei dem Frauen erst gar nicht mitmachen dürfen. Weil Ranggeln viel zu heftig ist, zu schmerzhaft. Und weil Frauen ja nicht bei jeder Gaudi mitmachen müssen.

Aber noch ist es nicht so weit. Hans Koch steht neben den grünen Matten, auf denen er gleich ranggeln wird, Kampfzeit sechs Minuten. Er präpariert sich. Er zupft seine weiße, grifffeste Hose aus Leinenstoff zurecht, genau wie das weiße Hemd. Dann kippt er einen kleinen Wasserfall Franzbranntwein auf seine Hand und reibt großflächig Arme, Brust und Nacken ein. „Des macht locker“, sagt er. Koch ist ein Meister der Vorbereitung. Als Nächstes kramt er ein Schnupftabak-Döschen aus der Sporttasche hervor und packt sich eine gscheite Prise in die Nase. Nur drei Bayern machen bei dem Turnier mit, Hans Koch und die muskelbepackten Schwabl-Brüder Hans, 25, und Florian, 22, aus Inzell: Der Rest: alles Österreicher, haufenweise Österreicher und ein paar Südtiroler. Da muss man mit allen Mitteln kämpfen. Auch mit Schnupftabak, dem Ranggler-Dopingpräparat Nummer eins.

Ranggeln ist eine alpenländische Sportart, so ähnlich wie Ringen. Besonderheit: Es gibt keine Gewichtsklassen. Sprich: Jeder ranggelt gegen jeden. Die Dicken gegen die Dünnen. Die Großen gegen die Kleinen. Die Urviecher gegen die Schlakse. Ziel: den Gegner auf den Rücken zu legen. Dann ist der Kampf vorbei, dann hat man gewonnen. Der Legende nach haben die Senner vor ewigen Zeiten die Weidegrenzen ausgeranggelt. Und auch um die schönsten Madln im Dorf sollen einige Wettkämpfe über die Bühne gegangen sein. Erzählt man sich wenigstens. Anderswo hat man sich duelliert, in den Bergen traf man sich zum Ranggeln. Irgendwie eine wildromantische Vorstellung.

Vielleicht noch vier Minuten bis zum Kampf, hier in Taxenbach, nicht weit weg von Zell am See im Salzburger Land. Im Herzland dieser Sportart. Hier, wo sie noch ranggeln wie die Weltmeister und nicht wie in Bayern, wo das Ranggeln grad schwere Zeiten durchmacht, weil vielerorts die Kämpfer fehlen und vor allem der Nachwuchs fehlt. Hans Koch hat jetzt genug vom Rumstehen. Gleich geht’s zur Sache, Mann gegen Mann. Hochspannung, Nervenkitzel, Adrenalin. Aber der ehemalige Ringer geht erst mal zum Tisch mit den goldglänzenden Pokalen, willst ja wissen, für was du dir die Seele aus dem Leib ranggelst. Hans Koch fährt über einen der Pokale, ganz sanft. Er streichelt ihn. Einer der Organisatoren kommt zufällig zum Pokaltisch. Koch sagt: Die Preise bei einem der letzten Wettkämpfe, die hätten ihm nicht gefallen, ganz und gar nicht. Die waren furchtbar. „Die haben ausgesehen wie Urnen.“ Aber die Preise hier – bombig, wunderschön. Würd er sich liebend gerne daheim ins Wohnzimmer stellen.

Eigentlich hat ihm sein Arzt dringend abgeraten, jemals wieder auf die Matte zu steigen. Er hatte eine Augen-Operation, sechs Jahre hat er pausiert. Aber ranggeln ist eine Sucht. Seit dieser Saison fährt er wieder zu den Wettkämpfen in der Umgebung. „Die Freundschaft unter den Sportlern“, sagt er, der Kick beim Wettkampf. Das alles habe ihm gefehlt. „Des ist einfach leger hier“, sagt er. Dann rufen sie ihn auf die Matte. Koch klatscht mit seinem Gegner ab. Die Show beginnt.

Die Kämpfer krallen sich gegenseitig an den weißen Kampf-Leibchen fest. Jeder Muskel ist angespannt. Es sieht aus wie ein Tanz, Kopf an Kopf. Aber natürlich ist es Krieg, Stellungskrieg. Jeder versucht, seine Griffe anzubringen. Plötzlich liegt Koch bäuchlings auf dem Boden. Sein österreichischer Gegner packt ihn, nimmt ihn huckepack. Jetzt will er ihn auf den Rücken drehen. Dem Bayern drückt es die Pupillen vor Anstrengung raus, der Schweiß plätschert von seiner Stirn. Aber er wehrt den Angriff ab. Vorerst.

Die „Alpenländerkönigsmeisterschaft“ ist eines der größten und wichtigsten Turniere. Aber der Veranstaltungsort ist vogelwild: eine gigantische, leer stehende Industriehalle, in die sie Matten und Bierbänke für die Zuschauer gekarrt haben. Zudem einen Lkw mit Anhänger – als Zuschauertribüne. Eigentlich wird im Freien gekämpft, auf der Wiese, aber bei Regenwetter weichen die Veranstalter wie heute in die Halle aus. Hat auch einen gewissen, wenn auch vogelwilden Charme. Hinten im Eck werden Würstl und Steaks gegrillt, Rauchen ist überall erlaubt, wir sind schließlich in Österreich, Bier trinken und schnapseln sowieso. Bier, Würstl und Spiele – die Österreicher lieben es.

Ein paar hundert Zuschauer sind nach Taxenbach gekommen. Der Wettbewerb dauert den halben Tag, erst ranggeln die Kleinen, die sechs- bis achtjährigen Buben, bei denen die Mamis und die Trainer immer mal wieder Tränen trocknen müssen. Nicht weil sich die Buben verletzt haben, nein, weil sie verlieren so furchtbar finden.

Später am Mittag kommen dann die Erwachsenen. Die großen Brummer wie Hans Koch, der für den Chiemgauer Rangglerverein mit Sitz in Ruhpolding startet. Gerade packt er seinen Gegner am Bein. Er ist zum Gegenangriff übergegangen. Am Mattenrand sitzt Paul Sieber, eine bayerische Rangglerlegende. 140 Preise hat er in 23 Jahren Kämpfer-Jahren eingeheimst. Sieber, 43, ist Zimmerer und Vorstand der Chiemgau-Ranggler. „Die Maschine“ nennen sie ihn.

Gerade feuert er seinen Schützling an. „Koch, du musst angreifen. Koch, du musst ois riskiern. Koch, greif den anderen Fuß. Mei o mei, stell dich gerade hin.“

Aber die Anfeuerei hilft nicht. Der Schiedsrichter pfeift ab, die Kampfzeit ist vorbei. Kein Sieger, unentschieden. Was ziemlich doof ist, denn beim Ranggeln zählt ein Remis wie eine Niederlage – für beide Kämpfer. Sieber sagt: „Entweder du liegst oder du gewinnst. Bei Unentschieden bist weg.“ Gerade das macht den Sport so spannend, am Ende des Kampfes müssen die Ranggler alles riskieren. Sieber, ein sympathischer Hüne mit Ohrring, Tattoos und kolossalen Oberarmen sagt: „Seit es Menschen gibt, gibt’s Ranggeln. Klar, es ist ein harter Sport, totaler Vollkontakt, da geht’s zur Sache.“

Allein die Wurf- und Hebeltechniken haben verwegene Namen; sie heißen Armzug, Kreuzwurf, Hüftwurf, Fußfeger oder Abzwicker. Trotz aller Härte: Ranggeln ist ein durch und durch fairer Sport. Auf der Matte wird bis zur Erschöpfung gekämpft, neben der Matte freundschaftlich geplaudert. Die Ranggler erkundigen sich gegenseitig nach alten Verletzungen, vergangenen Turniererfolgen, der Familie und was man sonst noch von alten Spezln wissen will. Die Rangglerfamilie ist eine eingeschworene Gemeinschaft. Von ganzem Herzen wünscht man diesem traditionsreichen Sport auch in Bayern eine rosige Zukunft.

Hans Koch präpariert sich inzwischen schon wieder. Gleich ist sein nächster Kampf. Er reibt sich wieder mit Franzbranntwein ein, dann trinkt er noch einen Schluck davon. Na, servus. Ranggler sind die verwegensten, härtesten Hund von allen.

Dann steigt er wieder auf die Matte. Man darf es vorweg-nehmen: Er wird wieder tomatenrot anlaufen, schwitzen und leiden. Aber am Ende des Tages darf er einen Pokal mit nach Hause nehmen. Nicht den Größten. Den kriegt ein Österreicher, mal wieder. Aber dafür einen, der funkelt wie seine Augen, wenn er von seinem Herzenssport erzählt.

Stefan Sessler

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