Mehr Wildschweine denn je

Bayern droht eine saumäßige Plage

München - Den Wildschweinen gefällt es saugut in Bayern – sie haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten explosionsartig vermehrt. Nicht nur den Jägern und Landwirten bereitet das Sorgen. Auch die Staatsregierung hat sich längst auf Fährtensuche begeben.

Thomas Schreder hatte sich mehr erhofft. Er saß gestern nicht nur als Sprecher des Bayerischen Jagdverbandes auf einem der Zuhörerplätze im Landwirtschaftsausschuss des Bayerischen Landtages – sondern auch als Betroffener. Er ist selbst Jäger. Und Kreisvorsitzender des Jagdverbandes Erding. Er kennt die Schäden, die die Wildschweine auf Grünflächen oder in Mais- oder Weizenfeldern anrichten. Er weiß zu gut, dass die stetig steigenden Schwarzwildzahlen die bayerischen Jäger vor eine Herausforderung stellen. Und er hatte für sich und seine Kollegen auf eine Hilfestellung gehofft durch das Projekt „Brennpunkt Schwarzwild“, das die Staatsregierung vor vier Jahren beim Landwirtschaftsministerium in Auftrag gegeben hatte. Zwei Stunden lang hat Schreder geduldig zugehört – etwas wirklich Neues hat er nicht erfahren, sagt er danach.

Wie viele Wildschweine es zur Zeit in Bayern gibt, kann niemand sagen. Wildtiere sind nicht zählbar. Aber die Abschusszahlen sind ein Indikator für die Größe der Population – und die waren mit 66 000 im Jagdjahr 2012/13 in Bayern so hoch wie nie zuvor. Das hat mit den Lebensbedingungen zu tun, die für das Schwarzwild besser und besser werden. Warme Winter, viel Mais und Weizen auf den Feldern, keine natürlichen Feinde. „Für die Reduktion der Schwarzwildpopulation wäre es gar nicht schlecht, wenn es den Wolf gäbe“, sagt Niels Hahn, ein vom Landwirtschaftministerium beauftragter Jagdfachmann. Experten fürchten, dass sich durch die Ausbreitung der Wildschweine die in Osteuropa aufgetretene Afrikanische Schweinepest nach Westen ausbreiten könnte. Die Staatsregierung hat 365 000 Euro investiert, um in fünf besonders wildschweingeplagten Regionen Bayerns „Handlungsoptionen zu erproben“. Hahn stellte die Ergebnisse gestern vor. Es soll ein neues Informationsportal entstehen – eine Möglichkeit für Jäger, Wald- und Grundbesitzer, sich über Landkreis- und Reviergrenzen hinweg auszutauschen. Denn Probleme seien fehlendes Wissen und Egoismen der Jägerschaft, gegenseitige Schuldzuweisungen und mangelhafte Kommunikation. „Deshalb haben wir alle Beteiligten an einen Tisch geholt“, sagte Hahn. Landwirte, Jagdgenossen, Jäger, Förster, Waldbesitzer, Behördenvertreter. Diese Zusammenarbeit soll über das Projekt hinaus fortgesetzt werden – ein Novum, betont Hahn.

Schreder sieht das anders. „In meinem Landkreis Erding arbeiten wir längst eng zusammen“, sagt er. Außerdem gebe es bereits zwei Infoportale – vom Bauernverband und vom Jagdverband. Ein Informationssystem mache nur Sinn, wenn es von allen genutzt wird, betont Schreder. „Die bestehenden Systeme zusammenzuführen wird die große Herausforderung.“

Auch von den Informationen über Modellversuche mit der bisher in Deutschland verbotenen Nachtzieltechnik hatte er sich mehr erhofft. Hahn lieferte lediglich Zahlen, wie viele Wildschweine dank künstlicher Lichtquellen und Nachtsichtgeräten geschossen werden konnten. „Aber es fehlen Vergleichszahlen, die belegen, ob die Geräte die Abschusszahlen erhöht haben“, sagt er. Thomas Schreder war enttäuscht, als er gestern den Landtag verließ. „Für diese Erkenntnisse war kein dreijähriges Projekt nötig“, sagt er.

Auch die drei in Bayern vorkommenden Arten von Wildgänsen haben sich in den vergangenen Jahren stark vermehrt. Sie richten Schäden in der Landwirtschaft an und sorgen für Ärger, weil die Seeufer mit Gänsekot verdreckt sind. Noch ein Problem, das die Staatsregierung mit einem Arbeitskreis in den Griff bekommen möchte. Allerdings sind bei der Wildgansplage schon erste Maßnahmen umgesetzt. Die Jagdzeiten sind von August bis Mitte Januar ausgedehnt worden. Die Änderung tritt am 1. August in Kraft.

Katrin Woitsch

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