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Eine emsige Sekretärin mit rückenschonender Telefonapparatur um 1950.

Tag der Archive

Willkommen im Gedächtnis der Gesellschaft

München – Aktenberge, Staub, Neonlicht? Von wegen! Wer morgen, am Tag der Archive, einen Ausflug in die Vergangenheit macht, der staunt: Alles ganz anders – wie ein Blick ins Bayerische Wirtschaftsarchiv beweist.

An den Pfanni-Knödeln führt kein Weg vorbei. Wer zu Harald Müller ins Büro kommt, wird mit Handschlag begrüßt – und mit zwei Werbetafeln aus den 1950er-Jahren. Die Tafeln zeigen glücklich dreinschauende Hausfrauen – und dampfende Knödel. Müller, 41, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bayerischen Wirtschaftsarchiv, sagt: „Das ist einfach stark.“ Und erst das Knödellied! Er dreht sich um, geht zu seinem Schreibtisch, klickt im Computer. Auf dem Bildschirm erscheint ein Video, Musik tönt aus dem Lautsprecher. „Pfanni Knödel-lödel-lödel“, singt Müller, dunkle Haare, Brille, Rollkragen-Pullover. Willkommen bei der Ausstellung des Bayerischen Wirtschaftsarchivs „Frau M(m)acht. Weiblichkeit im Betrieb 1870-1970“ – eine Sonderausstellung zum morgigen Tag der Archive.

Seit 2001 gibt es diesen Tag. Seit 2009, dem Jahr, in dem das Kölner Stadtarchiv einstürzte, findet er im März statt, alle zwei Jahre. Heuer öffnen bundesweit 160 Archive ihre Türen – 21 in München. Archive seien das Gedächtnis einer Gesellschaft, schwärmen Fachleute. Müller vom Wirtschaftsarchiv sagt: „Archive erwecken die Vergangenheit zum Leben.“ Und in Müller wecken sie den Detektiv.

Er steht jetzt im Magazin, zweiter Stock. Überall Regale, überall Bücher. Und: eine Handvoll Tische. Auf einem dieser Tische liegt ein altes Arbeiterbuch, es sieht aus wie ein dickes Schulheft. Müller weiß genau, welche Seite er jetzt aufschlagen muss: „Hier, ein dokumentierter Mord“, sagt er. Ein Mann hat seine Frau umgebracht. Warum? Weiß keiner so genau. Müllers Spürsinn ist geweckt, aber bislang konnte er nicht viel rausfinden. Macht nichts, gibt ja noch mehr zu erzählen – auf fünfeinhalb Kilometern Regalflächen türmen sich allerhand Geschichten. Fünfeinhalb Kilometer: Das ist die Strecke vom Münchner Marienplatz bis zum Sechzger-Stadion.

Zum Beispiel die Geschichte mit der Kachel. Nicht irgendeiner Kachel, sondern einem Stück der einstigen Fassade des Bekleidungshauses Konen. Die Kachel ist Müllers Lieblingsstück. Allein schon diese Farbe – türkis! Und dann das Motiv: eine Katze, die über das Münchner Rathaus springt. Müller, der sich im Wirtschaftsarchiv so gut wie daheim fühlt, kennt natürlich den Werbespruch anno 1956 dazu. „Nur einen Katzensprung vom Marienplatz entfernt“, zitiert er – und sagt: „Das sind exakt 268 Schritte.“

Die schönsten Bilder zum Tag der Archive

Die schönsten Bilder zum Tag der Archive

Das wiederum ist genau die Entfernung, die Schauspielerin Margot Hielscher einst vom Marienplatz zu Konen zurücklegte – unter notarieller Aufsicht. Denn damals hatte das Modehaus ein Preisausschreiben gestartet: Die Kunden sollten erraten, wie viele Schritte es tatsächlich sind. In kürzester Zeit liefen und sprangen Horden von Kindern zwischen Marienplatz und Konen hin und her.

Müller könnte stundenlang erzählen. Da gibt es nämlich noch die Erfolgsgeschichte von Ilse Kubaschewski, „eine Powerfrau!“, die 1949 den Gloria-Filmverleih gründete, zig Filme produzierte – und zeitweise als reichste Frau Deutschlands galt. Oder die Story von Marie Therese Gegen, der das Bier von Löwenbräu seinen Namen verdankt. Die Dame nannte sich um 1750 die „Löwenbräuerin in der Löwengrube“ – und braute schon damals stattliche 90 000 Liter Bier pro Jahr. Nicht zu vergessen: die legendäre „Handelslehranstalt für Frauenzimmer“. Die hatte der Likörfabrikant Anton Riemerschmid 1862 gegründet. Denn er wusste schon damals: Frauen eigenen sich prima für kaufmännische Berufe.

Zugegeben: Auch Müller mag starke Frauen – und vor allem deren Geschichten. Und die gibt es im Wirtschaftsarchiv zuhauf. Nur eine Anekdote, die will Müller lieber unter vier Augen erzählen. Nämlich die, wie es die älteste Archivalie aus dem Jahr 1494 in sein Magazin geschafft hat. Aber vielleicht verrät er dieses Geheimnis ja morgen – bei der Sonderausstellung.

Das Wirtschaftsarchiv

hat am Samstag von 10 bis 17 Uhr geöffnet; Orleansstraße 10-12.

Katharina Selle

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