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Windenergie: Standorte in der Schublade

München – Zwei Promille von Bayern sollen für die Wind-Energie geopfert werden. So viel Platz braucht der Freistaat, um die geplanten bis zu 1500 Anlagen bauen zu lassen. Erstmals gibt es nun eine Karte, wo die Windräder machbar wären – sie wird unter Verschluss gehalten.

Das Staatsgeheimnis erinnert an einen akuten Fall von Masern. Zigtausende dicke rote Kreise übersähen eine gelb-orange Landkarte. Dabei sind die Flecken das Harmlosere: Wo die Karte rot ist, drohen keine Windräder. Gefährlicher sind die kleinen grünen Flächen.

Die Karte, von Experten im Auftrag des Umweltministeriums zusammengetragen, markiert alle Bereiche Bayerns, in denen sich Windräder bauen ließen. Die Kriterien-Liste ist lang. Erstmal muss regelmäßig Wind wehen, mindestens 4,5 Meter pro Sekunde in 140 Metern Höhe. Das nächste Wohnhaus muss 800 Meter weg sein, Mischgebiete 500 Meter, Gewerbeflächen wenigstens 300 Meter. Es darf keine zentrale Trinkwasserschutzzone sein, besser kein Vogelschutzgebiet, ja kein Biotop oder Naturschutzgebiet. Zu Straßen, Schienen, Stromleitungen muss 150 Meter Abstand eingehalten sein.

Ergebnis der rechtlich unverbindlichen Masern-Karte: In 1,9 Prozent Bayerns wären Windanlagen realisierbar. Die Befunde differieren regional. Oberbayern böte 1,1 Prozent, Mittel- und Oberfranken hingegen 2,9. Das Ziel, binnen zehn Jahren bis zu 1500 neue Windräder in Bayern zu installieren, ließe sich rechnerisch also ohne Probleme erreichen. Wohl aber steht politisch viel Ärger ins Haus.

Wenig ist in Bayern derzeit so umstritten wie der Bau der Windräder. Schlagworte: Verspargelung, Schattenwurf, Rotorenlärm. Der abstrakte Wunsch der Bevölkerung, die Energiewende zu meistern, endet just, wenn in der Nähe eine Windanlage entstehen soll. „Ich merke, dass da viel Emotionalität drin ist“, sagt der verantwortliche Umweltminister Marcel Huber (CSU). In diesem Dilemma versucht die Staatsregierung, ihre Ausbau-Ziele durchzusetzen und den Kommunen vor Ort zu helfen.

Wo der Wind weht: Hier ein Ausschnitt aus Bayerns Windatlas.

Die Karte, die seit heute nach offiziellen Angaben den Bürgermeistern zugängig gemacht wird, ist eine Planungshilfe. Vorerst allerdings soll sie geheim bleiben. Erst eine „öffentliche Bekanntmachung mit kleiner Verzögerung von zwei, drei Monaten“, verspricht Huber.

Die „kleine Verzögerung“ soll den Kommunen einen Vorsprung geben, damit sie sich zur Karte äußern können, damit sie mit Grundbesitzern reden können. Womöglich könne man Vorverträge abschließen, sagt zum Beispiel der Grafinger Bürgermeister Rudolf Heiler.

Ein Nebeneffekt der Verschlusssache ist aber auch, dass vorerst keine betroffenen Bürger Zugriff haben. Das zumindest erklärt der Ismaninger Bürgermeister Michael Sedlmair unverblümt bei der Vorstellung eines anonymisierten Prototyps der Karte im Huber-Ministerium: „Manchmal nerven’s ja auch, die bewegten Bürger.“ Der Freie Wähler, geladen als offizieller Repräsentant des Städtetags, ärgert sich über die Windkraft-Proteste und ihre Öffentlichkeitswirkung: Man müsse doch „nicht jeden grünschnäbeligen Hochflieger zur allgemeinen Meinung hochstilisieren“. Und, weil er gerade in Schwung ist, auch eine Medienschelte: „Nur der, der sich zu Wort meldet und Zoff macht, kommt mit Bild in die Zeitung.“

Nun aber dürfte der Druck auf die Rathäuser hoch sein, ihren Bürgern die lokalen Kartenausschnitte zugänglich zu machen. Bürgermeister und Landräte sollen ab dieser Woche ein Passwort anfordern können, mit dem sie Zugriff auf regionale Standort-Daten haben. Bisher ist für die Bevölkerung nur der Windatlas (siehe Grafik) im Internet zugängig, der die Windstärken in Bayern dokumentiert. Einzelne Planungsverbände, zum Beispiel im Oberland, haben außerdem schon eigene Standort-Vorschläge entwickelt, die aber auch nicht öffentlich verfügbar sind.

Der Weisheit letzter Schluss ist die neue Karte aus München nicht. Die Standort-Suche, am besten für ganze Windparks und nicht nur einzelne Stangerl, soll weitergehen. Hubers Mitarbeiter wollen sich den Freistaat ein zweites Mal vornehmen und dann die gelben Areale überarbeiten. „Wir schauen uns genau an, ob dort nicht im Einzelfall doch etwas möglich ist“, sagt der Minister. Und auch grüne Farbe bedeute nicht, dass dort wirklich ein Windrad landen wird: „Es muss nicht jede Fläche zwangsweise bebaut werden.“

Christian Deutschländer

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