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Sie liebt ihren Beruf – aber sie erträgt die Arbeitsbedingungen nicht mehr. Altenpflegerin Eva Ohlerth berichtet, wie menschenunwürdig die Pflege in Deutschland ist.

Die Kritik einer Pflegerin

„Wir Pflegenden müssen uns verbünden“

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Eva Ohlerth ist seit 26 Jahren Altenpflegerin. Sie liebt ihren Beruf, hat nie bereut, sich dafür entschieden zu haben. Aber sie kritisiert unermüdlich die Zustände in den Heimen und Krankenhäusern. 

München – Eva Ohlerth hört die Schreie bis auf den Gang. Es sind wütende Schreie – und sie stammen von einer Kollegin. Sie öffnet die Tür und sieht eine alte Frau im Bett liegen. Die Seniorin hat ihre Augen geschlossen. Als ob die Situation so leichter zu ertragen wäre. Sie hat in ihr Bett gemacht. Und die Pflegekraft, die es neu beziehen muss, ist wütend auf sie. Es ist nicht vorgesehen, dass sie heute Betten bezieht. Sie hat ohnehin zu wenig Zeit für das, was noch gemacht werden muss – und die nassen Laken machen es nun noch unmöglicher, alles in einer Schicht zu schaffen. Das sind Probleme, die auch Eva Ohlerth kennt – und trotzdem kann sie nicht glauben, was in diesem Zimmer gerade passiert. „Ich habe selten jemanden so angeschrien“, sagt sie und meint damit ihre Kollegin. Als die das Zimmer verlässt und Ohlerth mit der alten Dame allein ist, öffnet sie ihre Augen. Tränen sind darin zu sehen. Und tiefe Dankbarkeit.

„Wir täuschen vor, dass alles funktioniert“

Dieser Moment liegt viele Jahre zurück. Doch Eva Ohlerth bekommt noch heute eine Gänsehaut, wenn sie davon erzählt. Es war nicht der einzige Tag in ihrem Berufsleben, an dem sie nach der Arbeit geweint hat. Nicht weil sie nicht stark genug für ihren Job wäre – sondern weil sie die Bedingungen nicht ertragen kann, unter denen sie ihn machen muss. Der ständige Zeitdruck. Die schlecht besetzten Schichten – meist nur drei Pflegekräfte für 30 Bewohner. Die gestressten Kollegen. Am meisten aber ärgert Eva Ohlerth sich darüber, dass so viele Pflegekräfte ihren Beitrag dazu leisten, dass alles so bleibt, wie es ist. „Wir täuschen vor, dass alles funktioniert, indem wir Dinge dokumentieren, die wir gar nicht leisten können.“ Was dokumentiert ist, gelte als erbracht. „Solange das so ist, kann sich in der Pflege nichts ändern.“ Gleichzeitig ist Ohlerth überzeugt, dass die Pflegekräfte die Macht hätten, die Zustände zu verändern. „Wenn sie sich solidarisieren würden, ehrlich dokumentieren und die Probleme sichtbar machen.“ Wenn. Doch der kollektive Aufschrei fehlt, sagt die 58-Jährige. Und sie versteht sogar, wieso.

Wegen der Kritik begann das Mobbing

Wer sich gegen das System stellt, braucht viel Rückgrat. Das hat Eva Ohlerth in ihren 26 Jahren als Pflegekraft immer wieder erlebt. Kollegen schimpften hinter ihrem Rücken, weil sie sich weigerte, zu dokumentieren, was sie nicht leisten konnte. Oder weil sie sich mehr Zeit nahm für Patienten, als sie eigentlich hätte. Sie geriet mit Kollegen aneinander, weil sie beim Frühstück Toast und Kaffee nicht vermanschen wollte, nur damit es schneller geht. Oder weil sie sich weigerte, Klingeln außer Reichweite zu hängen, nur damit weniger Patienten die Pflegekräfte rufen können. Immer wieder hat sie die Heime gewechselt, immer wieder kamen dieselben Probleme – bis hin zu Mobbing. Einmal ging es so weit, dass ihr für ihren Nachtdienst wichtige Informationen über neue Medikamente einer Patientin bewusst vorenthalten wurden.

Es war der Moment, als Eva Ohlerth wusste, dass es so nicht mehr weiter geht. „Ich liebe meinen Beruf bis heute – aber ich habe die Umstände, unter denen ich arbeiten muss, nicht mehr ausgehalten“, sagt sie. Die Gereiztheit ihrer Kollegen wegen des permanenten Zeitdrucks. Die alten Menschen, die aufhören zu trinken, nur um den Pflegekräften weniger Arbeit zu machen. Immer wieder hörte sie von Patienten den Satz „Schwester, ich möchte sterben“ – „das hat mich krank gemacht“.

Eva Ohlerth ist damals in die Schweiz gegangen, um dort als Pflegekraft zu arbeiten. Es war derselbe Beruf – aber ein völlig anderes Arbeiten. Die Kantone unterstützen die Heime dort finanziell, wenn es nötig ist, erklärt sie. So können mehr Pflegekräfte eingestellt werden – und die seien laut Ohlerth hochmotiviert. „Die Heimleiter legen sehr viel Wert auf gute Pflege. Es gibt Mitarbeitergespräche, Fortbildungsangebote, ein höheres Gehalt – und vor allem viel mehr Wertschätzung.“

Vielleicht verändern die Jungen das System

Vor einiger Zeit ist Ohlerth nach Bayern zurückgekehrt – aus privaten Gründen. Sie sagt: „Ich möchte hier nie wieder in einem Heim arbeiten.“ Aber sie weiß, dass sie das Pflegethema nie loslassen wird. Deshalb will sie sich nun als Coach für junge Pflegekräfte selbstständig machen. „Vielleicht schaffen wir es, das System über die jungen Menschen zu verändern“, hofft sie. Sie will sie motivieren und bestärken, sich von der Dokumentationspflicht nicht einschüchtern zu lassen. „Wir brauchen eine ehrliche Debatte, fähige Heimleiter und Pflegekräfte, die sich zusammentun“, sagt sie. Nur so könne die Pflege in Deutschland menschenwürdiger werden.

Dass sie das sein kann, hat Ohlerth erlebt – auch wenn die Momente selten waren. Sie erinnert sich zum Beispiel daran, wie sie mit einigen Kollegen einmal Waffeln für die alten Menschen gebacken hat. Überall roch es danach, etliche Senioren erzählten ihr an diesem Tag lächelnd ihre Waffel-Rezepte von früher. Eva Ohlerth sagt: „Das war Pflege.“

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