Bestatter Luciano Peccolo und Bürgermeister Christian Schiller vor einem Kühlcontainer am Herrschinger Friedhof
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Vorsorge für den Ernstfall: Am Friedhof in Herrsching wurde gestern ein Kühlcontainer aufgestellt, falls die Kühlsarkophage in der Aussegnungshalle nicht mehr ausreichen sollten.

„Wir wurden vergessen“

Corona: Bestatter in Bayern stoßen an ihre Grenzen - dringender Impf-Appell an die Politik

  • Dominik Göttler
    vonDominik Göttler
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Die Bestatter in Bayern sind aktuell besonders gefordert. Doch wie schon im Frühjahr fühlen sich die Bestatter von der Politik vergessen: Sie fordern frühe Impfungen für ihre Mitarbeiter.

  • Bayerns Bestatter fordern eine schnelle Impfung für ihre Mitarbeiter.
  • In den Krematorien steigt die Zahl der Einäscherungen.
  • Kommunen rüsten sich für einen Anstieg der Todesfälle.

München – Der Dezember war ein Monat, den die Bestatter so schnell nicht vergessen werden. „Im Winter haben wir über die vergangenen Jahrzehnte ohnehin ein höheres Sterbeaufkommen, aber die Corona-Pandemie hat man im Dezember noch einmal deutlich gespürt“, sagt Karl Albert Denk vom gleichnamigen Bestattungsunternehmen aus Erding. Die Pandemie hat den Berufsalltag der Bestatter nicht leichter gemacht. FFP2-Masken, Vollkörperanzüge, desinfizierte Leichentücher. Eine Verabschiedung am offenen Sarg ist für die Angehörigen derzeit kaum möglich, auch der persönliche Kontakt von Bestattern und Angehörigen muss in diesen Zeiten knapp gehalten werden – ausgerechnet in Momenten, in denen eine psychische Stütze wichtiger ist denn je.

Corona in Bayern: Bestatterverband fordert Priorität bei den Impfungen

Doch die Bestatter fühlen sich von der Politik vergessen – schon wieder. Bereits im Frühjahr wurden die Bestatter erst nach lauten Protesten als systemrelevante Berufsgruppe eingestuft, was ihnen schließlich doch noch den Zugang zu Hygienemitteln wie Handschuhen sicherte. Und auch jetzt fürchtet der Vorsitzende des bayerischen Bestatterverbands, Ralf Michal, dass seine Kollegen erneut vergessen werden. Beim Impfen.

Bestatter und Mitarbeiter seien bislang in keiner Gruppe, die früher geimpft werden, kritisiert er. Dabei seien die Bestatter besonders häufig in Kontakt mit infizierten Personen. „Wir brauchen deshalb dringen Priorität bei den Impfungen“, fordert Michal.

Corona-Ansteckungsgefahr von Verstorbenen noch nicht erforscht

Karl Albert Denk unterstützt diese Forderung. „Da geht es nicht nur um den Eigenschutz. Wir sind tagtäglich in Krankenhäusern und Altenheimen unterwegs und haben Kontakt zu Angehörigen von Covid-19-Verstorbenen. Da besteht die Gefahr, dass das Virus verschleppt wird.“ Wissenschaftlich umstritten ist noch immer, wie lang auch Tote das Virus noch weitergeben können. „Solange da keine Klarheit herrscht, sollten wir hier lieber Vorsicht walten lassen“, sagt Denk.

Auch Ralf Hanrieder, Bestatter mit Sitz in Dachau, fordert mehr Augenmerk für seine Branche. „Wenn bei einem großen Bestattungsunternehmen plötzlich viele Mitarbeiter in Quarantäne müssen, dann kann das System schnell zusammenbrechen.“ Die Angst vor einer Ansteckung schwingt natürlich auch bei den Mitarbeitern immer mit.

Corona-Sterblichkeit im Freistaat: Im Dezember fast ein Drittel mehr Einäscherungen

Auch in den Krematorien wird deutlich, welche Auswirkungen die zweite Corona-Welle mittlerweile hat. „Im Dezember haben wir fast ein Drittel mehr Einäscherungen durchgeführt als im Vorjahr“, sagt Thomas Engmann, der die Feuerbestattungsanlage in Traunstein betreibt. Auch im April habe es einen kurzfristigen Anstieg gegeben, der wohl auf einige Corona-Hotspots zurückzuführen sei. Im Dezember sei die Übersterblichkeit bundesweit festzustellen. Das Bedürfnis der Bestatter nach einer früheren Impfung kann Engmann deshalb gut nachvollziehen. In Traunstein hat er vom Zwei- auf den Drei-Schicht-Betrieb umgestellt, auch am Wochenende wird nun eingeäschert, um die Aufgabe zu bewältigen. Eine Situation wie in Nürnberg, wo die Toten nach den Feiertagen zeitweise in Kühlcontainern gelagert werden mussten, weil das Krematorium die Kapazitätsgrenze erreicht hat, drohten in Traunstein aber nicht. „Der Anstieg ist deutlich. Aber wir können ihn bewältigen“, sagt Engmann.

Trotzdem wird auch in Südbayern vorgesorgt. An den städtischen Friedhöfen in München stehen beispielsweise schon seit März Kühlcontainer, falls die Zahl der Toten weiter drastisch ansteigen sollte. Gestern wurde auch in Herrsching ein entsprechender Container aufgestellt. Sowohl in München als auch in Herrsching lautet die Botschaft aber: „Wir hoffen, dass wir sie nicht brauchen.“

Seit Montag gelten in Bayern strengere Corona-Regeln. Das sorgt in Passau für Zoff - muss Ministerpräsident Markus Söder vermitteln? Derweil verkündete der Ministerpräsident die neue FFP2-Maskenpflicht für Geschäfte un den ÖPNV. Alles was Sie zu der neuen Regel wissen müssen, lesen Sie hier,

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