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Ärger zwischen Jägern und Förstern: Das milde Wetter hat die Jagd auf Rehe erschwert, zu wenige Tiere wurden erlegt. In einigen Revieren soll jetzt die Schonzeit verkürzt werden. Der Jagdverband protestiert.

Wirbel um kürzere Schonzeit für Rehe

München - Ärger zwischen Jägern und Förstern: Das milde Wetter hat die Jagd auf Rehe erschwert, zu wenige Tiere wurden erlegt. In einigen Revieren soll jetzt die Schonzeit verkürzt werden. Der Jagdverband protestiert.

Da passt wirklich alles zusammen. Der November so warm wie noch nie, der Dezember zu weiten Teilen ohne Schnee, heftige Stürme, plötzlich viel Schnee in den Alpen, und dann auch noch fette Jahre im Wald. Buche und Eiche sind in der Mast und tragen viele Früchte, die Tiere im Wald haben mehr als genug zu fressen – das alles sind Faktoren, die Jägern eine Sache in diesen Monaten sehr schwer machen: den Abschuss von Rehen, die bei milden Temperaturen und wenig Schnee schlechter zu erwischen sind. Darüber ist jetzt ein Streit zwischen Jagdverband, Staatsforst beziehungsweise Waldbesitzern und Wildbiologen entbrannt.

Zum Hintergrund: Um Wildschaden an Bäumen möglichst gering zu halten, müssen sich Jäger an Abschussquoten halten. Diese werden alle drei Jahre erstellt, Grundlage ist das Verbissgutachten im jeweiligen Revier. Fällt das gut aus, muss der Jäger nicht jedes Jahr auf seine Quote kommen, erst nach drei Jahren muss die Bilanz stimmen. Fällt es allerdings schlecht aus, müssen die Zahlen jährlich passen – sonst kann die Untere Jagdbehörde, das Landratsamt, Bußgelder verhängen. Stichtag ist nach dem Bayerischen Jagdgesetz der 15. Januar – denn danach dürfen Rehe und Rehkitze nicht mehr abgeschossen werden. Schonzeit. Schießt ein Jäger bis dahin nicht genügend Rehe, kann er beim Landratsamt eine Verlängerung der Jagdsaison beantragen.

Die Bayerischen Staatsforsten haben das jetzt erfolgreich getan, in etwa zehn Prozent der knapp 700 Reviere. Auch einige private Revierinhaber, die Waldbesitzervereinigung Holzkirchen zum Beispiel, brauchen mehr Zeit, um ausreichend weibliche Rehe und Kitze zu erlegen. Es geht um einen Aufschub bis 31. Januar, also um zwei Wochen.

Was ist das Problem? Da wäre zunächst die Mast von Buche und Eiche. Alle paar Jahre tragen die Bäume besonders viele Früchte, für die Tiere im Wald ist die Tafel auch heuer reich gedeckt: „Wir haben Kitze erlegt, die sind so schwer wie sonst mehrjährige, schwächliche Rehe“, erklärt Andreas König, Leiter der Arbeitsgruppe Wildbiologie an der Technischen Universität München. Diese guten Bedingungen wirken sich auch auf die Population aus, sagt König. Je gesünder die Rehe, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre neuen Kitze gesund zur Welt bringen – im Frühjahr wächst die Zahl der Rehe also so oder so stark an. Der zweite Punkt ist, so erklärt der Wildbiologe, dass das Wetter die Jagd in den vergangenen Monaten erschwert hat. Weil lange gar kein Schnee lag, war das Wild in seiner Bewegungsfreiheit kaum eingeschränkt und schwer vor die Büchse zu bekommen. Bei Wind und Sturm hören die Tiere den Jäger unter Umständen schon, bevor er sich überhaupt in ihrer Nähe befindet. Und: Weil es im Wald ausreichend Futter gibt, streunen die Rehe kaum in unbekannte, ungeschützte Gebiete, um zu fressen. Viel Nachwuchs und zu wenig erlegte Tiere – das führt ab Frühjahr Experten zufolge zwangsläufig zu großen Verbissschäden.

Auch Rudolf Plochmann, Betriebsleiter der Staatsforsten Bad Tölz (dazu gehören auch Reviere im Kreis Garmisch-Partenkirchen und Weilheim-Schongau) hatte große Schwierigkeiten, die Quoten zu erreichen, in manchen Gegenden wurden nur 70 Prozent erlegt. Er spricht von einem „Ausnahmezustand“. Einige Anträge auf Verlängerung des Abschusses sind inzwischen genehmigt, andere – für Gebirgsregionen – hat Plochmann zurückgezogen. Dort liegt inzwischen Schnee, man will die Tiere in Ruhe lassen.

Der Bayerische Jagdverband kritisiert die Staatsforsten in aller Deutlichkeit. Die BaySF hätten sich möglicherweise durch zu hohe, unrealistische Abschusspläne unter Erfolgszwang gesetzt. Jagdpräsident Jürgen Vocke lehnt eine „pauschale Aufhebung der Schonzeit“ ab – allerdings ist davon in den Anträgen gar nicht die Rede. Vocke argumentiert mit Tierschutz: Bewegungsjagden über den 15. Januar hinaus seien zusätzlicher Stress und bedeuteten Energieverluste für das Wild. Dem widerspricht Wildbiologe König: „Es spricht nichts gegen die Jagd.“

Noch vor zwölf Jahren hätte es die Diskussion möglicherweise gar nicht gegeben. Denn erst im Jahr 2000 wurde das Bayerische Jagdgesetz dahingehend geändert, dass die Schonzeit ab 15. Januar gilt. Zuvor hatten die Jäger ohnehin zwei Wochen länger Zeit. In allen Bundesländern außer in Bayern und Thüringen gilt dies übrigens nach wie vor.

Von Carina Lechner

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