Wirtschaftskraft: Darum steht Bayern so gut da

München - Gesunder Arbeitsmarkt, gutes Geschäftsklima, boomende Landkreise: Bayern, zumal im Süden, strotzt vor Kraft. Das geht schon eine Weile so – weil vor langer Zeit ein starkes Fundament geschaffen wurde.

Bayern trotzt der Krise – zumindest schon mal an der Nachrichtenfront. Das ifo-Institut hat ein erstaunlich gutes Geschäftsklima gemessen (siehe Titelseite), das Institut für Arbeits- und Berufsforschung stuft die Großregion München als besten Arbeitsmarkt Deutschlands ein (Grafik rechts). Im neuen Ranking von „Focus Money“ (Kasten rechts) stehen vier Landkreise aus Oberbayern in punkto Wirtschaftskraft an der Spitze – bundesweit. Woher nimmt Bayern diese Kraft? Wie so oft findet man Antworten in der Vergangeheit.

Bayern war gar kein Agrarland

Jeder lernt: Bayern war lange, lange ein Agrarland. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte eine sprunghafte Entwicklung in die Moderne, zum Industriestaat ein. Diese Lesart hat nur einen Schönheitsfehler. Sie ist, sagt Dirk Götschmann, schlicht falsch. Er ist Professor für Landesgeschichte an der Universität Würzburg und sollte es wissen: Er hat ein dickes, einschlägiges Buch geschrieben (Wirtschaftsgeschichte Bayerns – 19. und 20. Jahrhundert, Pustet Verlag, 672 Seiten, 49,90 Euro).

Götschmann betont: Bayern war 1945 längst schon ein Industriestaat mit den großstädtischen Zentren Nürnberg, München und Augsburg. Dazu gab es viele meist familiär geführte Klein- und Mittelbetriebe im ganzen Land. Bayern sei eben kein Agrarland gewesen, sondern musste schon vor dem Krieg landwirtschaftliche Güter importieren. Und eben dieser Mangel an Agrargütern war ein entscheidendes Argument fürs Durchstarten der Industrie nach Kriegsende.

Bayerns Volksvertreter hatten es nach 1945 gegen die US-Militärverwaltung nicht leicht, die entschied alles. Und war gerade dabei, Industrieanlagen im großen Stil zu demontieren. Nun fragten die Bayern: „Wie sollen wir unsere Bevölkerung ernähren?“ Das ging schon vor dem Krieg nicht, nun kamen Millionen Vertriebene und Flüchtlinge dazu. „Wir brauchen Fabriken“, sagten sie. Das zog: Die Demontage der Industrie wurde gestoppt, Bayerns Industrie-Zentren konnten fast nahtlos an die Vorkriegsentwicklung anknüpfen. Nur schmiedeten die Arbeiter nun Bratpfannen, statt an Militärfahrzeugen zu schrauben.

Früher Sprung in die Moderne

Der Grundstein für das Industrieland Bayern wurde allerdings anderthalb Jahrhunderte früher gelegt. Den entscheidenden Sprung nach vorne machte Bayern während der Amtszeit des großen Reformers Maximilian Graf von Montgelas (1759-1838). Der war eine Ein-Mann-Denkfabrik für Modernisierung. Von 1799 bis 1817 wälzte er Bayern um: Aus dem zersplitterten Kurfürstentum mit seinen vielen fürstlichen, kirchlichen und städtischen Klein-Territorien formte er einen geschlossenen Staat mit einer Verwaltungsstruktur, die im Kern bis heute Bestand hat. Fallende Zollschranken und klare Zuständigkeiten sorgten dafür, dass sich die Wirtschaft entwickeln konnte.

Auch die moderne Staatsverwaltung selbst schuf Nachfrage: Sie brauchte Geräte – etwa zur Landvermessung oder zur Erschließung von Bodenschätzen. Vor allem durch diesen Bedarf entwickelte sich in München ab 1804 die optische und feinmechanische Industrie, für die die Unternehmerpersönlichkeiten Joseph von Utzschneider, Georg-Friedrich von Reichenbach und das Erfindergenie Joseph von Fraunhofer stehen. Und der Staat war Großkunde.

Geldnot als Entwicklungsmotor

Vor 200 Jahren litt Bayern an einer erdrückenden Erblast: Das Land saß in der Schuldenfalle – wie Griechenland heute. Vor allem die gigantischen Ausgaben für das viel zu große Heer hatten es ruiniert. Bauern und Bürger ächzten schon unter den Abgaben, da war nichts mehr zu holen. Also blieb keine Wahl: Man musste sich wirtschaftlich entwickeln – denn nur wer genug Geld erwirtschaftet, kann vom Staat wieder zur Kasse gebeten werden. So wurden die Könige und ihre Verwaltungen aus purer Geldnot zum Motor des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritts – während Stände und Parlamente eher blockierten.

Im Zentrum stand Montgelas mit seiner Staatsreform. Wo es ging, hat er die Bedingungen für Unternehmen verbessert. Aber er legte nur die Basis: Die Gewerbefreiheit, die er wollte, konnte er gegenüber den Zünften nicht durchsetzen, Gewerbe- und Industrieansiedlungen blieben bis in die 1870er-Jahre streng regelmentiert. Die Bauernbefreiung scheiterte am Landadel. Sie kam in Bayern erst spät: 1849.

Dabei konnten die Bayern im eigenen Land die Vorteile von mehr Freiheit beobachten. In der bis nach dem Zweiten Weltkrieg bayerischen Pfalz waren die Bauern schon unter Napoleons Herrschaft frei geworden. Ebenso setzte die französische Verwaltung die Gewerbefreiheit durch. Die Pfalz war nicht zuletzt deshalb immer schon der am stärksten prosperierende Teil Bayerns gewesen.

Rohstoffmangel als Chance

Bayern ist ein rohstoffarmes Land. Als bei der Metallverarbeitung Steinkohlekoks die Holzkohle ablöste, war die Oberpfalz als Ruhrgebiet des Mittelalters aus dem Rennen. Weder die heimische Braun- noch die Pechkohle ließen sich verkoken. So musste Bayern, wie Dirk Götschmann sagt, durch hochwertige Produkte den Mangel an Bodenschätzen ausgleichen. Kurz: Man setzte auf eine hohe industrielle Wertschöpfung.

Die Folge: Die optische Industrie in München war um 1850 Weltklasse, ebenso die Textilindustrie in Augsburg. Weil dort die Fabriken mangels anderer Energiequellen auf die Wasserkraft des Lechs angewiesen waren, entwickelte sich in Augsburg auch der Maschinenbau – aus purer Not. Als woanders noch Wasserräder verschwenderisch mit der Kraft des fließenden Wassers umgingen, holten in Augsburg bereits Turbinen das letzte bisschen Energie aus dem Fluss. So konnte der steigende Bedarf von immer mehr Maschinen gedeckt werden. Wieder einmal galt der Satz: Vorsprung durch Mangel.

Ein Netzwerk aus Stahl und Stein

Waren müssen von der Fabrik zum Kunden kommen, Rohstoffe in die Fabrik. Das klappte im frühen Königreich nirgendwo so richtig: In Franken gab es zu wenige, aber gut unterhaltene Straßen, in Altbayern ein Sammelsurium ungepflegter Verkehrswege. So begannen königliche Beamte das Verkehrsnetz in Bayern auszubauen. Moderne Straßen verbanden Dörfer, Brücken überwanden Flüsse. Auch in Marktflecken und kleinen Städten entstanden Fabriken, die für Wohlstand sorgten – und für Steuergelder. Bei den geplanten Wasserstraßen für schwere Güter kam man nicht weit. Sichtbar sind diese Pläne am Ausbau von Naab und Laaber in der Oberpfalz oder am Ludwig-Main-Donau-Kanal, einer ersten schiffbaren Verbindung zwischen Main und Donau.

Doch dann kam die Eisenbahn – gefördert von König Ludwig I. Nach den privaten Pionier-Linien Nürnberg–Fürth und München–Augsburg entstand zwischen 1843 und 1854 die Ludwig-Süd-Nord-Bahn, eine 548 Kilometer lange Bahnverbindung zwischen Lindau und Hof, die zum wirtschaftlichen Rückgrat Bayerns wurde. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg löste die Straße die Schiene ab: „Gute Straßen bis ins kleinste Dorf“, so lautete das Motto für den Ausbau eines Straßennetzes, das vor allem Gewerbe- und Industrieansiedlungen außerhalb der Ballungszentren fördern sollte.

Bayern entdeckt den Rohstoff Geist

König Maximilian II. Joseph (1811-1864) war ein Vordenker der Wissensgesellschaft: Er scharte die geistige Elite um sich, holte Gelehrte als Professoren an die Landesuniversität, die teils als „Nordlichter“ verspottet wurden. „Er hatte dabei gar nicht so sehr die Wirtschaft im Sinn“, sagt Historiker Götschmann. Aber die geballte Expertise schlug auch auf die Ökonomie durch. Aus Gewerbeschulen wurden allmählich Polytechnische Hochschulen. Erfinder wie Rudolf Diesel (1858-1913) oder Carl von Linde (1842-1934) lernten und lehrten dort. In der wachsenden Industrie fanden sie die Basis, um ihre Ideen zum wirtschaftlichen Erfolg zu führen. Von damals lässt sich eine direkte Linie ins Hightech-Land Bayern von heute ziehen.

Die Politik lässt wirtschaften

Heute ist Bayern ein Wirtschaftsriese. Welche Rolle spielte die moderne Politik? Götschmann kommt da zu einer überraschenden Einschätzung. Vor allem die Rolle von Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber, die als besonders wirtschaftsfreundlich gelten, beurteilt er zwiespältig. Beide hätten sehr unmittelbar auf die Wirtschaft Einfluss genommen – Strauß mit der Förderung der Rüstungsindustrie, Stoiber durch seine „Clusterpolitik“, die gezielt auf von ihm definierte Zukunftsbranchen setzte. Allerdings: „Beide haben zu sehr in die Wirtschaft hineinregiert“, findet er. „Der Staat soll die Rahmenbedingungen setzen und die Unternehmen machen lassen.“

Vorbildlich seien eher andere gewesen: Götschmann nennt vor allem Hanns Seidel (CSU, Wirtschaftsminister von 1947 bis 1954, Ministerpräsident von 1957 bis 1960), sowie den CSU-Wirtschaftspolitiker Otto Schedl. Seidel setzte vor allem mit einer guten Infrastruktur einen leistungsfähigen Rahmen, nahm aber nicht auf die Entwicklung von Unternehmen selbst Einfluss. Schedl (Wirtschaftsminister 1957 bis 1970) hat gegen massive Widerstände den defizitären Kohlebergbau eingestellt. Zugleich trieb er den Bau von Erdölpipelines nach Bayern voran – Grundstein der petrochemischen Industrie im Freistaat.

Und schließlich: der Gorbatschow-Faktor

Kaum jemand denkt heute noch an Grenzen – doch bis 1990 hatte Bayern reichlich davon. Österreich (noch nicht in der EU), die sozialistische Tschechoslowakei, die DDR und die Schweiz – zwei Drittel der Grenzen Bayerns waren zugleich Zollschranken. Die Randlage Bayerns war lange Zeit ein Standortnachteil. Doch dann kam Michail Gorbatschow, dann die Wiedervereinigung, später die EU-Beitritte von Österreich (1995) und Tschechien (2004). Die Barrieren fielen. Das Land rutschte vom Rand ins Zentrum Europas. Ein eigener Beitrag der bayerischen Politik zu dieser historischen Veränderung war gar nicht nötig gewesen. „Man hätte gar nicht so viel falsch machen können, um aus dieser Entwicklung nicht noch einen Vorteil zu ziehen“, sagt der Historiker Götschmann. Bayern hatte auch Glück. Das Glück der Tüchtigen.

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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