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Innovatives Wohnzentrum in Amerang: Assistenzsysteme für mehr Barrierefreiheit - Betroffene können probewohnen

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Von: Katrin Woitsch

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Eine Rollstuhlfahrerin auf dem Weg in ihre Wohnung
Rollstuhlfahrer oder Menschen mit Pflegebedarf können von technischen Hilfen im Alltag profitieren. © Patrick Seeger

In Amerang entsteht ein besonderes Wohnzentrum. Senioren, Pflegebedürftige oder Menschen mit Behinderung können dort kostenlos probewohnen und Assistenzsysteme für einen selbstbestimmten Alltag testen – und mitentwickeln.

Manchmal sind es schon ganz kleine Dinge, die einen komplizierten Alltag etwas einfacher machen können. Zum Beispiel ein Badezimmer-Spiegel, der sich schräg stellen lässt. „Für Rollstuhlfahrer ist das eine Möglichkeit, sich im Spiegel besser sehen zu können“, erklärt Projektleiterin Sabine Ittlinger. Natürlich gibt es noch deutlich wichtigere Hilfsmittel, ohne die das Leben in den eigenen vier Wänden für viele Senioren oder Menschen mit Einschränkungen nicht möglich wäre. Sturzsensoren zum Beispiel. Oder ein Duschrollsitz, der auf einer Schiene in die Duschkabine fährt, sodass Menschen mit Gehbehinderung keine Schwelle überwinden müssen. Es geht um große und kleine Hilfen, die Betroffenen und deren Familien den Alltag erleichtern sollen – und einen Alltag in den eigenen vier Wänden überhaupt erst möglich machen.

Ein Ehebett, das teilbar ist. Eine Hälfte ist als Pflegebett nutzbar.
Teilbares Ehebett: eine Variante, die Paare testen können, von denen eine Person pflegebedürftig ist. © TH Rosenheim

Die Räume in dem neuen Wohnkompetenzzentrum in Amerang (Kreis Rosenheim) sind mit vielen technischen Raffinessen ausgestattet. Und es sollen noch etliche weitere dazukommen. „Das Zentrum soll an den Bedürfnissen der Menschen wachsen“, sagt die Projektleiterin Ittlinger.

Das Wohnkompetenzzentrum „Dein Haus 4.0“ ist das erste dieser Art in Bayern. Die ortsansässige Ernst-Freiberger-Stiftung hat dafür ein dreistöckiges ehemaliges Apothekengebäude barrierefrei umbauen lassen und es der Technischen Hochschule Rosenheim zur Verfügung gestellt. Die Studenten der Fakultät für Angewandte Gesundheits- und Sozialwissenschaften sollen die neuen Assistenzsysteme erproben und weiterentwickeln. Dazu befindet sich auf den 450 Quadratmetern eine Lehr- und Ideen-Werkstatt.

Das Wohnkompetenzzentrum in Amerang.
Auf 450 Quadratmetern werden die Assistenzsysteme in Amerang getestet und weiterentwickelt. © TH Rosenheim

Und auch Menschen mit Einschränkungen sollen sich einbringen können. Das Wohnzentrum solle mit ihren Bedürfnissen wachsen, erklärt Ittlinger. Interessierte können sich nicht nur beraten lassen, sondern auch in den Testwohnungen probewohnen. Zum Beispiel für Menschen, die nach einem Schlaganfall oder einem Unfall mit Einschränkungen leben müssen, sei dieses Wohnzentrum eine wichtige Hilfe, erklärt Ittlinger. „Wer mit einer Behinderung aus einem Krankenhaus kommt, weiß schließlich noch nicht, was er zu Hause braucht.“ Auch Long-Covid-Patienten könnten auf Assistenzsysteme angewiesen sein, fügt sie hinzu. „Wir wissen noch so wenig über diese Krankheit und welche Einschränkungen bleiben werden.“

Das Probewohnen ist kostenlos. Wer im Alltag einen Pflegedienst braucht, müsse ihn sich allerdings selbst organisieren, erklärt Ittlinger. Die Wohnungen sind unterschiedlichen Anforderungen entsprechend ausgestattet. In einer gibt es zum Beispiel ein Ehebett, das sich teilen und rollen lässt. Die Technik erklären lassen können sich Interessierte in einem Schulungsraum. Die Assistenzsysteme betreffen alle Alltagsbereiche – von der Selbstversorgung, über Kommunikation, bis hin zu beruflicher Partizipation, Freizeitaktivitäten und Entwicklungsförderung.

Der Freistaat fördert das erst mal auf viereinhalb Jahre angelegte Projekt mit 3,7 Millionen Euro. Denkbar sei auch, das Zentrum in Amerang weiter auszubauen, kündigt Ittlinger an. Je nach Nachfrage sei zum Beispiel eine dritte Wohnung denkbar.

Kontakt

Weitere Infos zum Projekt und zum Probewohnen gibt es bei der Koordinatorin Henrike Martius: 0 80 31/805 27 08 oder henrike.
martius@th-rosenheim.de.

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