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Blick in die Zukunft: So soll das Dorf im Inntal im Jahr 2020 aussehen. Dann werden rund 800 Menschen dort zusammenleben.

Neues Wohnprojekt

Deutschlandweit einzigartig: Im Inntal entsteht das perfekte Dorf

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Es soll die perfekte Gemeinschaft werden. Im Inntal entsteht ein neuartiges Wohnprojekt. Eine Art Dorf im Dorf, gewachsen in nur zehn Jahren. Alt und Jung, Familien und Singles wollen dort etwas wiederfinden, das im Alltag immer mehr verloren geht: echte Nachbarschaftshilfe.

Brannenburg – Rupert Voß, 51, träumt gerne große Träume. Sein aktueller Lieblingstraum wird gerade vor seinen Augen Realität. Er kann vom Schreibtisch aus zusehen. Lieber tritt er dafür aber auf den Balkon vor seinem Büro. Von dort aus hat er einen unbezahlbaren Blick auf die Chiemgauer Alpen – und auf Bagger, Baugruben und Lastwagen. Rupert Voß steht inmitten einer rund 15 Hektar großen Baustelle. Er sieht eine Idee wachsen, die ihn im Kopf seit Jahren begleitet. Zufrieden lächelnd beobachtet er, wie um ihn herum ein ganzes Dorf entsteht.

Noch im Entstehen: Rund 280 Menschen leben bereits im Dorf. In Kürze beginnt der dritte Bauabschnitt.

Im Inntal entsteht gerade ein Wohnprojekt, das deutschlandweit einzigartig ist. Initiator ist der Unternehmer Wolfgang Endler. Er hat vor fünf Jahren ein ehemaliges Kasernen-Areal in Brannenburg im Kreis Rosenheim erworben, das so groß ist wie 21 Fußballfelder. Früher waren dort Gebirgspioniere der Bundeswehr untergebracht. Endler hat sich mit dem Sozialunternehmer Rupert Voß zusammengetan. Gemeinsam bauen sie in zehn Jahren das perfekte Dorf.

Ein perfektes Dorf für Singles, Familien, Alleinerziehende und Senioren

„Dahoam im Inntal“ heißt es. Familien, Singles, Alleinerziehende und Senioren sollen hier ab 2020 leben. Nicht anonym nebeneinander – sondern als funktionierende Gemeinschaft. Dabei helfen Endler und Voß etwas nach. Sie haben ein Online-Netzwerk aufgebaut, auf das jeder Bewohner zugreifen kann. Es ist eine Art Suchmaschine des Miteinanders. Jeder kann dort etwas anbieten. Nachhilfestunden, eine Fahrgemeinschaft, einen Babysitter. Oder nach etwas suchen. Nach einem geliehenen Grill oder Hilfe beim Einkaufen. Jeder bringt sich so weit in die Gemeinschaft ein, wie er möchte. Jeder kann mit einer Idee sofort das ganze Dorf erreichen. Zum Beispiel, um eine Schafkopfrunde oder eine Bergtour zu organisieren. „Früher hat jeder seine Nachbarn gekannt“, erklärt Voß. Es war normal, sich gegenseitig zu helfen. Das ist nicht mehr die Realität. „Die Welt ist anonym geworden.“ Anonymer, als es sich viele Menschen wünschen. Deshalb kommt die Idee von dem perfekten Dorf so gut an.

Das beweist die Nachfrage. Etwa 280 Menschen leben bereits dort. Die ersten 50 Eigentumswohnungen waren schnell verkauft. 50 Grundstücke sind an private Bauherren vergeben und teilweise schon bebaut. Und selbst im nächsten geplanten Bauabschnitt sind bereits 80 Prozent der Wohnungen vermietet oder verkauft. „Wir machen keine Werbung mehr für unser Projekt“, sagt Voß. Drei Jahre nach Baubeginn ist es ein Selbstläufer geworden. Es scheint, als hätten sie mit ihrer Idee den Nerv der Zeit getroffen.

Normalerweise wächst ein Dorf über Generationen

Vor einigen Wochen ist Voß’ aktuelles Lieblingsstück fertig geworden. Die große Uhr auf dem Zwiebelturm. Jahrzehntelang hat sie auf dem großen Kasernengebäude gethront. Den Turm haben sie nachgebaut. Das goldene Zifferblatt ist von überall zu sehen. „Ich war 20 Mal oben auf dem Gerüst, bis ich zufrieden war“, erzählt Voß und schmunzelt. Die Uhr musste perfekt werden. Sie ist nun mal ein so wunderbar passendes Symbol. Für Lebenszeit. Für den Wandel der Zeit. Für die InnZeit Bau GmbH, die die Zeit ein wenig zurückdreht. Zu den Tagen, als Nachbarschaftshilfe noch selbstverständlich war. Vielleicht ist sie damit auch ihrer Zeit voraus – das zumindest hofft Rupert Voß. Es kommen bereits Anfragen von interessierten Kommunen in anderen Regionen. Sie beobachten genau, was gerade im Inntal entsteht.

Der Unternehmer vor seinem Lieblingsobjekt: Die Turmuhr ist für Rupert Voß ein wichtiges Symbol.

„Gewöhnlich wächst ein Dorf über Generationen“, sagt Voß. „Sein“ Dorf entsteht in nicht mal zehn Jahren. 2020 werden knapp 800 Menschen dort leben. Das Durchschnittsalter wird bei 50 Jahren liegen. Er steuert mit einem Rabattsystem, dass das Dorf keine exklusive Einrichtung, sondern ein buntes Miteinander wird. Käufer mit geringem Netto-Einkommen, Alleinerziehende, Familien mit behinderten Kindern und Einheimische bekommen Punkte, die als Rabatt auf den Wohnungspreis umgerechnet werden. Bei Wohnungspreisen ab 390 000 Euro können das bis zu 30 000 Euro sein. Dazu kommt ein Nachlass für Familien von 15 000 Euro pro Kind. Den Rabatt zahlt der Investor aus eigener Tasche. „Das kann man nur machen, wenn man nicht gewinnorientiert denkt“, sagt Voß. Das Ziel des Projekts: Lebensraum mit Herz schaffen. Es ist nicht nur ein Slogan.

Pflege für die Alten, ein Kinderhaus für die Jungen

Für Sylvia Töpfer waren die Rabatte zweitrangig, als sie vor knapp anderthalb Jahren von dem Generationen-Dorf in der Zeitung las. Etwas anderes reizte sie. „Unsere Kinder sind lange aus dem Haus.“ Sie leben in Schweden. Sie kennt ihre Nachbarn in Großkarolinenfeld im Kreis Rosenheim – aber sie hat kaum Kontakt. „Ich wollte wieder mehr Kinder um mich haben“, erzählt sie. Die 55-Jährige und ihr Mann haben eine Wohnung gekauft. In wenigen Tagen werden sie einziehen. Ihr ganzes Leben verschwindet gerade in Umzugskisten. Zweifel hat Töpfer nicht. Sie steht auf ihrer neuen Terrasse, blickt in die noch leere hellgrün gestrichene Wohnung, dann auf die andere Straßenseite. Dort entsteht ein Kinderspielplatz. Sie ist sich sicher, dass sie den Ort gefunden hat, an dem sie mit ihrem Mann alt werden will.

Neuanfang mit Mitte 50: Sylvia Töpfer und ihr Mann haben eine Wohnung gekauft. Sie ziehen Ende Mai ein.

Auch darüber haben sich Voß und Endler Gedanken gemacht. Es wird auf dem Areal ein Pflegeheim geben mit Demenz- und Palliativplätzen und ein Betreutes Wohnen. „Damit ältere Paare auch zusammenleben können, wenn einer von beiden Pflege braucht“, sagt Voß. Auch an die Berufstätigen haben sie gedacht – und ein Montessori-Kinderhaus geplant. Es ist bereits in Betrieb. Die Öffnungszeiten: 6.30 bis 22 Uhr, auch samstags.

Ab 2020 sollen hier 800 Menschen leben

Ein paar Häuser von den Töpfers entfernt lebt Sabine Schwarzmann mit ihrem Mann. Sie ist bereits vor einem halben Jahr eingezogen. Gedanklich lebt sie schon viel länger in dem neu entstehenden Dorf. Sie ist Landschaftsarchitektin – und hat das Areal mitgestaltet. „Alles wird noch sehr viel grüner werden“, sagt sie. Wie Rupert Voß hat auch Sabine Schwarzmann schon ein Lieblingsstück im Dorf: den großen runden „Platz der Begegnungen“, direkt vor dem Uhrturm-Gebäude. Es wird ein Treffpunkt werden, da ist sie sicher. Noch ist dort Baustelle. Doch das Konzept, das sich Voß und Endler überlegt hatten, geht bereits auf. „Mein Mann war gleich am ersten Wochenende nach unserem Einzug mit unseren neuen Nachbarn auf einer Skitour“, erzählt Schwarzmann. Auch die Töpfers hat sie bereits kennengelernt – obwohl sie noch nicht mal eingezogen sind.

Von Anfang an dabei: Sabine Schwarzmann lebt seit November im Dorf. Und hat die Grünflächen geplant.

Rupert Voß freut sich, dass die Idee funktioniert. Genau wie er es im Gefühl hatte. „Die Idee war nur der Samen“, sagt er ganz poetisch. „Langsam wird daraus eine Knospe.“ Wenn 2020 alle Bewohner eingezogen sind, wird sich die Inntal Bau GmbH zurückziehen. „Die Menschen sollen ihr Dorf prägen – mit eigenen Ideen.“ Wenn er überflüssig geworden ist, hat Voß sein Ziel erreicht. Dann liegt es an den Bewohnern, ob das Dorf perfekt wird.

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