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„Im Juni kommen die nächsten Bartgeier“ - Vogelschutz-Chef spricht auch über Selbstjustiz beim Wolf

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Von: Dominik Göttler

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Die Bartgeierweibchen „Wally“ (l) und „Bavaria“ (r) sind im Nationalpark Berchtesgaden ausgewildert worden.
Die Bartgeierweibchen „Wally“ (l) und „Bavaria“ (r) sind im Nationalpark Berchtesgaden ausgewildert worden. © Peter Kneffel/dpa

Der Chef des Landesbunds für Vogelschutz, Norbert Schäffer, spricht im Interview über das Bartgeier-Programm und wie er zur Selbstjustiz beim Wolf steht.

Berchtesgaden - Der Landesbund für Vogelschutz ist längst mehr als nur ein Kämpfer für die heimische Vogelwelt, er setzt sich für Natur- und Artenschutz in Bayern ein und ärgert dabei auch immer wieder die Staatsregierung. Der Vorsitzende Norbert Schäffer erklärt, warum die Wiederansiedelung der Bartgeier Millionen wert ist und warum er keinen Rasenmäher besitzt.

Sie haben kürzlich eine Auszeichnung für Ihren vogelfreundlichen Garten bekommen. Die perfekte Ausrede, um den Rasenmäher stehen zu lassen?

Wir haben gar keinen Rasenmäher. Unsere Kinder sind so alt, dass sie nicht mehr Fußball im Garten spielen. Deswegen ist unser Garten mit rund 800 Quadratmetern jetzt voll auf die Natur ausgerichtet. Zweimal im Jahr mähen wir mit der Sense. Mittlerweile leben hier Zauneidechsen und Mohnbienen, auf den Disteln sitzt der Stieglitz, im Teich der Laubfrosch.

Was sagen die Nachbarn?

Man erkennt sofort, wo die Schäffers wohnen, weil wir am Wochenende eben kein Unkraut aus den Fugen kratzen. Natürlich ist das nicht jedermanns Ästhetik-Empfinden. Aber wenn man den Grund erklärt, überzeugt das viele.

Heuer hat der LBV die Bartgeier Wally und Bavaria im Nationalpark Berchtesgaden ausgewildert, weitere sollen folgen. Eine Million Euro kostet das allein für die ersten vier Jahre. Ist es das wert?

Klar, das ist viel Geld. Aber es ist ja nicht mit den beiden Bartgeiern getan. Über zehn Jahre werden wir jedes Jahr zwei bis drei Vögel auswildern, die nächsten vermutlich im Juni. Der Bartgeier ist eine seltene Art, er gehört in die Alpen. Da haben wir eine internationale Verantwortung, in den Ostalpen gilt es eine Lücke zu schließen. Außerdem haben die Geier geholfen, ein Verbot von bleihaltiger Munition im Staatsforst durchzusetzen. Ohne die Auswilderung wäre das nicht gekommen. Wichtigster Punkt ist aber die immense Begeisterung, die wir ausgelöst haben. Es war das zentrale Artenschutzprojekt in ganz Deutschland in diesem Jahr. In Berchtesgaden trifft man immer mehr Besucher, die wegen den Geiern kommen – es ist also auch ein Wirtschaftsfaktor, wenn der Bartgeier wieder an der Watzmann-Ostwand kreist.

Gerade kommen diese Besucher aber vergebens.

Ja, Wally und Bavaria sind gerade auf der österreichischen Seite der Berchtesgadener Alpen unterwegs. Zumindest von Wally wissen wir das, da haben wir Funkkontakt. Bei Bavaria ist der Sender Ende November ausgefallen. Wir hatten schon Bedenken, weil in der Nähe des letzten Signals eine größere Starkstromleitung verläuft. Aber sie wurde später von einem Jäger gesichtet, also hoffen wir weiterhin, dass es ihr gut geht und bei mehr Sonne der solarbetriebene Sender wieder anspringt. Uns muss aber klar sein: Eine Auswilderung ist immer hochriskant. Europaweit wurden heuer 23 Bartgeier ausgewildert, davon sind vier tot und einer musste wieder eingefangen werden. Das gehört dazu.

„Für uns hat der Wolf dieselbe Bedeutung wie der Kormoran, der Graureiher oder der Biber“

Der LBV hat heuer erfolgreich gegen ein neues Gewerbegebiet auf Staatswaldflächen in der Oberpfalz geklagt. Geht der Freistaat zu sorglos mit seinem Wald um?

Ja, da gibt es leider mehrere Beispiele. Der Staatswald ist unser aller Wald, da mussten wir einschreiten – obwohl wir selten zur Klage greifen. Es ist ein Armutszeugnis, wenn der Naturschutz über die Gerichte kommen muss. Denn die Regierung hat sich zur Reduzierung des Flächenverbrauchs ja selbst verpflichtet.

Aber fünf Windräder im Ebersberger Forst – ebenfalls im Staatswald – sind zu verkraften?

Das ist natürlich eine Zwickmühle. Aber uns geht es nicht nur um den Rotmilan oder den Schwarzstorch, sondern um die biologische Vielfalt insgesamt. Und die ist durch den Klimawandel bedroht. Deswegen wollen wir die Energiewende. Die gilt es nun so zu gestalten, dass die biologische Vielfalt nicht darunter leidet. Und das ginge leichter, wenn die 10H-Abstandsregel endlich fällt. Dann würde es auch um den Ebersberger Forst unproblematischere Standorte geben.

Kommt nächstes Jahr ein Volksbegehren gegen den Flächenfraß?

Konkret ist nichts. Es ist rechtlich sowohl beim Klimaschutz als auch beim Flächenfraß schwierig, einen Hebel zu finden. Außerdem muss man so ein Volksbegehren erst mal gewinnen. Ob man wirklich wieder ein Fünftel der Bevölkerung für so ein Thema in die Rathäuser bringt? Ich wäre heilfroh, wenn kein Volksbegehren nötig wäre.

Zuletzt hat der Wolf für Aufregung in der Region gesorgt. Können Sie die Forderung nach einem Abschuss nachvollziehen?

Für uns hat der Wolf dieselbe Bedeutung wie der Kormoran, der Graureiher oder der Biber. Diese Tiere haben eine Daseinsberechtigung. Wenn es zu Verlusten kommt, weil Wölfe Zäune überwinden oder weil man die Weidetiere etwa im Gebirge nicht schützen konnte, dann ist auch ein Abschuss denkbar. Darüber entscheiden jetzt die Experten. Aber vorsorglich einen Wolf zu schießen, das geht nicht. Nicht jeder Wolf ist ein Problemwolf. Wenn man bedenkt, dass jedes Jahr über 150 000 Kälber im Alter von bis zu drei Monaten in den Tierkörperverwertungsanstalten in Bayern entsorgt werden, dann ist die Zahl der Wolfsrisse doch ziemlich niedrig. Und wer draußen seine Tiere nicht schützt, obwohl er könnte, der darf nicht dem Wolf die Verantwortung dafür in die Schuhe schieben.

Fürchten Sie Selbstjustiz?

Klar ist: Sollte jemand auf die Idee kommen, das Recht selbst in die Hand zu nehmen, dann werden wir Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um das zu verhindern.

Interview: Dominik Göttler - Übrigens: Unser Bayern-Newsletter informiert Sie über alle wichtigen Geschichten aus dem Freistaat. Melden Sie sich hier an.

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