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31 Jahre lang war Historiker Michael Wolffsohn (65) Professor an der Bundeswehr-Universität Neubiberg. Am heutigen Donnerstag hält der streitbare Publizist seine Abschiedsvorlesung.

Wolffsohn: „Das habe ich so nicht gesagt“

München - 31 Jahre lang war Historiker Michael Wolffsohn (65) Professor an der Bundeswehr-Universität Neubiberg. Am Donnerstag hält der streitbare Publizist seine Abschiedsvorlesung.

Zahlreiche persönliche Freunde wie etwa Grünen-Chefin Margarete Bause oder Verteidigungsstaatssekretär Christian Schmidt werden kommen. Andere, wie die Präsidentin der Uni, Merith Niehuss, hat Wolffsohn erst gar nicht eingeladen – so zerrüttet ist das Verhältnis. Ein Gespräch über Skandale und Diskriminierungen.

Herr Prof. Wolffsohn. Man kennt Sie als öffentliche Figur, weniger als forschenden Historiker. Umreißen Sie einmal, was Ihre Forschungsgebiete waren.

Von welchem „man“ ist die Rede? Ich habe 30 wissenschaftliche Bücher und 140 Aufsätze veröffentlicht in den vergangenen 30 Jahren. Viele Bücher sind Best- und Longseller. Meine Schwerpunkte sind Deutsch-jüdisch-israelische Beziehungen nach 1945 – wissenschaftlich und ohne Scheuklappen analysiert. Ich halte mir zugute, eine neue Methode entwickelt zu haben, mit der Tote sozusagen befragt werden können – historische Demoskopie, also Umfragen in umfragelosen Zeiten. Geschichte und Religion ist ein anderes meiner Themen.

Wollen wir über das reden, womit Sie Schlagzeilen gemacht haben. 2004 haben Sie Folter als Mittel gegen Terroristen als legitim bezeichnet. Stehen Sie noch zu dieser Aussage?

Das habe ich so nicht gesagt.

Wie dann?

Wenn schon Goethe missverstanden worden ist, wie könnte es mir armen Tropf besser gehen? Ich habe Folter klipp und klar abgelehnt. Folter ist illegal und soll es bleiben. Aber ich sagte, man müsse nachdenken, ob es in gewissen Situationen gerechtfertigt wäre – also legitim, nicht legal. Darüber muss man nachdenken bei der Terrorabwehr. Aber auch, wenn man darüber nachdenkt, muss man es nicht unbedingt praktizieren. Solche feinen Unterscheidungen sind in der Öffentlichkeit kaum zu vermitteln.

Es wird oft zu holzschnittartig wiedergegeben?

Ja, man darf doch erwarten, dass Menschen vorurteilsfrei mitdenken.

Aber muss man Folter, auch wenn sie im Konjunktiv gedacht wird, nicht absolut verneinen?

Ich habe ja nicht gesagt, dass man sie bejahen muss. Ich habe mich eindeutig von Folter distanziert. Ich bin nicht dafür.

Sie haben ein Eisernes Kreuz als Orden für Bundeswehr-Soldaten vorgeschlagen.

Das ist doch völlig harmlos.

Das Eiserne Kreuz ist doch etwas, was man mit der NS-Zeit in Verbindung bringt.

Völlig unsinnig. Das Eiserne Kreuz ist von dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. eingeführt worden in Zusammenhang mit den Befreiungskriegen gegen Napoleon. Friedrich Wilhelm III. war alles andere als ein Militarist.

Die Bundeswehr in eine weit zurückliegende preußische Tradition zu stellen, kann doch auch nicht richtig sein.

Doch. Es kommt nicht auf die zeitliche Distanz, sondern auf die ethische Qualität an. Die Verleihung des Eisernen Kreuzes wäre auch heute noch vollkommen vertretbar.

Sie haben 2009 vor einer Ossifizierung der Bundeswehr gewarnt. Klingt seltsam.

Nicht wie es klingt, ist entscheidend, sondern die Fakten. Ich gestehe gerne selbstkritisch ein, dass der Ausdruck nicht glücklich gewählt war. Gemeint war eine unbestreitbare Tatsache. 20 Prozent der Bundesbürger sind Ostdeutsche, aber in der Bundeswehr sind ungefähr ein Drittel Ostdeutsche. Der Anteil nimmt weiter zu, ein fortschreitender Vorgang wird sprachlich mit der Endung „-ierung“ gekennzeichnet, daher Ossifizierung.

Es steckt halt das Wort Ossis drin.

Na und? Es gibt doch auch den Ausdruck Wessis. Ossi kann man ja auch liebevoll sagen. Wer mich kennt, weiß, dass das bei mir nicht abwertend gemeint ist.

Was ist denn das Problem an der Ossifizierung?

Die Frage ist gut gemeint, aber mit Verlaub falsch gestellt. Was bedeutet das, das muss man fragen. Ostdeutsche sind mangels ziviler Arbeitsangebote in ihrer Heimat offenbar gezwungen, den doch mitunter lebensgefährlichen Job bei der Bundeswehr zu ergreifen. Das ist für mich ein Skandal.

Wie beurteilen Sie den Konflikt Iran/Israel?

Der Iran ist nicht am kollektiven Selbstmord interessiert und wird einen Erstschlag nicht durchführen. Israel wiederum ist an einem Erstschlag nicht interessiert. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass es einen offenen Krieg gibt. Wohl aber gibt es einen verdeckten Krieg – Sabotageakte, Cyber-War, gezielte Liquidierungen.

Sie beklagen, an der Bundeswehr-Universität einiges an Diskriminierung erlebt zu haben. Wie wohl fühlten Sie sich an der Uni?

Insgesamt sehr wohl. Es gab natürlich einige seltsame Situationen. Wenn mich die Distanz, die einem Juden in Deutschland oft begegnet, so treffen würde, könnte ich nur in Israel leben. Die letzte wild antisemitische Zuschrift habe ich vergangene Woche bekommen. Das hat aber nichts mit der Universität zu tun.

Drohungen und Beleidigungen sind Alltag?

Leider. Ich habe während der Folter-Debatte Morddrohungen bekommen, die zu einer Erhöhung von zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen geführt haben. Diese Drohungen waren natürlich anonym. Ich erhalte aber regelmäßig antisemitische Beleidigungen. Die Hass-Mails tragen oft vollen Namen und Adresse.

Hatten Sie auch Angst?

Hinterher vielleicht schon. Währenddessen nicht. Wenn man das Ethos hat, zu dem zu stehen, was man benannt hat, dann ist das eben so. Es gibt keine halbe Schwangerschaft.

Das Gespräch führte Dirk Walter

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