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Die Konventuhr von 1750 ist eines der Lieblingsstücke von Museumsgründer Wolfgang Vogt.

Am Sonntag eine Stunde mehr schlafen

Zur Zeitumstellung: Der Herr der Uhren

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Wolfgang Vogt kümmert sich um 50 Turmuhren, die er einmal die Woche aufzieht. Die historischen Stücke sind hunderte Kilo schwer und stecken voller Geschichten.

Wolfgang Vogt kraxelt die 600 Jahre alte Holztreppe hinauf, wie er es jeden Mittwoch tut, seit über 30 Jahren. 156 Stufen sind es bis oben in den achten Stock im Turm der ehemaligen Silvesterkapelle in Mindelheim (Kreis Unterallgäu). Auf jedem Stockwerk macht der 75-Jährige eine Pause. Nicht weil ihm die Luft ausgeht, sondern weil es überall eine Geschichte zu erzählen gibt. Denn auf jeder Ebene steht mindestens eines dieser eisernen Ungetüme aus zahllosen Zahnrädern und Federn. Es rattert, stottert und tickt, derweil schwingen die Pendel bedächtig vor sich hin. Hier ist Vogt in seinem Element. Das Turmuhrenmuseum ist sein Lebenswerk.

Rund 50 Uhren von über dreißig Herstellern aus fünf Jahrhunderten sind in der ehemaligen Kapelle in der Mindelheimer Altstadt zu sehen. Die Sammlung war nicht nur die erste ihrer Art in Deutschland, sie ist bis heute eine der umfangreichsten, mit Schwerpunkt auf handgeschmiedeten Uhren aus den vergangenen Jahrhunderten. Wolfgang Vogt war der Gründer und ist noch immer oberster Hüter dieses stetig vor sich hin tickenden Museumsschatzes.

„Turmuhren sind ein vergessenes Kulturgut“

„Turmuhren sind ein vergessenes Kulturgut“, sagt Vogt und streicht mit der Hand über eines der verwinkelten Eisengestelle. Die Kombination aus Kunst und Technik ist es, die ihn so fasziniert. „Als Außenstehender sieht man ja immer nur das schön verzierte Ziffernblatt am Kirchturm oder dem Rathaus.“ Doch dahinter steckt ein ausgetüfteltes Getriebe, teils viele hundert Kilo schwer, das häufig sogar eine ganze Reihe von Ziffernblättern auf einmal angetrieben hat – und so ganze Klöster mit der exakten Uhrzeit versorgte. Für Vogt sind Turmuhren „die Veteranen der Zeitmessung“. Bei ihm müssen sie keine Schlachten mehr einläuten. Sie dürfen einfach nur vor sich hin ticken.

Für den pensionierten Lehrer begann die Uhrenbegeisterung früh, seine Frau stammt aus einem Uhrmachergeschlecht. Nachts und in den Ferien widmete sich Vogt seinen Uhren, sammelte sie im Keller und auf dem Dachboden. „Bis meine Frau eines Tages einen fürchterlichen Albtraum hatte“, erzählt er. „Deine schweren Uhren haben die Decke durchbrochen und die Kinder unter sich begraben“, sagte sie mit besorgtem Blick beim Frühstück. Und weil die Stadt Mindelheim zu dieser Zeit gerade die säkularisierte Silvesterkapelle restaurierte, machte Vogt den Verantwortlichen ein Angebot: Ein städtisches Museum, um das er sich ehrenamtlich kümmern werde. Das tut er. Seit 1979.

Museum hat jeden Mittwochnachmittag geöffnet

Jeden Mittwochnachmittag hat das Museum geöffnet – und so kommt Vogt immer um kurz vor zwei, sperrt die Türe auf und beginnt damit, den Großteil der rund 50 Uhren aufzuziehen, bis die beiden Ausstellungsräume und der alte Turm von einem beruhigenden Ticken erfüllt sind. Wenn Besucher kommen, Schulklassen, angehende Uhrmachermeister oder Neugierige, wie das Memminger Ehepaar an diesem Nachmittag, dann legt Wolfgang Vogt los. Zu jedem seiner Uhrwerke hat er eine Geschichte parat und auch nach 37 Jahren seit der Museumsgründung wirkt er noch, als könne er es gar nicht erwarten, sie zu erzählen.

Etwa die von der pfeifenden Uhr. Wolfgang Vogt steigt auf einen Stuhl, und zieht an einem dünnen Schnürchen. Auf einmal: Musik. „Diese Flötenuhr kann sechs verschiedene Lieder spielen.“ 200 Jahre alt, mit einem Blasebalg und 17 Holzflöten versehen, trällert sie vor sich hin, während der hölzerne Amselmann über dem Ziffernblatt den Schnabel zum Lied bewegt. Wolfgang Vogt lächelt.

„Dieser Lehrling war ich“

Oder die vom Uhrenbauer Perrot, der sich seine Turmuhr mit Säcken voll Pfennigstücken bezahlen ließ, damit er wie ein reicher Mann aussah – wenn er nicht gleich einen lebenden Mastochsen als Entgelt verlangte. Oder auch die vom zweitlängsten Pendel der Welt (es war mal das Längste), das Vogt selbst gebaut hat und das sich 26 Meter und 16 Zentimeter lang durch die Stockwerke im Turm zieht. An diesem Pendel hängt der Klöppel einer Mindelheimer Glocke. Ein armer Lehrling musste das 110 Kilo schwere Ding nach dem Zweiten Weltkrieg dreimal den Kirchturm rauf und runter tragen, bis er endlich richtig läutete. Als Vogt diese Geschichte an einem Nachmittag vor drei Jahren seinen Besuchern erzählte, sagte einer: „Dieser Lehrling war ich.“

Es sind solche Begegnungen, die Vogt jede Woche aufs Neue neugierig machen, wer ihn denn diesmal besuchen wird. Aber ganz allein ist er nicht in seinem Engagement. Seiner Tochter hat er die Begeisterung für Turmuhren vererbt – beide kümmern sich nun um das Museum.

Am Sonntag steht die Umstellung auf die Winterzeit an. Viel Arbeit für den Uhrenspezialisten in seinem Museum? „Überhaupt nicht“, sagt Vogt und lacht. Nur eine einzige, etwas modernere Wanduhr im Gang muss er umstellen. Alle anderen zieht er ja eh nur mittwochs auf. Dann wird er sie wieder hinaufkraxeln, die 156 Stufen in seinem Turm. Wie ein Uhrwerk.

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