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Tollkühne Männer in fliegenden Kisten – einer von dieser Sorte war Gustav Weißkopf, hier mit Fluggerät Nr. 21. Oder hob er gar nicht ab? 

Glaubenskrieg um Flugpionier

Wright oder Weisskopf: Wer war der erste Motorflieger?

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München/Leutershausen – War der fränkische Flugpionier Gustav Weißkopf der erste Motorflieger der Welt? Oder doch die berühmten Gebrüder Wright? Darüber gibt es einen erbittert geführten Forschungsstreit.

Für die Flughistorische Forschungsgemeinschaft Gustav Weißkopf e.V. ist der Fall klar: Gustav Albin Weißkopf (1874-1927), geboren im kleinen mittelfränkischen Dorf Leutershausen, war der erste Mensch, der mit einem Motorflieger abhob. Eine halbe Meile soll der Flug gedauert haben, den Weißkopf am 14. August 1901 in Bridgeport im US-Bundesstaat Connecticut mit seinem Flugapparat Nr. 21 unternahm. „Das ist eine Sache, die für uns feststeht“, sagt Vereinssprecher Karl Heigold. Für ihn gebührt Mr. Whitehead, wie sich Weißkopf in den USA nannte, ein Platz in den Annalen – womit der Nimbus der legendären Brüder Wilburg und Orville Wright zerstört wäre, deren berühmter Erstflug mit einem motorisierten Doppeldecker erst am 17. Dezember 1903 stattfand.

Während ganz Leutershausen auf Weißkopf fliegt, ist die Pioniertat andernorts längst nicht anerkannt. Auf einem Symposium zur frühen Geschichten der Luftfahrt werden die Meinungen demnächst aufeinander prallen. Luftfahrt-Experten aller Richtungen erörtern auf Betreiben des Verkehrsministers Joachim Herrmann den Fall Weißkopf am 19. Oktober in der Flugwerft Schleißheim des Deutschen Museums. Organisiert hat das Symposium der Chef-Forscher des Museums, Helmuth Trischler, der Weißkopfs Leistungen relativiert. Die Datenlage, sagt der Historiker, sei dürftig. Es gebe kein Foto vom Erstflug, es gebe auch keine Modellzeichnungen vom Fluggerät, sondern nur so genannte Ego-Dokumente – also Selbstzeugnisse des Erfinders. „Weißkopf ist ein bayerischer Flugpionier“, bilanziert Trischler, „aber der Anspruch, der Erste zu sein, ist ein wenig hochgehängt.“

In der Tat experimentierten damals allerorten tollkühne Erfinder mit abenteuerlichen Kisten – Namen wie Clément Adler oder Wilhelm Kress sind in der Fachwelt geläufig. Weißkopf könnte da nur einer unter vielen sein, meinen Kritiker. Die Belege, die der Australier John Brown 2013 zu Weißkopf vorgelegt hat, überzeugen Trischler nicht ganz. Brown hatte eine verschwommene Fotografie vom Erstflug aufgetrieben – sie hing am Stand einer Ausstellung 1906. Als Brown, der für den Verband der Luftfahrtsachverständigen arbeitet, die Aufnahme 2013 präsentierte, schlug sich auch die wichtigste Fachzeitschrift „Jane’s All the World’s Aircraft“ auf seine Seite. Allerdings musste der Chefredakteur später seine Stellungnahme ausdrücklich als Privatmeinung deklarieren. Denn das Foto mit Weißkopfs Erstflug selbst gibt es nicht – sondern nur ein Bild des Messestands, wo eben klein auch die Flugszene dokumentiert ist – oder sein soll.

Brown wird zum Symposium ebenso kommen wie sein wohl schärfster Kritiker: Tom Crouch vom National Air and Space Museum, einer Einrichtung der renommierten Smithsonian Institution. Sie hält an den Brüdern Wright als ersten Motorfliegern fest und zeigt in Washington auch ihr Fluggerät. Die Leutershausner Weißkopf-Fans halten das für eine große Verschwörung. Heigold schickt unserer Redaktion die Kopie eines Vertrags zwischen dem Nachlassverwaltern der Brüder Wright und der Smithsonian Institution. Den Kern-Passus des Dokuments aus dem Jahr 1948 hat er rot eingerahmt. Demnach mussten sich alle Smithsonian-Mitarbeiter verpflichten, niemals die Pioniertat der Wrights anzuzweifeln – sonst könnte das wertvolle Ausstellungsstück abgezogen werden. Dieser Vertrag sei „die Wurzel allen Übels“, erklärt Heigold.

In Leutershausen soll nun, mit staatlichem Geld, das Museum zu Ehren Weißkopfs neu gebaut werden. Ob sich das rentiert, dürfte auch Minister Herrmann interessieren, der auf den Fall bei einer Radtour durch Mittelfranken aufmerksam geworden war. Es wäre fürs Museum gar nicht gut, wenn die Pioniertat gar keine wäre. Fest steht indes, dass Weißkopf, der Lebenskünstler, nur wenige Jahre in dem Dorf gelebt hat. Schon als Jugendlicher kam er nach dem Tod seiner Eltern zu seinen Großeltern ins nahe Ansbach; später wanderte er wie damals zigtausende aus. In den USA wurde er „Aeronaut“ – so seine Berufsbezeichnung.

Als er 1927 starb, war er verarmt. Leutershausen hat er nie wieder gesehen.

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