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„Er hat sich die Schwachen ausgesucht“: Würzburger stellen sich Angreifer in den Weg - und erleben Schlimmstes

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Von: Stefan Sessler

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Ein 24-jähriger Somalier hat am Freitag in Würzburg drei Frauen erstochen. Es hätte noch mehr Opfer geben können, doch mutige Würzburger haben sich ihm in den Weg gestellt.

Würzburg – Kurz, bevor er das Töten anfängt, geht er in den Woolworth in der Innenstadt von Würzburg. Haushaltswarenabteilung. Der dunkelhäutige junge Mann fragt eine Verkäuferin: „Wo sind die Messer?“ Dann nimmt er eines mit einer besonders langen Klinge mit. Kurz darauf, es ist Freitagnachmittag gegen 17 Uhr, sticht er auf die erste Frau ein. Der barfüßige Täter ruft dabei den dschihadistischen Kampfruf „Allahu akbar“, Gott ist groß. So erzählen es Zeugen später.

Amoklauf in Würzburg: Mutige Würzburger erzählen, wie sie den Täter aufhalten wollten 

Das Blutbad in der berühmten unterfränkischen Wein- und Barock-Stadt beginnt. Drei Frauen sterben an diesem Tag. Eine 82-jährige Rentnerin, eine 49-Jährige und eine 24-jährige Woolworth-Kundin, die ihre Tochter vor der Attacke geschützt haben soll. Irgendwann rennt der 24-jährige Somalier in eine naheliegende Bank und greift dort und auf der Straße weitere, ihm offensichtlich völlig unbekannte Passanten an. Ob Abdirahman J. gezielt Frauen töten wollte, ist für die Ermittler am Sonntag noch unklar. „Die sichergestellten Gegenstände werden ausgewertet“, sagte ein Sprecher des Landeskriminalamtes in München dazu lediglich.

Hat den Mörder attackiert: Helmuth Andrew.
Hat den Mörder attackiert: Helmuth Andrew. © Carolin Gribl/dpa

Die Tat dauert nur ein paar Minuten. Es gibt Tote und viele Verletzte. Ein elf Jahre altes Mädchen, dessen Mutter durch die Stiche stirbt, und ein 16 Jahre alter Jugendlicher werden schwer verletzt, drei weitere Frauen werden lebensgefährlich verletzt.

Amoklauf in Würzburg: Männer greifen Täter mit allem an, was sie finden

Doch es hätte vielleicht sogar noch schlimmer kommen können, wenn sich einige mutige Männer nicht in den Weg gestellt hätten. Sie greifen den Täter mit Stühlen, Einkaufstaschen, Besenstielen und allem, was sie finden, an. Sie beschäftigen ihn, sie geben der Polizei wertvolle Sekunden, wahrscheinlich retten sie Leben. Viele dieser couragierten Würzburger haben Migrationshintergrund, sie riskieren selbst Kopf und Kragen. Das gehört auch zu dieser Geschichte, die noch ein langes politisches Nachspiel haben wird.

Einer der Helden von Würzburg: Der 19-jährige Bundeswehrsoldat Elvis zeigt, wo er auf Abdirahman J. traf.
Einer der Helden von Würzburg: Der 19-jährige Bundeswehrsoldat Elvis zeigt, wo er auf den Angreifer traf. © Joerg Voelkerling/dpa

Amoklauf in Würzburg: Junger Soldat ist auf den Täter zugerannt

Auch der 19-jährige Bundeswehrsoldat Elvis gehört zu den Helden, die Abdirahman J. am Freitag in die Flucht schlagen. Hier erzählt der junge Soldat, wie er den Amoklauf erlebt: „Man hat nur Schreie gehört“, sagt er. „Es gab einen Tumult, Menschen, die vor Panik wegrennen. Ich hörte wie ,Allahu Akbar‘ geschrien wurde. Dann habe ich gesehen, wie vor dem Woolworth eine Frau von hinten attackiert wurde von einem Mann mit einem langen Küchenmesser. In der Sparkasse, da ist eine Baustelle, da ist so ein Absperrungsschild. Das war die erste Waffe, die ich hatte. Mit der bin ich auf den Täter zugerannt. Dann mit Stühlen und Tischen, mit Fahrrädern, wir haben wirklich alles auf ihn geschmissen.“

Gemeinsam wollen die Männer den Täter ablenken. „Aber er hat nicht gegen uns gekämpft“, sagt Bundeswehrsoldat Elvis. „Er hat Opfer gesucht, die ihm unterlegen waren. Die weggeschaut haben oder wie ein Junge auf der Bank, der mit Kopfhörern dasaß. Der Täter hat sich die Schwachen ausgesucht. Er versuchte, vor uns wegzurennen und suchte währenddessen nach Opfern. Wir standen anderthalb Meter voneinander entfernt, wirklich Auge in Auge. Er hat nichts gesagt. Es gab einen Moment, wo er auf mich zugerannt ist, als ich versucht habe, ihn von hinten mit der Flasche abzuschmeißen. Es war ein Katz- und Maus-Spiel. Aber wir haben es nicht geschafft, ihn zu Boden zu bringen. Er hat realisiert, dass wir ihn stoppen wollten. Aber er hat weitergemacht.“

Hier in der Haushaltswarenabteilung hat sich Abdirahman J. ein Messer besorgt, mit dem er kurz darauf zustach.
Hier in der Haushaltswarenabteilung hat sich Abdirahman J. ein Messer besorgt, mit dem er kurz darauf zustach. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Würzburg: Polizei stoppt Amokläufer mit Schuss in Oberschenkel

Die Polizei, die schon bald mit 300 Einsatzkräften vor Ort ist, schafft es schließlich, den jungen Angreifer mit einem gezielten Schuss in den Oberschenkel zu stoppen. Der Täter wird überwältigt. Bundeswehrsoldat Elvis erlebt alles hautnah mit. Der Täter, sagt er, „hat mich noch angelächelt, als er auf dem Boden lag. Er kannte ja mein Gesicht.“ Gleichzeitig stellt er klar: „Wir wollen keine Belobigung. Wir haben uns einfach verpflichtet gefühlt, etwas zu unternehmen. Wir haben gesehen, der wird nicht aufhören, bis ihn jemand stoppt. Und dann haben wir unser Bestes gegeben. Ich will nicht als Held dastehen.“

Aber wahrscheinlich ist er einer. Genau wie der Asylbewerber Chia Rabiei, der der FAZ seine Geschichte erzählt hat. Auf Videos, die im Internet kursieren, kann man sehen, wie Rabiei nur mit einem Rucksack bewaffnet versucht, den Angreifer durch Geschrei und Kampfsportbewegungen abzulenken. Der Mörder wirft etwas nach ihm, aber er trifft den 42-jährigen Kurden nicht. Seit 17 Monaten sei er in Deutschland, sagt Rabiei der FAZ. Er lebe in einer Asylbewerberunterkunft, sei in einem Asylverfahren und belege einen Deutschkurs. Außerdem sagt er, dass er seit dem Amoklauf nicht mehr schlafe könne. Chia Rabiei stellt sich immer wieder die Frage, warum er nicht früher am Tatort gewesen sei. Denn dann hätte er vielleicht Leben retten können.

Mutige Männer stellen sich dem Täter in den Weg – im Internet kursieren Videos aus Würzburg.
Mutige Männer stellen sich dem Täter in den Weg – im Internet kursieren Videos aus Würzburg. © Screenshot/youtube

Helmuth Andrew, 50, ist Kellner in einer Weinstube gleich neben dem Tatort am Barbarossaplatz. Er schnappt sich am Freitag einen Stuhl und versucht, den Angreifer zurückzudrängen. Vorher hört er Schreie – und einen Mann mit dem Ruf: „Der sticht sie draußen alle tot!“

Auch zwei Tage später muss er immer wieder an den Täter denken. Er hat „einen starren Blick gehabt“, erzählt der Kellner. „So hat er die ganze Zeit die Leute angeguckt, ohne eine Mimik.“ Andrew hat nach dem Amoklauf seine Schicht fortgesetzt und auch am Folgetag bis in die Nacht gearbeitet. „Mir sind dann auch mal die Tränen gekommen“, sagt er. „Wenn ich drüber nachdenke, dass da drei Menschen gestorben sind.“  sts/dpa

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