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Anflug auf die Militäranlagen: Im Hintergrund ist Maisach zu sehen.

Nur ein Wunder kann Fursty noch retten

München – Zum großen Knall sind es noch fünf Tage: Am Mittwoch will der Verteidigungsminister verkünden, welche Kasernen er schließen lässt. Für einige sieht es düster aus. Vermutlich stirbt „Fursty“, der Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck. Zur Freude einer Kaserne in Franken.

Er kann sich mit den Briefen die langen Flure des Ministeriums tapezieren lassen, er kann sie stapeln lassen, lochen, in endlosen Regalmetern abheften. Nur lesen kann er sie nicht alle, dazu sind es zu viele. Waschkörbeweise hat Thomas de Maizière in den vergangenen Wochen Werbe-, Protest- und Bettelpost erhalten. Stets der gleiche Inhalt: Unser Standort muss erhalten bleiben.

Der Verteidigungsminister erträgt es mit stoischer Ruhe. „Es gibt keinen sicheren Standort und keinen unsicheren“, pflegt er zu sagen. Und dazu den wenig originellen Satz: Anderslautende Gerüchte seien nur Gerüchte.

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Fliegerhorst steht vor dem Aus

In diesen ungemütlichen, vor Gerüchten strotzenden Wochen dürfte de Maizières Vorgänger Karl-Theodor zu Guttenberg recht froh sein, sie nicht im Amt erleben zu müssen. Die Bundeswehr-Reform wird konkret, der Minister muss offenlegen, welche Kaserne er dichtmacht. Und das werden einige sein. Nach dem Wehrpflicht-Aus entfallen etliche Ausbildungseinheiten. Das Heer wird bis Ende 2015 nahezu halbiert auf 57 500 Soldaten, Luftwaffe (22 550) und Marine (13 050) schrumpfen, der Sanitätsdienst landet bei 14 620. Rechnet man Auslandseinsätze und militärische Verwaltung dazu, sind es am Ende 185 000 statt der bisher 220 000 Soldaten. Nüchternes Ergebnis des Zahlensalats: Die brauchen auch keine 400 Kasernen mehr.

Gut zehn Kasernen, so hat die SPD mal hochgerechnet, wird es im Freistaat erwischen. Vermutlich ist ein Standort in München dran, weil in de Maizières Waschkörben ein Schreiben liegt, das er sich bunt anmalen könnte: Die rot-grüne Stadtregierung bittet um Abzug der Bundeswehr. Statt der Kasernen könnten Wohnungen gebaut werden. Unwahrscheinlich, dass sich der Minister diesem Wunsch widersetzt.

Wen trifft es noch? Bisher tut das Ministerium alles, um kein Detail publik werden zu lassen. Erst in einer Klausur mit hohen Ministerialen und Vertrauten am Montag und Dienstag in Berlin will sich der Minister auf die einzelnen Standorte festlegen. Der eher spröde de Maizière, von Natur aus nicht Typ Plaudertasche, hat seine Amtsspitze bis dahin zu striktem Schweigen verdonnert. In etlichen Gesprächen kristallisierte sich jedoch ein Stand heraus.

Demnach müsste „Fursty“ schließen. Der Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck hat, so ist es im aktuellen Stand der Planung beschrieben, keine Zukunft mehr. Die Gebäude der Offiziersschule gelten seit Jahren als so marode, dass eigentlich nur der Abriss bleibt. Zu groß wären die Kosten für die Sanierung, von 100 Millionen Euro ist die Rede. Zu gering ist der Nutzen für die Offiziersausbildung mit 2600 Teilnehmern pro Jahrgang. Kein richtiger Übungsplatz gehört zum Areal, das macht lange Bustransfers nötig.

Und Fliegerhorst, nun ja: Kampfjets starten hier seit vielen Jahren nicht mehr. Ein knapp 250 Hektar großes Gelände rund um die große Startbahn wurde bereits 2005 zum Verkauf freigegeben. Eine 800-Meter-Rollbahn ist noch auf dem verbliebenen Militärgelände übrig. Mit einer befristeten Ausnahmegenehmigung lässt eine Flugsportgruppe hier kleine Maschinen starten. So kleine, dass man in Militärkreisen von „fliegenden Rasenmähern“ spricht.

Ein paar Rasenmäher also, und baufällige Gebäude. „Jeder, der eins und eins zusammenzählen kann“, sagt ein damit befasster Parlamentarier, und beendet den Satz mit einem Achselzucken. Im Gespräch ist, die Offiziersschule der Luftwaffe nach Roth zu verlagern. Dort, in Mittelfranken, wurden 160 Millionen Euro in die Kaserne gesteckt, um die Kampfhubschrauber „Tiger“ ansiedeln zu können. Das mit den Hubschraubern ist nicht sicher, weil de Maizière die Beschaffung zusammenstreicht. Aber Platz wäre für die Ausbildung.

Roth hat Fursty außerdem eines voraus: Laute politische Rückendeckung. Eigentlich hatten sich Staatsregierung und CSU auf die Strategie verständigt, nicht über den Verlust einzelner Standorte und der Wirtschaftskraft der stationierten Soldaten zu jammern. „Wurstsemmel-Argument“ hatte das ein Stratege getauft. Stattdessen solle auf die Verwurzelung der Truppe in Bayern hingewiesen werden. „Die Bundeswehr ist in Bayern nicht gelitten, sondern sie ist hier zuhause“, sagt Staatskanzleichef Marcel Huber.

Für einen einzigen Standort in Bayern sprach sich die Staatsregierung aber öffentlich aus – für den in Mittelfranken. Innenminister Joachim Herrmann rückte demonstrativ zur Besichtigung an, im Schlepptau ein Dutzend Journalisten. „Roth darf auf gar keinen Fall aufgegeben werden“, verkündete er. In Fürstenfeldbruck beklagten sich in jenen Tagen Soldaten, sie spürten wenig Unterstützung aus der Politik.

Man weiß nicht, ob es so war. Ob hinter den Kulissen nicht doch für Bruck gearbeitet wurde. Immerhin ist Gerda Hasselfeldt die örtliche Abgeordnete. Sie ist ehemalige Mentorin beim Offizierslehrgang, die Chefin der CSU-Bundestagsabgeordneten und mit der Kanzlerin seit Jahren auf Du und Du. Heute Abend wollen sie wieder zusammensitzen beim Koalitionsgipfel.

Aber ob das reicht? De Maizière lasse sich, so beklagte sich neulich CSU-Chef Horst Seehofer nur halb im Scherz, „nicht auf einen politischen Kuhhandel ein“. De Maizière hat auch kaum persönliche Beziehungen nach Bruck – anders als Guttenberg, der sich im Flugmedizinischen Institut als Minister auf seine Flugtauglichkeit durchchecken ließ. Der CDU-Mann lässt auch Parteifreunde im Unklaren. Die Länder lud er zwar zu „Einzelkonsultationsgesprächen“ nach Berlin, setzte dort aber einen beamteten Staatssekretär an den Tisch, der sich diplomatisch-schweigend alle Argumente anhörte.

Falls welche für Fürstenfeldbruck gefallen sein sollten, betrifft es wohl die Tradition. Fursty gilt als „Wiege der Luftfahrt“. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden hier die ersten Kampf-Piloten der Bundeswehr ausgebildet. Eng ist die Verbundenheit zur Bevölkerung. Vor fast auf die Woche genau 50 Jahren strömten 500.000 Zivilisten zu einer großen Nato-Flugschau auf den Fliegerhorst. Knapp außerhalb des Militärgeländes erinnert das Luftwaffenehrenmal an die Toten der Luftfahrt („Ihr seid unvergessen“). Unvergessen aber heißt nicht unverrückbar – ein Umzug des Denkmals wäre möglich. „Das ist ein Lkw-Transport“, sagte unlängst ein Insider. Ebenfalls wohl nur eine historische Reminiszenz ist der alte Tower, vor dem 1972 das Olympia-Atttentat endete.

Fursty wird nicht von heute auf morgen schließen. Einige Jahre Übergang sind sicher. Dann muss Ersatz her. Für die Arbeitsplätze der 700 Zivilisten, der über 3000 Soldaten. Angeblich soll den Bruckern schon eine Behörde als „Ersatz“ angeboten worden sein. Das reicht kaum für die Bebauung der 224 Hektar, auch nicht für die Wirtschaftskraft, die auf 50 Millionen Euro geschätzt wird.

Das Riesen-Areal im Ballungsraum München, gelegen am Stadtrand Brucks, zwischen zwei S-Bahnlinien und nahe der A 8, bietet der Region zwar eine enorme Entwicklungsmöglichkeit. Die Pläne aber sind vage. Auf dem schon aufgegebenen Gelände will die Firma BMW Fahrsicherheitstrainings anbieten. Auch das Innenministerium hat Interesse. Hinter dem ebenfalls geplanten Bau einer neuen Rennbahn für die Traber aus Daglfing stehen noch große Fragezeichen.

Ebenso unklar ist die Zukunft des Militärgeländes. Für weite Teile müssten wohl erst mal die Bagger anrücken. Die teils maroden 217 Häuser und Hallen, von denen einige allerdings denkmalgeschützt sind, müssten weg. Kaum jemand hätte zum Beispiel für den Kilometerbau Verwendung, in dem Soldaten 998 Meter trockenen Fußes zurücklegen können. Eher auf Interesse stoßen dürften dagegen die großzügigen Sportanlagen. Die Stadt Bruck ringt ohnehin seit Jahren um ein neues Sportzentrum.

Probleme allerdings könnten im Boden schlummern. Von Altlasten auf dem Gelände wird berichtet. Außerdem gibt es da noch die Shelter – etliche massive, von Erde bedeckte und mit Gras überwucherte Betonbauten gegen Luftangriffe. Ein früherer Standortältester wünschte schon vor Jahren jedem, der einen solchen Shelter abreißen will, „viel Spaß“.

Christian Deutschländer und Thomas Steinhardt

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