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Das Hochwasser kam irgendwie zu früh: Viele Hochwasserschutz-Projekte in Bayern sind geplant – aber noch längst nicht gebaut. Zum Beispiel an der Mangfall.

Folgen der Katastrophe

Zähes Ringen um Hochwasserschutz

München - Das Hochwasser kam irgendwie zu früh: Viele Hochwasserschutz-Projekte in Bayern sind geplant – aber noch längst nicht gebaut. Zum Beispiel an der Mangfall.

Auf der Computersimulation ist ein blauer Fluss zu sehen, die Mangfall. Daneben eine große grüne Brachfläche, Äcker, Wiesen, Wald. Dann ein schmuckes Einlassbauwerk, ein aparter Damm, der von den Anwohnern sogar nach eigenem Gusto bepflanzt werden darf. Auf dem Papier ist das Rückhaltebecken Feldolling schon fertig durchgeplant. Wäre es gebaut, wäre den Anrainern an der Mangfall womöglich die große Flut erspart geblieben.

Feldolling liegt südlich von Feldkirchen-Westerham. Seit Jahren plant das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim das Becken, das bis zu 6,6 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen kann. Es handelt sich um ein gesteuertes Becken, hochmodern, 50 Millionen Euro teuer. Das Einlassbecken soll sich genau dann öffnen, wenn ein Hochwasser an der Mangfall den Scheitelpunkt erreicht hat, sagt Chefplaner Christoph Wiedemann.

Hätte es die jüngste Flut, die vor allem Kolbermoor schlimm erwischte, gebremst? „Sicher“, sagt Wiedemann. Nur: Es zieht sich hin. Frühestens in sechs Jahren wird das Becken fertig sein.

Feldolling ist gewissermaßen überall. Knapp drei Milliarden Euro will der Freistaat bis 2020 in den Hochwasserschutz investieren. Nach der Betonpolitik vergangener Jahrzehnte scheint langsam ein Umdenken einzusetzen: Die Flüsse werden nicht länger kanalisiert und bloß Dämme erhöht, sondern auch Deiche zurückverlegt und große Retorsionsflächen geschaffen. Allein an der Donau sind nach dem Verzicht auf die Staustufe an der Mühlhamer Schleife 600 Millionen Euro für den „sanften“ Ausbau eingeplant. Drei große Becken bei Neuburg, Neustadt und Straubing sind geplant, an der Mündung der Isar ein weiteres. An der Mangfall sollen insgesamt 150 Millionen Euro verbaut werden.

Allein: Planungen und Bau ziehen sich hin. „Verzögerungen sind üblich“, sagt Helmut Kunisch vom Institut für Wasserwesen an der Universität der Bundeswehr Neubiberg. Er hat an der Iller bei Sonthofen den Bau des Flutpolders „Seifener Boden“ betreut. Ein Riesending, doppelt so groß wie das geplante Becken an der Mangfall. Acht Jahre dauerte der Bau. „Für so ein Bauwerk ist das absoluter Rekord.“ Meist gebe es zähen Widerstand. Kunisch prophezeit: „Ein, zwei Jahre nach dem Hochwasser ist das wieder vergessen. Und aus der Bevölkerung gibt es dann keinen Rückhalt mehr.“ Auch der Umweltverband WWF warnt. „Wir brauchen jetzt endlich die Weichenstellungen, um großflächige Rückhalteräume zu sichern“, erklärt Wasserbau-Spezialist Georg Rast.

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In Feldkirchen-Westerham trommelte jahrelang eine Bürgerinitiative gegen unschöne kilometerlange Dämme, bis zu elf Meter hoch. Es existieren geharnischte Briefwechsel zwischen BI-Vertretern und Umweltminister Marcel Huber, der auf den Bau des Beckens pochte. Eine Verkleinerung des Beckens, wie von der BI gefordert, lehnte Huber ab. „Kolbermoor baut, Feldolling ersauft“, lautete das Motto einer Demo gegen das Rückhaltebecken – in Anspielung darauf, dass die Großgemeinden an der Mangfall zum Teil im Überschwemmungsgebiet liegen.

In diesem Punkt gibt Wasserwirtschaftsamts-Planer Wiedemann den Kritikern sogar Recht. „Wissen Sie, wie groß Kolbermoor 1855 war?“, fragt er – und gibt gleich selbst die Antwort: Es gab nur ein Haus. Heute sind im Landstrich zwischen Bruckmühl und Rosenheim durch die Mangfall 42 000 Einwohner und 18 000 Gebäude von einem sogenannten Hundertjährigen Hochwasser bedroht. Dennoch sei der Bau des Beckens unumgänglich.

Der Bürgermeister der Gemeinde gibt dem Amt recht. Die Behörde habe alle denkbaren Standorte geprüft, sagt Bernhard Schweiger. Übrig geblieben sei Feldolling. Während der Planfeststellung rechnet Schweiger mit Widerspruch. Doch das Argument, man baue nur für Kolbermoor, zieht beim Bürgermeister nicht. „Diese Kirchturmpolitik mache ich nicht mit.“

von Dirk Walter

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