Zahl der Delikte steigt

Der Fremde in meiner Wohnung: So leiden Einbruchsopfer

München - Einbrecher reißen oft zweierlei Wunden: Sie rauben ihren Opfern nicht nur Wertsachen, sondern häufig auch den inneren Frieden. Jeder Zehnte kämpft sein Leben lang mit den Folgen eines Einbruchs.

Als Philipp Wolf*, 41, die Haustür aufsperrt, ahnt er noch nichts. Er dreht seinen Schlüssel im Schloss herum, einmal, zweimal, der Riegel gleitet aus dem Schließblech. Gemeinsam mit seiner Mutter betritt er den Flur, es ist spätabends, sie knipsen das Licht an. Und sehen: Chaos. Auf dem sandfarbenen Sisal-Teppich verstreut liegen Tücher, Schuhe, Jacken, Kartons. Vier Stunden zuvor, als sie das Haus verlassen haben, war alles noch an seinem Platz. Marianne Wolf* will es nicht wahrhaben: „Vielleicht ein Windstoß?“, fragt sie fast flehend. Ihr Sohn will Gewissheit, öffnet die Küchentür. Alle Schubladen sind durchwühlt, der Boden ist mit Geschirr übersät. Nun ist klar: Es wurde eingebrochen.

Wie den Wolfs, einer Familie aus Icking im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen, ergeht es immer mehr Menschen in Bayern: Sie werden Opfer von Einbrüchen. Das Polizeipräsidium Oberbayern Süd vermeldet: Von Januar bis Oktober 2013 stieg die Zahl der Fälle um 21,4 Prozent gegenüber demselben Vorjahreszeitraum. Mancherorts ist es noch schlimmer. In Grünwald und Pullach (Kreis München) gab es 2013 rund 70 Einbrüche – doppelt so viele wie 2012. Michael Siefener, Sprecher des bayerischen Innenministeriums, sagt: „Das Phänomen beobachten wir bundesweit schon seit einiger Zeit.“ Besonders alarmierend: Die Einbrecher werden immer dreister.

In Freising und im nahen Pfrombach flexten Unbekannte an einem Wochenende in aller Ruhe zwei Standtresore in Zoomärkten auf – obwohl das einen Höllenlärm machte. In München verbarrikadierte ein Einbrecher eine Wohnungstür von innen mit Schränken, und als der Bewohner nach Hause kam, flüchtete er über den Balkon ins Freie. Andere Einbrecher, die ertappt und verjagt werden, machen einfach in der Nachbarschaft weiter. Wieder andere geben sich als Polizisten aus, um in die Wohnung einzudringen. In Gräfelfing stiegen die Täter aufs gut einsehbare Dach eines Hauses, schlugen ein Fenster ein und erbeuteten Schmuck.

Aber wer sind die Einbrecher? Zum einen sind es lokale Einzeltäter, die regelmäßig Spuren hinterlassen und deshalb leichter zu fassen sind. Schwerer tut sich die Polizei bei organisierten Einbrechertrupps aus anderen Ländern. „Wir stellen fest, dass hinter den steigenden Zahlen vermehrt Banden aus dem Ausland stecken“, sagt Siefener. Und die laufen wie eine gut geölte Maschine, bei der ein Zahnrad ins andere greift. Täter eins späht ein Gebäude aus und fotografiert die Umgebung. Nummer zwei bricht ein. Täter drei fährt die Beute über die Grenze. Und übergibt sie an den Vierten im Bunde: den Hehler, der das Diebesgut verhökert. Eine Arbeitsteilung, an der sich die Polizei oft die Zähne ausbeißt. Die Aufklärungsquote lag laut Statistik in den vergangenen Jahren bayernweit unter 30 Prozent. „Und das, obwohl wir mit allen Mitteln versuchen, gegenzusteuern“, sagt Andreas Guske, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd. Hat nicht zufällig ein Passant oder Nachbar ein Auto-Kennzeichen notiert oder sofort die Polizei gerufen, stehen die Chancen schlecht, die Einbrecher zu schnappen.

Den Einbruch in Icking bemerken erst Philipp Wolf und seine Mutter bei ihrer Rückkehr gegen 22 Uhr. Und tun genau das Richtige: Sie verlassen sofort wieder das Haus – schließlich könnten die Einbrecher noch da sein. Der Ickinger tippt 112 in sein Handy, wenig später läuft bereits eine Fahndung nach den Tätern. Philipp und Marianne Wolf warten in der Einfahrt, bis die Polizisten kommen. Die durchsuchen das Haus – mit der Hand an der Waffe. Raum für Raum, Stockwerk für Stockwerk. Die Täter sind weg. Es fehlt Schmuck – rund 40 000 Euro ist er wert. Noch in derselben Nacht kommt die Spurensicherung der Polizei ins Haus. Zehn Beamte suchen bis 3 Uhr morgens nach Fingerabdrücken und DNA-Spuren. Dann können sich die Ickinger endlich schlafen legen in ihrem durchwühlten Haus. Vor ihnen liegt eine schlaflose Nacht. Es wird nicht die letzte sein.

„Das geht vielen Einbruchsopfern so“, sagt Professor Willi Butollo vom Münchner Institut für Trauma-Therapie. „So ein Einbruch haut sogar den Stärksten eine Zeit lang um.“ Schlafstörungen sind danach nicht selten. „Einbruchsopfer haben häufig die Vorstellung, es gebe keine Sicherheit mehr für sie, weil jemand Fremdes in den persönlichen Rückzugsort eingedrungen ist.“ Und: „Durch den Vorfall wird das gesamte Wahrnehmungssystem verunsichert“, erklärt Butollo. Im schlimmsten Fall drohe eine posttraumatische Belastungsstörung.

Die Betroffenen reagieren sehr unterschiedlich. Manche Einbruchsopfer entwickeln Bauchschmerzen, Panikattacken oder sie leben in ständiger Angst, nicht ausreichend geschützt zu sein. Jedes zehnte Einbruchsopfer leidet einer Studie zufolge ein Leben lang unter den Folgen. Im Extremfall schotten die Betroffenen ihr Haus ab wie ein Gefängnis und igeln sich ein. Eine 24-jährige Münchnerin, die in der Arbeit überfallen wurde, berichtete vor Gericht in Anwesenheit der Täter, dass sie jede Nacht ihr Handy unter das Kissen legt. Manchmal wacht sie ruckartig aus dem Schlaf auf und ruft ihren Bruder an, sagt ihm, er solle aufstehen und alle Räume kontrollieren. „Ich denke dann, es ist jemand da. Jemand, der mir etwas antun will“, sagt sie.

Auch die Ickinger sind vom Einbruch traumatisiert – das merken sie, als sie ein paar Tage später im Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzen. Plötzlich hören sie einen dumpfen Knall aus dem Badezimmer. Mutter und Sohn zucken zusammen. Ist da schon wieder ein Einbrecher in ihrem Haus? Doch die Situation klärt sich schnell auf. Im Bad ist ein Gürtel von der Ablage auf die Fliesen geknallt.

Wer die psychischen Folgen des Einbruchs einen Monat später noch stark spürt, soll sich laut Butollo in Behandlung begeben. „Traumatisierte Menschen bezichtigen sich häufig selbst“, sagt er. Das Ziel einer Therapie sei, dass sich das Opfer nicht mehr den Vorwurf mache, es sei selbst schuld. Auffällig findet Butollo, dass sich vier Mal mehr Frauen als Männer in Behandlung begeben. „Ich vermute, dass es genauso viele Männer wie Frauen sind, die therapiert werden müssten, aber die trauen sich zum Teil einfach nicht.“ Die Folge: Sie schieben das Trauma vor sich her.

Für Marianne Wolf zählt nicht so sehr der materielle, sondern der ideelle Schaden: Ihr fehlen sehr persönliche Gegenstände. Am Tag nach dem Einbruch beginnt sie mit dem Aufräumen. Auf einem Block notiert sie die fehlenden Gegenstände, schätzt ihren Wert. Auf Elektronik, wie Computer oder iPad, hatten es die Einbrecher nicht abgesehen. Zu groß ist ihnen die Gefahr, die Geräte könnten geortet werden. Gestohlen wurde nur Schmuck, dazu etwas Bargeld. Auch der Hochzeitsschmuck der 72-Jährigen fehlt. Besonders tragisch: An ihm hängen viele Erinnerungen – erst im November war ihr Ehemann verstorben. Zwar wird die Hausratversicherung einen Teil des Werts von rund 40 000 Euro ersetzen. Aber den Schmuck, der ihr so viel bedeutet, wird sie vermutlich nie wieder sehen. Obwohl die Polizei auf alle möglichen Mittel zurückgriff.

Die Behörden setzen seit Jahren verstärkt auf Schleierfahnder: Die Beamten liegen im grenznahen Raum auf der Lauer und halten Ausschau nach verdächtigen Fahrzeugen und Personen. „Die Schleierfahnder haben bereits viel Erfahrung darin und wissen oft schon vorher, wen sie aufhalten müssen“, sagt Michael Siefener vom Innenministerium. Anschließend wird das Fahrzeug durchsucht. So endeten schon viele Beutezüge unweit der Staatsgrenze.

Im Fall von Marianne und Philipp Wolf hat sich bisher wenig getan. Die Hoffnungen ruhen auf den Fingerabdrücken. So sollen eines Tages die Täter überführt werden. Bis die Abdrücke in das System der Polizei aufgenommen sind, könnte ein dreiviertel Jahr vergehen. „Zumindest erklärte mir das einer der Beamten. Er sagte, das gehe nicht so schnell wie im Fernsehen“, erzählt Philipp Wolf. Noch immer kommt der Krimi-Fan sich vor wie in einem Film. Doch er hat sich vorgenommen, sich mit dem Einbruch abzufinden. Schon am Donnerstag gab es schon wieder einen Einbruch in ein Einfamilienhaus in Icking – kurz nach Mittag.

Manche Opfer werden nie mit der Tat fertig – vor allem jene nicht, die den Einbrecher daheim angetroffen haben. Das bundesweit aktive Netzwerk „Weißer Ring“, das Kriminalitätsopfer kostenlos hilft, vermittelte im vergangenen Jahr 244 Opfern von Einbrüchen Unterstützung – darunter sieben aus Südbayern. „Die eigentliche Zahl an traumatisierten Einbruchsopfern, die bei uns anrufen, ist jedoch höher. Viele rufen nur unter 116 006 an, um jemandem das Erlebte zu erzählen“, erklärt ein Sprecher. Diese zähle man in der Statistik aber nicht mit.

Trauma-Therapeut Butollo empfiehlt Einbruchsopfern, schnell wieder den Weg in den Alltag zu suchen und zum Beispiel arbeiten zu gehen. So hat es auch Philipp Wolf gemacht. Bereits am Tag nach dem Einbruch stand er wieder in der Drogerie, in der er als Verkäufer arbeitet. Er will sich sein Leben nicht durcheinanderbringen lassen – und den Einbruch vergessen. Aber jedes Mal, wenn er die Haustür aufsperrt, schlägt sein Puls schneller. Er steckt den Schlüssel ins Schloss, dreht ihn herum, einmal, zweimal und blickt auf den sandfarbenen Sisal-Teppich. Und ist jedes Mal aufs Neue erleichtert, wenn er dort kein Chaos sieht.   

Jonas Regauer

* (Name geändert)

Tipps von Experten: So können Sie Ihre eigenen vier Wände besser sichern

Haustür: Die Tür beim Verlassen des Hauses immer zwei Mal verriegeln. Nur dann greift der Riegel sicher ins Schließblech. Bei Neu- und Umbauten sollte eine einbruchhemmende Tür gewählt werden – ab Widerstandsklasse RC 2. Sie erschwert das Aufbrechen mit einfachen Hebelwerkzeugen wie Schraubenziehern, Zangen und Keilen.

Terrassentür: Auch wer sein Haus nur kurz verlässt, sollte die Terrassentür schließen. Empfohlen werden einbruchhemmende Beschläge und Türen. Die Widerstandsfähigkeit von Außentüren sollte der der Eingangstür entsprechen.

Fenster: Leichtes Spiel haben Einbrecher bei gekippten Fenstern. Ein Fenstergitter hilft, häufig gekippte Fenster (Toilette) abzusichern. Eventuell durchwurfhemmende Folien anbringen. Auch abschließbare Fenstergriffe helfen.

Rollläden: Rollläden nur in der Nacht geschlossen halten, damit keine Abwesenheit signalisiert wird. Einbruchshemmenden Rollläden einbauen. Noch wichtiger aber ist es, das Fenster zu sichern – gegen Einbrecher am helllichten Tag.

Kellerfenster: Gewöhnliche Kellerfenster wie Erdgeschossfenster sichern oder mit Gittern ausstatten. Kellerfenster mit massiven Stahllochblenden müssen stabil im Mauerwerk verankert und gegen das Öffnen gesichert werden, etwa mit einem Hangschloss.

Kellerschacht: In Kellerschächten können Täter meist ungesehen „arbeiten“. Betonierte Schächte lassen sich gut mechanisch sichern – zum Beispiel mit Rollenrostsicherungen. Alternativ die Gitter mit Abhebesicherungen tief im Lichtschacht verankern oder bei Kunststofflichtschächten im Mauerwerk.

Garagentor: Einbrecher dringen oft in Garagen ein, um über eine Verbindungstür ins Wohnhaus einzubrechen oder um aus der Garage Gegenstände zu stehlen. Ein einbruchhemmendes Garagentor mit stabiler Stangenverriegelung schützt. Der Profilzylinder sollte geschützt eingebaut werden. Fenster in der Garage sichern.

Licht: Licht wirkt abschreckend. Das Grundstück den örtlichen Verhältnissen angepasst beleuchten. Bewegungsmelder helfen, Einbrecher bei Dunkelheit besser zu erkennen. Bei längerer Abwesenheit mit einer Zeitschaltuhr das Licht im Haus steuern und so simulieren, dass das Haus aktuell bewohnt ist.

Briefkasten: Ein überquellender Briefkasten signalisiert längere Abwesenheit. Wer einige Zeit nicht zu Hause ist, sollte Nachbarn oder Freunde beauftragen, den Briefkasten zu leeren oder den Lagerservice der Post nutzen. Außenbereich: Hecken und Sträucher bieten Einbrechern Sichtschutz. Dichte Bepflanzung empfiehlt sich nicht direkt am Haus, vor allem nicht an einbruchgefährdeten Stellen. Gartentüren, Hof- und Garagentore immer schließen. Einbrecher können herumstehende Gegenstände wie Mülltonnen, Gartenmöbel, Leitern, Rankgerüste und hausnahe Bäume als Aufstiegshilfe benutzten. Schlüssel nicht draußen oder in der Garage verstecken. Wertsachen: Wertsachen nicht offen im Haus herumliegen lassen. Tresore mit einem Eigengewicht von unter 1000 Kilo nach Herstellerangaben fest verankern. Wertsachen, die nur selten gebraucht werden, gehören in ein Bankschließfach.

Fahrzeuge: Einbrecher haben es auch auf Fahrzeuge abgesehen – Fahrräder werden auch als Fluchtfahrzeug genutzt. Bei Autos und Motorrädern immer den Schlüssel abziehen, die Alarmanlage aktivieren, das Lenkradschloss einrasten lassen.

Alarmanlage: Alarmanlagen schrecken ab und bieten Schutz – vor allem in Kombination mit mechanischer Sicherheitstechnik.

Telefonleitung: Die Telefonleitung sollte unterirdisch verlaufen, damit sie Einbrecher nicht durchtrennen und die Verbindung zur Außenwelt kappen.

Achtung: Nicht bedenkenlos auf Klingeln an der Haustür öffnen. Vor dem Öffnen einen Blick durch den Türspion oder durch den Türschlitz mit Sperrbügel werfen. Sich misstrauisch gegenüber Fremden zeigen.

Soziale Netzwerke: Posts aus dem Urlaub in sozialen Netzwerken können Kriminelle auf nicht bewohnte Häuser und Wohnungen hinweisen. Deshalb auf Urlaubsposts verzichten oder die Privatsphäre-Einstellungen überprüfen – und diese Inhalte nur mit Freunden teilen

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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