+
Mund auf, Geldbeutel zu: Zahnärzte, die bis Jahresende AOK-Patienten behandeln, erhalten bis zu zwei Drittel weniger Honorar. Ihr Budget ist aufgebraucht.

Schon wieder fehlt das Geld

Keine Zahnarzt-Termine für AOK-Patienten?

  • schließen

München - Ob dieser Krach jemals endet? Seit Jahren streiten Zahnärzte und AOK über das Budget der Krankenkasse, seit Jahren reicht das nicht aus. Leidtragende sind die Patienten. Und Besserung ist nicht in Sicht.

Ring, Ring. Schon wieder das Telefon. Tobias Horner ist ein gefragter Mann dieser Tage. Der Pressesprecher der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayern (KZVB) gibt den Kummerkasten für die Zahnärzte im Freistaat. Derzeit haben viele von ihnen Gesprächsbedarf. Denn: Bis Ende des Jahres bekommen sie deutlich weniger Honorar – sobald sie Patienten der AOK Bayern behandeln. Zwischen KZVB und der Krankenkasse ist (mal wieder) der Streit ums Geld ausgebrochen. Horner sagt: „Das Budget der AOK reicht hinten und vorne nicht.“ Die Krankenkasse kontert: Schuld sei die KZVB, die zu viel Geld ausbezahlt habe. Die Zahnarzt-Vereinigung, die das Geld an die Ärzte verteilt, hat jedenfalls ab sofort Puffertage ausgerufen. In dieser Zeit kürzt sie das Ärzte-Honorar drastisch, um das Budget einzuhalten. Die Zahnärzte reagieren auf die Sparmaßnahmen. Viele verschieben weniger dringende Termine der AOK-Patienten ins neue Jahr. Unfreiwillig werden AOK-Kunden zu Patienten zweiter Klasse.

So läuft das seit Jahren. Die Puffertage im Herbst kommen. Garantiert. Mal früher, mal später – eben wenn das AOK-Budget fast aufgebraucht ist. 2014 war’s schon Anfang Oktober soweit. Seitdem kassieren Ärzte bis zu zwei Drittel weniger Honorar pro AOK-Patient. Ebenso hart trifft es die Versicherten. „Not- und Schmerzensfälle sind zu 100 Prozent gesichert, viel mehr kann man nicht sagen“, betont Horner. Das hänge von der Praxis ab. „Wer hat schon Lust, für nur ein Drittel seines Honorars zu arbeiten?“ Sein Tipp für die AOK-Versicherten: Persönlich beim Zahnarzt nachfragen. Laut Gesetz dürfte es keine Einschränkungen für Patienten geben. Das betont AOK-Sprecher Michael Leonhart und schiebt die Schuld auf die KZVB.

Das Problem allein auf die Ärzte-Vereinigung abzuwälzen, wäre aber falsch. Schließlich gehen beide Seiten auf Konfrontationskurs. Fakt ist: Die AOK stellte 2013 jedem Versicherten 176 Euro pro Jahr für Zahnbehandlungen zur Verfügung. Dieser Satz gilt noch heute. Betriebs- und Ersatzkrankenkassen dagegen etwa 200 Euro. Der Unterschied ist historisch bedingt. Früher waren viele sozial Schwache bei der AOK versichert. Und die gingen nur selten zum Zahnarzt. Die Mediziner strichen sogar weniger Honorar für AOK-Patienten ein. Das hat sich geändert. Alle Patienten gehen ähnlich oft zum Arzt, Zahnärzte kassieren die gleiche Summe pro Patient. Weiter angleichen will die AOK das Jahresbudget fürs Erste nicht – denn „bereits 2013 wurde die Grenze um 7,5 Prozent erhöht“, sagt Sprecher Michael Leonhart. Genau das sei das grundlegende Problem, so Horner.

Die KZVB hätte das Budget in diesem Jahr gerne um weitere 10 Prozent nach oben geschraubt. So stand es auch in einem Schiedsspruch, den ein neutraler Schlichter ausgearbeitet hatte. Ein „ganz normales Vorgehen“, betont Horner. KZVB und die Krankenkassen verhandeln nämlich ihr Budget jedes Jahr neu. Mit allen Kassen hat sich die Vereinigung der Zahnärzte schon auf das Budget für 2014 verständigt. Nur nicht mit der AOK. Zehn Prozent mehr Geld waren zu viel. Also zog die Krankenkasse vor das Landessozialgericht – und gewann. Überraschend. „Der Schiedsspruch ist rechtswidrig“, heißt es im Gerichtsbeschluss. Der Gesetzgeber hält einen Anstieg von 2,81 Prozent – pro Jahr – für richtig.

Ein Triumph für die Krankenkasse, ein Schlag ins Gesicht für die Ärzte. Das Hauptverfahren steht zwar noch aus. Die Tendenz aber dürfte klar sein. Bis sich beide Seiten einigen, gilt der Satz für 2013. Also 176 Euro. Eigentlich wollte die KZVB schon bald mit den Verhandlungen für 2015 beginnen. Dieses Vorhaben ist aber mehr eine Illusion. Pressesprecher Horner: „Das ist jetzt ein Perpetuum Mobile, das die AOK in Gang gesetzt hat.“

Andreas Mayr

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Razzia bei Security von Erstaufnahme-Einrichtung
Gegen die Security der Erstaufnahme für Asylbewerber in Donauwörth wird ermittelt. Die Polizei Dillingen hat am Mittwoch eine Razzia durchgeführt.
Razzia bei Security von Erstaufnahme-Einrichtung
Mercedes brennt auf der A93 aus - Autobahn Richtung München komplett gesperrt
Hohe Rauchschwaden auf der Autobahn: Ein Wagen brannte am Mittwoch auf der A93 lichterloh. 
Mercedes brennt auf der A93 aus - Autobahn Richtung München komplett gesperrt
Hakenkreuze und fremdenfeindliche Sprüche: Jugendliche gestehen Graffitis
Jugendliche sprühen Hakenkreuze und ausländer- und judenfeindliche Sprüche quer durch Kürnach - Täter offenbar geständig.
Hakenkreuze und fremdenfeindliche Sprüche: Jugendliche gestehen Graffitis
Vater tot, Sohn schwer verletzt: Sie sind wohl Opfer eines illegalen Autorennens
Ein Vater stirbt vor Augen seines Sohnes (10) bei einem Horror-Unfall in Achslach. Der Zehnjährige liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Jetzt hat die Polizei einen …
Vater tot, Sohn schwer verletzt: Sie sind wohl Opfer eines illegalen Autorennens

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.