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Der Pisa-Schock frustriert noch immer.

Zehn Jahre Pisa-Schock: "Der Frust sitzt noch tief"

München - Vor zehn Jahren erschien die erste Pisa-Studie: Ein Gespräch mit Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands und Leiter des Gymnasiums in Vilsbiburg, über den Pisa-Schock und die Folgen.

Vor fünf Jahren widmeten Sie ein Buch all jenen, „denen Pisa auf den Geist geht“. Immer noch frustriert?

Es hat sich etwas beruhigt, das Thema wird gelassener und überlegter diskutiert als noch vor Jahren. Aber in weiten Kreisen sitzt der Frust noch tief.

Warum?

Weil die verschiedenen deutschen, letztlich aber doch leistungsfähigen Bildungssysteme auf Rangplätze und Punktwerte reduziert wurden. Das deutsche Schulwesen wurde schlecht gerechnet. Ein übler Missbrauch von Pisa.

War es kein heilsamer Schock? Immerhin war Deutschland anfangs katastrophal weit hinten.

Sie übertreiben. Wir waren im Mittelfeld, 15 oder 16 unter 30 Ländern. Das ist nicht katastrophal.

Mag sein. Aber die Pisa-Ergebnisse haben sich danach kontinuierlich verbessert.

Das schon, aber es gibt eine Menge Kollateralschäden. Unser Bildungsverständnis hat sich infolge von Pisa verengt. Anfangs waren die deutschen Schulen auf den von der OECD vorgelegten Aufgabentypus schlichtweg nicht vorbereitet. Da wurden Texte vorgelegt, und aus diesen heraus sollten Fragen beantwortet werden. Das war in deutschen Schulen so nicht üblich. Letztlich steht dahinter der Konflikt Kompetenzorientierung contra Wissensorientierung. Pisa hat die Aufgabenkultur in Deutschland verändert.

Sind Sie gegen die Kompetenzorientierung?

Ich halte sie für einen Irrweg, sofern die Kompetenzen im luftleeren Raum oder mittels beliebiger Inhalte vermittelt werden sollen. Letztlich ist viel Wissen, die Verbindlichkeit von Lehrplänen, über Bord gegangen. Konkrete Wissensinhalte sind unabdingbar, das ist mein Credo.

Was meinen Sie?

Das Wissen und Können der Schüler im sprachlichen Ausdrucksvermögen, in Literatur, Fremdsprachen, Geschichte, Kunst, Musik – das wurde nicht getestet. Sehen Sie: Was bei den 15-jährigen Schülern beim Pisa-Test im Jahr 2000 abgefragt wurde, war Literacy, zu Deutsch also das Leseverständnis. Geprüft wird das vor allem anhand von Multiple-choice-Aufgaben. Das hat mit der Pflege des Ausdrucksvermögens nichts zu tun. Leider hat sich diese Aufgabenkultur auch in Bayern breit gemacht, wie man an den Jahrgangsstufentests in Deutsch an der 6. und 8. Klasse Gymnasium sieht. Da geht es nur noch ums Ankreuzen und Zustöpseln von Lückentexten.

Häufig wird den Pisa-Tests zugute gehalten, auf die soziale Schieflage des Schulwesens in Deutschland aufmerksam gemacht zu haben.

Tut mir leid, auch da muss ich widersprechen. Die Leistungstests finden unter 15-Jährigen statt, deren Bildungslaufbahn nicht abgeschlossen ist. Auch wer einen Mittel- oder Realschulabschluss hat, dem ist der Weg zur Uni nicht versperrt. 43 Prozent der Studienberechtigten in Bayern haben kein gymnasiales Abitur, sogenannte bildungsferne Schichten sind dort stark vertreten.

Und was ist mit der Schulstruktur? Seit Pisa wird darum erneut erbittert gestritten.

Hier waren die Ergänzungsstudien von Pisa in der Tat aufschlussreich, denn der Bundesländervergleich erbrachte das, was viele vorher nicht laut zu sagen wagten: ein starkes Süd-Nord-Gefälle mit Bayern und Baden-Württemberg in der Spitzengruppe. Beide Bundesländer haben ja ein differenziertes Schulsystem. Für eine Legende halte ich demgegenüber, dass uns ständig der zeitweilige Pisa-Sieger Finnland vorgehalten wird. Finnland hat einen Migrantenanteil von zwei Prozent, Deutschland von 18 bis 30 Prozent. Und in Finnland gibt es unter Jugendlichen eine Arbeitslosenquote von 20 Prozent.

Sind Pisa-Tests auch weiterhin unverzichtbar, wie der Pisa-Koordinator Andreas Schleicher meint?

Ach, das ist ein Beschäftigungsprogramm für die OECD. Pisa hat vielleicht einen heilsamen Schock gebracht, aber heute wissen wir alles, was wir wissen müssen. Nur in Deutschland und Österreich wird Pisa so hoch gehängt.

Das Interview führte Dirk Walter

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