Damals gegen erbitterten Widerstand beschlossen

Zehn Jahre Qualmfreie Kneipen: Der Rauch ist verflogen

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Vor zehn Jahren wurde in Bayern das Rauchverbot beschlossen. Nach anfänglich erbittertem Widerstand haben sich Wirte und Gäste mittlerweile auch ohne Aschenbecher arrangiert. In Österreich hingegen sieht es ganz anders aus.

München – Seit 35 Jahren treffen sich die Mittenwalder in ihrer Kneipe, die ganz pragmatisch auch nur „die Kneipe“ heißt, zur gepflegten Feierabend-Halbe. Die Aschenbecher stehen hier schon lange nicht mehr auf dem Tresen, egal ob der FC Bayern auf der Leinwand kickt oder die Musik aus den Boxen schallt. „Ich bin froh, dass hier nicht mehr geraucht wird“, sagt Wirt Josef Kehr. Vor fünf Jahren hat der 35-Jährige die Kneipe an der österreichischen Grenze von seinen Eltern übernommen, seit 15 Jahren arbeitet er mit. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie der Gastraum Abend für Abend im Zigarettenrauch ergraute.

Vor zehn Jahren hat der bayerische Landtag einen damals beinahe revolutionären Schritt gewagt: ein strenges Rauchverbot für Restaurants, Kinos und sämtliche Boazn im Freistaat. Der Aufschrei unter Gästen und Wirten war groß – und ein Jahr später verlor die CSU bei der Landtagswahl die absolute Mehrheit. Der neue Ministerpräsident Horst Seehofer machte als Grund dafür auch das Rauchverbot aus, das aus seiner Sicht die bayerische Volksseele verletzt habe. Das Gesetz wurde aufgeweicht und auf einmal war jedes Bierstüberl ein Raucherclub, damit wieder fleißig gequarzt werden konnte. Hier kam Sebastian Frankenberger ins Spiel. Der damalige ÖDP-Politiker sammelte gegen erbitterten Widerstand Unterschriften für ein Volksbegehren. Am 4. Juli 2010 stimmten über 60 Prozent der 3,5 Millionen bayerischen Wähler für ein striktes Rauchverbot ohne Schlupfloch.

Sebastian Frankenberger, Initiator des Volksbegehrens zum Nichtraucherschutz.

Frankenberger hat sich in den vergangenen Jahren aus der Politik zurückgezogen. Aber mit dem Nichtraucherschutz im heutigen Bayern ist er auch zehn Jahre nach dem ersten Vorstoß sehr zufrieden: „Es läuft doch super hier, während es in anderen Bundesländern eher ein Trauerspiel ist.“ Auch Jahre nach der Entscheidung erhalte er noch vereinzelte Morddrohungen – „von Menschen, die ihren Weltfrust bei mir ablassen“. Dafür haben sich einige empörte Wirte, die Frankenberger damals mit einem kategorischen Hausverbot abstraften, mittlerweile entschuldigt. „Und der ein oder andere sieht die Regelung jetzt sogar selbst positiv.“

Gaststättenverband: Die Empörung hat sich weitgehend gelegt

Auch beim Hotel- und Gaststättenverband hat keine Diskussion so eingeschlagen wie die um den Zigarettenbann. „Wir haben damals eine Mitgliederbefragung gemacht – die Hälfte war radikal dafür, die andere radikal dagegen“, sagt Verbandssprecher Frank-Ulrich John. Während bei den Speiselokalen die Umstellung gut funktionierte, habe es gerade unter den kleinen Schankkneipen auch Verlierer gegeben, so John. Die anfängliche Empörung habe sich mittlerweile aber weitgehend gelegt. „Heute gibt es eher Probleme, wenn sich Nachbarn wegen Lärmbelästigung beschweren, weil die Leute zum Rauchen rausgehen.“ Auch in München mit seinen rund 8000 Gaststätten ist die Zahl der Verstöße massiv zurückgegangen. „Allenfalls in manchen Shisha-Lokalen gibt es noch gelegentlich Beanstandungen“, sagt KVR-Sprecher Johannes Mayer.

In Josef Kehrs Kneipe haderten die Gäste am Anfang. „In den ersten Wochen haben wir die Aschenbecher spät abends wieder auf den Tisch gestellt.“ Aber das habe sich schnell erledigt. Heute hat Kehr einen Außenbereich mit zusätzlichen Tischen. „Da machen wir ein super Geschäft.“ Auch er selbst hat den Zigaretten vor vielen Jahren abgeschworen. Die Rauchschwaden lichten sich in jeder Hinsicht.

Nur wenige Kilometer von Kehrs Kneipe sieht es ganz anders aus. In Österreich sollte eigentlich im nächsten Jahr ein komplettes Rauchverbot eingeführt werden. Doch am Montag setzte sich die FPÖ mit ihrem rauchenden Chef Heinz-Christian Strache in den Koalitionsverhandlungen gegen die ÖVP durch und erreichte die Abkehr vom geplanten Komplettverbot. In abgetrennten Räumen darf in Österreichs Kneipen und Restaurants somit weiter gequalmt werden. Zigarettenflüchtlinge über die Grenze fürchtet der Mittenwalder Kehr aber auch in Zukunft nicht. „Die Leute sind nach dem bayerischen Verbot dageblieben und sie werden auch weiterhin kommen“, da ist er sich sicher.

Die Diskussion in Österreich bekommt auch Sebastian Frankenberger mit. Der Passauer, der mittlerweile berufsbedingt eine Wohnung in Linz hat, beobachtet erste Bestrebungen zu einem Volksentscheid. Ob es ihn noch mal juckt? „Schau ma mal.“

Lesen Sie auch: Staat muss Rauchverbot auch im Gefängnis durchsetzen

Video: Glomex

Rubriklistenbild: © dpa

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