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Bayerns Problembär: Dieses Foto entstand wenige Tage, bevor Braunbär Bruno erschossen wurde. Er hat den Freistaat im Sommer 2006 aufgemischt

Vom Star zum tragischen Helden

Vor zehn Jahren kam Braunbär Bruno nach Bayern

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München - Vor zehn Jahren hat der Braunbär Bruno Bayern ein unvergessliches Sommermärchen beschert. Die Geschichte eines Bären, der zum tragischen Helden wurde.

Die herzliche Einladung wird ausgesprochen, zwei Tage bevor seine Tatze erstmals bayerischen Boden berührt. Ausgesprochen wird sie von keinem Geringeren als dem bayerischen Umweltminister persönlich. „Der Braunbär ist in Bayern willkommen.“ Diesen Satz hätte Werner Schnappauf (CSU) in den kommenden Wochen wohl viele Male liebend gern zurückgenommen. Denn der hundert Kilo schwere, je nach Gemütslage bis zu 1,60 Meter große Gast weiß sich nicht zu benehmen. Oder, wie es Ministerpräsident Edmund Stoiber ausdrückt: Er, äh, verhält sich nicht normal. Es handelt sich um einen Problembären.

Dieser Problembär – amtlich JJ1 genannt, berühmt geworden aber unter dem Namen Bruno – mischt Bayern einen Monat lang ordentlich auf. Er wird zum Verfolgten, zum Superstar, zum unbezwingbaren Einzelkämpfer, zum Symbol der Freiheit. Er spielt die Hauptrolle in einem unvergesslichen bayerischen Sommermärchen.

Es beginnt genau vor zehn Jahren, als Bruno im Ammergebirge über die Grenze marschiert. Zunächst unbeobachtet. Doch der zwei Jahre alte Braunbär aus dem italienischen Trentino tut sein Bestes, um innerhalb kürzester Zeit die volle Aufmerksamkeit zu bekommen. Bei Grainau im Kreis Garmisch-Partenkirchen reißt er innerhalb von zwei Tagen neun Schafe und einige Hühner in unmittelbarer Nähe von Wohnhäusern. Die Euphorie, dass sich seit 171 Jahren wieder ein Braunbär nach Bayern begeben hat, ist schnell verflogen. Die Stimmung kippt. Bruno ist nicht mehr willkommen – er ist gefürchtet. Das Landratsamt Garmisch-Partenkirchen warnt vor nächtlichen Spaziergängen im Wald. Eine Expertenrunde tagt im Umweltministerium. Sie sind sich sicher, dass sich Bruno immer wieder Ortschaften nähern wird. Der Mann, der noch vor wenigen Tagen die herzliche Einladung aussprach, muss verkünden, dass der Braunbär zum Abschuss freigegeben ist. Schnappauf wird von Tierschützern heftig dafür kritisiert. Edmund Stoiber stellt sich mit einer seiner legendärsten Reden (siehe Kasten) hinter seinen Minister.

Ursprünglich gab es einen anderen Plan: Bruno sollte mit einer großen Röhrenfalle eingefangen und mit einem Sender versehen werden. Wäre er in die Nähe einer Siedlung gekommen, hätte man ihn mit Feuerwerk oder Gummigeschossen vertreiben können – bis er gelernt hätte, Menschen zu meiden. Bruno hat etwas ganz anderes gelernt: Dass es sich bei den Menschen gut fressen lässt, solange man nicht an den Tatort zurückkommt. Die Experten glauben schon nach wenigen Tagen nicht mehr daran, den Bären umerziehen zu können. Für weibliche Reize ist er noch zu jung – deshalb wird auch die Idee verworfen, ihn mit einer Bärendame in eine Falle zu locken.

Immer wieder wird der Bär gesichtet. Mal auf österreichischer Seite, dann wieder in Bayern. Auf einer Zick-Zack-Route bewegt er sich durchs Grenzgebiet. Er reißt Schafe, plündert Kaninchenställe, bricht sogar Bienenstöcke auf. Bruno wird immer selbstbewusster. Und dreister. Am 17. Juni marschiert er durch Kochel am See (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) und setzt sich ausgerechnet vor eine Polizeiwache, um sich auszuruhen. Doch er ist immer schneller als seine Verfolger.

Bayern engagiert finnische Bärenjäger - aber Bruno führt sie an der Nase herum

Für mehrere zehntausend Euro engagiert Bayern finnische Bärenjäger mit Elchhunden. Sie kommen ihm nahe – aber nicht nahe genug, um einen Betäubungsschuss abgeben zu können. Bruno lässt sich viele Kilometer weit verfolgen – dann nimmt er entspannt ein Bad im Soinsee.

Während er bayerische und finnische Jäger zum Narren hält, wird er ganz nebenbei ein Superstar. Sogar die New York Times berichtet über ihn. Es werden T-Shirts verkauft mit Aufdrucken wie „JJ1 Bruno World Tour 2006“ oder „Mich kriegt ihr nie“. Im Internet werden Wetten abgeschlossen: Fliegt Deutschland bei der WM raus oder wird Bruno gefangen? Für die einen ist er Problembär, für die anderen Braunbär Bruno Superstar.

Am 26. Juni endet Brunos Superstar-Karriere mit einem einzigen Schuss. Er verweilt zu lange im Rotwandgebiet. Ein Fehler. Noch heute ist unbekannt, wer der Schütze war, der ihn damals erlegte. Nach seinem Tod wird es noch einmal richtig emotional in Bayern. Umweltminister Schnappauf bekommt sogar Morddrohungen. Der Bruno-Hype ist am 26. Juni noch lange nicht zu Ende.

Der Braunbär wird in der Pathologie in München zerlegt und untersucht, später präpariert. Seit 2008 ist er im Museum „Mensch und Natur“ in Nymphenburg ausgestellt. „Wir haben damals neben seiner Vitrine eine Pinnwand angebracht, an die die Besucher Notizen heften durften“, erzählt Gilla Simon, die stellvertretende Museumsleiterin. An manchen Tagen mussten die Mitarbeiter mehrmals täglich die überfüllte Pinnwand leeren und die Zettel in Kartons verstauen. „Die Aufregung war damals riesengroß“, erzählt Simon. „Fast jeder wollte sich zu Bruno äußern.“

Die Kartons mit den Notizzetteln gibt es noch. Die Pinnwand auch. Inzwischen kommen nur noch selten neue Botschaften dazu. Auch in diesen Tagen, zehn Jahre nachdem Bruno bayerischen Boden betreten hat, herrscht Ruhe rund um seine Vitrine. Erst am Freitag hat Gilla Simon eine Gruppe junger Studenten an Bayerns bekanntestem Braunbären vorbeigeführt. „Nicht einmal die Hälfte von ihnen kannte die Bruno-Geschichte.“

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