Verzögerung beim Zensus

Bayern zählt und zählt und zählt

München - Im Sommer 2011 wurden rund 3,4 Millionen Bayern nach fast allem befragt. Gut ein Jahr ist seit Abschluss der Volkszählung vergangen. Fest steht noch nicht viel – außer dass die Auswertung ein ganzes Stück länger dauern wird als geplant.

Anke Schwarz und Gunnar Loibl sind die Öffentlichkeits-Experten für den Zensus. Im letzten Jahr erklärten die beiden Sprecher des Bayerischen Landesamts für Statistik Millionen von Menschen, warum der Staat diesen Riesen-Aufwand betreibt. Nun erzählen sie, was bislang dabei rausgekommen ist.

Die Verzögerung: Im November sollten die ersten belastbaren Ergebnisse des Zensus vorliegen. Antworten darauf, ob tatsächlich, wie offiziell angenommen, 12,612 Millionen Menschen im Freistaat leben. Wie viele Wohnungen hier stehen, wie sie ausgestattet sind. Doch dieser Termin ist nun nicht mehr zu halten. Denn: „Die Qualität der Registerdaten war nicht so gut, wie wir uns das erwartet haben“, sagt Anke Schwarz. Diese erhielten sie unter anderem von den Grundsteuerstellen der Ämter. Viele dieser Datensätze waren schlichtweg falsch, sagt sie. Besitzer lebten nicht mehr oder hatten ihre Häuser verkauft. Die Statistiker mussten die neuen Besitzer also erst ermitteln. Das dauerte und war teuer. Ein bundesweites Problem, das beim nächsten Zensus wieder auftreten könnte. Denn das Landesamt für Statistik darf die richtigen Sätze nicht an die Ämter weitergeben. Rückspielverbot.

Das Mysterium: Über rund 30 000 Bayern gibt es überhaupt keine Information. Bogen wurden zwar verschickt, es kamen aber keine zurück. Viele wurden vor Gericht geladen, aber keiner kam. Ob die Personen tot sind, verzogen oder die Identität gewechselt haben – niemand weiß es.

Die Kosten: Bundesweit veranschlagt die Regierung 710 Millionen Euro für das Projekt. Der Freistaat kalkulierte mit 114 Millionen für einen Zeitraum von 2007 bis 2015. „Zur Zeit stehen wir bei 82 Millionen Euro“, sagt Anke Schwarz. Darin enthalten sind auch die offiziell Entschädigungen genannten Honorare für die 14 500 Interviewer und die Anschaffung der Hard- und Software.

Das Porto-Dilemma: Die Geister schieden sich an 1,45 Euro. Rund 290 000 Bürger verweigerten zwar nicht das Ausfüllen der Bogen, wohl aber das Bezahlen der Portokosten. Nach einigem Hin und Her entschied sich das Landesamt dazu, die Kosten zu tragen. „Das sind sensible Daten und dann noch mal jemanden rausschicken, der die Bogen holt, nein, das Übernehmen der Kosten war die wirtschaftlichste Lösung.“ Aber Loibl ist sich sicher: „Beim nächsten Zensus wird der Internetanteil viel höher sein.“

Die Exoten: Die deutsche Bürokratie kriegt sie alle. Die Zensus-Bogen wurden bis nach China, Palästina und Zaire versendet. Gunnar Loibl hatte mal einen Palästinenser am Telefon, der in Deutschland Grund besitzt. „Erklären Sie mal einem Menschen, der nur schlecht Englisch spricht, wie er jetzt genau diesen Bogen ausfüllen muss.“

Die Spaßvögel: Postkarten mit dem Osterhasen drauf, („Sie glauben ja wohl noch an den Osterhasen“), eine E-Mail von einem Außerirdischen, der behauptete, keinen Wohnraum auf der Erde zu besitzen. Gab es alles. Oder die Sache mit den Germaniten. Das sind Bundesbürger, die Deutschland als Staat nicht anerkennen. Schon das bloße Senden der Bogen fassten sie konsequenterweise als diplomatische Beleidigung auf. „Wir haben eine Kuriositätenwand mit solchen Einsendungen aufgestellt“, sagt Anke Schwarz. Anonymisiert, versteht sich. Übrigens: Auch die Germaniten mussten schließlich antworten.

Die Justiz: 22 Gerichtsverfahren wurden gegen Daten-Verweigerer geführt. Alle sind mittlerweile abgeschlossen, alle zu Gunsten der Statistiker. „Derzeit finden auch Rückzahlungen statt“, sagt Loibl. Die Menschen, die wegen Verweigerung ein Zwangsgeld zahlen mussten, bekommen das Geld zurück – sofern sie ihre Daten doch noch herausrückten.

Die häufigste Frage: „Auskunftspflicht? Meint ihr das ernst?“, gefolgt von der Frage nach dem richtigen Ausfüllen der Bogen. Dafür hatten die Statistiker phasenweise bis zu 100 Leute im Callcenter sitzen. Insgesamt wurden über 300 000 Anrufe, rund 16 000 E-Mails und 6000 schriftliche Briefe beantwortet.

von Patrick Wehner

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