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Innerhalb weniger Tage hat Bayern mehr als 148 000 Einwohner verloren. Zumindest auf dem Papier.

Zensus-Zank

Darum hat Bayern jetzt 148.000 Einwohner weniger

München - Innerhalb weniger Tage hat Bayern mehr als 148.000 Einwohner verloren. Zumindest auf dem Papier. In vielen Orten weicht das Zensusergebnis drastisch von den Zahlen des Einwohnermeldeamts ab. Zahlreiche Kommunen erwägen, gegen die amtlichen Bescheide zu klagen.

Siegfried Klika musste zweimal hinschauen. Die Zahl, die der Waldkraiburger Bürgermeister im Sommer vom Landesamt für Statistik erhielt, war nicht die, die er erwartet hatte. Sie war nicht einmal nahe dran. 23 789 Bürger sind im Melderegister der Stadt im Landkreis Mühldorf verzeichnet. Laut Zensusergebnis leben dort allerdings nur 21 435 Menschen – 2354 weniger. Die Volkszählung 2011 hat Waldkraiburg etwa um ein Zehntel geschrumpft. Klikas erster Gedanke: „Es muss im Meldeamt ein Fehler passiert sein.“ Doch als kurze Zeit später die Wahlbenachrichtigungen verschickt wurden, kamen nur 40 Zusendungen zurück. „Es kann nicht sein, dass es 2354 gemeldete Bürger nicht gibt“, sagt Klika.

Waldkraiburg ist nicht die einzige Stadt, in der das Zensusergebnis erheblich vom Einwohnerstand im Melderegister abweicht. Betroffen sind vor allem Kommunen mit mehr als 10 000 Einwohnern. Bei ihnen kommt die Zahl durch ein kompliziertes mathematisches Verfahren zustande. Denn im Unterschied zum letzten Zensus von 1987 sind nicht mehr alle Einwohner befragt worden, sondern repräsentative 9,6 Prozent der Bevölkerung. Ihre Antworten wurden hochgerechnet. Grundlage dafür ist eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts: Den Statistikern wurde aufgetragen, nach Methoden zu suchen, die die Bevölkerung entlasten.

Andreas Wunder, der Leiter des Weilheimer Einwohnermeldeamts, hat allerdings große Zweifel, dass diese mathematische Hochrechnung zuverlässiger ist als die Daten der Melderegister. In Weilheim hat der Zensus rund 600 Bürger weniger ermittelt als das Einwohnermeldeamt verzeichnet. „Bestimmt gibt es in unserem System einige Karteileichen“, sagt Wunder. „Aber nicht 600.“

Für die Kommunen geht es um mehr als eine Zahl. Denn nach der Einwohnerzahl richtet sich, wie viel Geld die Städte und Gemeinden im Rahmen des Finanzausgleichs vom Land überwiesen bekommen. Auch die Zahl der Sitze im Stadt- oder Gemeinderat hängt davon ab. Deshalb ziehen viele Kommunen nun eine Klage gegen das Zensusergebnis in Erwägung. „Wir dürfen nichts unversucht lassen“, sagt Wunder. „Der Unterschied hat schließlich jahrelang finanzielle Auswirkungen.“

Auch der Waldkraiburger Bürgermeister hat seinen Stadtrat bereits einstimmig hinter sich. Etwa 100 Städte und Gemeinden haben sich seit der Veröffentlichung der Ergebnisse beim Bayerischen Städtetag informiert. „Und ich glaube, dass noch viele dazukommen“, sagt Klika. Der Bescheid mit dem amtlichen Ergebnis wird noch im November verschickt. Dann haben die Kommunen einen Monat lang Zeit, vor das Verwaltungsgericht zu ziehen. Auch eine Musterklage wäre denkbar. Dazu müsste nur eine Stadt vor Gericht ziehen, alle anderen Kommunen könnten sich anschließen. Die Geschäftsstelle des Bayerischen Städtetags prüft diese Möglichkeit derzeit. Der wesentliche Ansatzpunkt für die Klage wird die Verfassungsmäßigkeit des Zensusgesetzes sein, kündigt der Städtetag an. Gunnar Loibl, Pressesprecher des Landesamtes für Statistik, betont jedoch, dass die Stichprobenmethode gesetzlich legitimiert ist. „Wir wissen, dass es in den Melderegistern viele Fehler gibt“, sagt er. Besonders in Unistädten oder Kommunen mit hohem Migrationsanteil, in denen sich viele Einwohner nicht zuverlässig an- oder abmelden. Er ist überzeugt: „Die errechneten Zahlen sind definitiv zuverlässiger.“

Sollten die Kommunen mit ihrer Klage erfolgreich sein, würden die Einwohnerzahlen der klagenden Städte und Gemeinden neu berechnet werden – nach Maßgaben, die das Gericht festlegt. Siegfried Klika ist optimistisch, dass die Kommunen Recht bekommen werden. Nach seinem ersten Einwand gab es bereits eine Nachbesserung um 497 Einwohner. Der Waldkraiburger Bürgermeister vermutet, dass die Interviewer fehlerhaft gearbeitet haben. „Und bei Hochrechnungen wird eben auch jeder Fehler multipliziert."

Katrin Woitsch

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