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Wollten ihre Liebe nicht verstecken: Silvia Gerhardt und Markus Schäfler.

Zölibat verletzt: Ein Neuanfang zu zweit

Geltendorf/Honsolgen – Sein Glaube ist stark, doch die Liebe war stärker: Im Mai 2009 machte der damalige Geltendorfer Pfarrer Markus Schäfler die Liebe zu seiner Pfarrhelferin Silvia Gerhardt öffentlich. Für beide bedeutete ihre Beziehung den Bruch mit der katholischen Kirche.

Schäfler wurde exkommuniziert und musste das Pfarrhaus in Geltendorf (Kreis Landsberg) verlassen, Gerhardt verlor ihre Anstellung als Pfarrhelferin. In diesem Jahr will das Paar, das sich in Honsolgen bei Buchloe eine neue Heimat aufgebaut hat, nun heiraten. In einer katholischen Kirche kann die Eheschließung jedoch nicht erfolgen: Mit der Exkommunikation sind Schäfler und seine Lebensgefährtin von den Sakramenten ausgeschlossen. Nie wieder dürfen die beiden in einer Pfarrgemeinde oder einer anderen kirchlichen Einrichtung angestellt werden.

-Sie beide sind im Mai letzten Jahres nach der folgenschweren Entscheidung, zu ihrer Beziehung zu stehen, aus Geltendorf weggegangen. Wie ist es Ihnen seither ergangen?

Schäfler: Zunächst erschien alles recht perspektivlos. Ich hatte mich bei der Arbeitsagentur in Augsburg beworben, weil dort Mitarbeiter gesucht wurden, aber das klappte zunächst nicht. Ich hatte keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, und es gab auch keine Starthilfe von der Diözese. Gerade an dem Tag, als wir in Geltendorf das Pfarrhaus räumten, kam dann aber doch noch die Zusage aus Augsburg und ich konnte zum 2. Juni eine Stelle als Arbeitsvermittler antreten. Gerhardt: Ich habe zunächst trotz vieler Bewerbungen keine neue Stelle gefunden und war bis Dezember arbeitslos. Dann kam ein Angebot von einem Bildungszentrum, wo ich seither in den Bereichen Berufsvorbereitung und Berufseinstiegsbegleitung mit Jugendlichen zusammenarbeite.

-Nebenbei bauen Sie in Honsolgen eine psychosoziale Beratungspraxis auf, den „Seelenraum“.

Schäfler: Ja, und das ist überraschend gut angelaufen. Wir hatten im letzten Herbst gerade unser Beratungszimmer fertig eingerichtet, als die ersten Anfragen von Klienten kamen. Seitdem wächst das Interesse stetig.

-Mit welchen Anliegen kommen die Menschen zu Ihnen?

Gerhardt: In der Hauptsache suchen unsere Klienten Hilfe in Lebenskrisen, sehr häufig haben sie Beziehungsprobleme. Sie brauchen Unterstützung, um an ihrer Beziehung zu arbeiten, oder wünschen sich eine Begleitung während des Trennungsprozesses. Daneben arbeiten wir auch mit Jugendlichen, die schwierige Phasen durchmachen.

-Sie selbst sind exkommuniziert worden. Gehen Sie noch in die Kirche?

Schäfler: Ein Leben ohne den sonntäglichen Gottesdienstbesuch ist für uns nicht vorstellbar. Deshalb haben wir nach dem Weggang aus Geltendorf eine neue kirchliche Heimat gesucht und uns der altkatholischen Gemeinde Kaufbeuren-Neugablonz angeschlossen.

Gerhardt: Viele Menschen wissen nichts von der altkatholischen Kirche. Sie hat sich im 19. Jahrhundert nach dem Ersten Vatikanischen Konzil von der römisch-katholischen Kirche abgespaltet und versteht sich bewusst als Alternative. Sie ist basisdemokratisch strukturiert, die Eucharistie kann jeder Getaufte empfangen, es gibt das Frauenpriestertum und keinen Zölibat.

-Im Rahmen Ihrer Beratungstätigkeit bieten Sie auch freie Trauungen zum Beispiel für konfessionslose, geschiedene oder gleichgeschlechtliche Paare an.

Schäfler: Damit hätte ich auch als Priester kein Problem gehabt. Ich hätte ein solches Paar zwar nicht im eigentlichen Sinne trauen können, das wäre nach dem Sakramenten-Verständnis der römisch-katholischen Kirche nicht möglich gewesen. Aber eine Segensfeier hätte ich mir durchaus vorstellen können, auch wenn das vielleicht nicht überall auf Verständnis gestoßen wäre. Ich bin der Meinung, dass es nie falsch sein kann, Menschen zu segnen.

-Haben Sie das Gefühl, dass die Menschen Ihnen mehr vertrauen, gerade weil Sie Ihren eigenen, schwierigen Weg gegangen sind?

Schäfler: Das spielt schon eine Rolle. Vielleicht bin ich jetzt für viele glaubwürdiger. Priester bin ich geworden, weil ich den Menschen die Gotteserfahrung weitergeben und weil ich Seelsorger sein wollte. Das war mir immer das Wichtigste. Aber paradoxerweise kann ich jetzt intensiver seelsorgerisch tätig sein als früher! Während meiner Zeit als Pfarrer war das gar nicht so erwünscht, denn als kirchlicher Mitarbeiter hat man immer mit einem gewissen Image zu kämpfen. Die Menschen haben Angst, beurteilt zu werden, und verschließen sich eher anstatt sich zu öffnen. Jetzt kommen Menschen zu uns, die in der Zeit, als wir noch kirchliche Mitarbeiter waren, nie gekommen wären.

-Gibt es noch freundschaftliche Kontakte nach Geltendorf?

Gerhardt: Viele Freundschaften sind natürlich geblieben. Einige sind sogar neu dazu gekommen oder haben sich vertieft, seitdem wir nicht mehr dort leben. Schäfler: Ich muss natürlich auch sagen, dass es mir jetzt als ,Privatperson’ leichter fällt, Freundschaften zu schließen und Leuten das ,Du’ anzubieten. Denn in der Rolle als Pfarrer war ich immer darauf bedacht, alle gleich zu behandeln.

-Welche Pläne haben Sie für dieses Jahr?

Gerhardt: Wir möchten den ,Seelenraum’ weiter ausbauen und auch telefonische Beratung und Online-Beratung anbieten. Außerdem wird es Wochenend-Seminare unter dem Motto ,Aussteigen zum Ankommen’ geben, und ab den Pfingstferien 2011 auch Intensivkurse in Spanien mit spirituellem Coaching in Einzelgesprächen sowie Meditation und Yoga. Uns steht dort ein Haus in einem Dorf am Jakobsweg zur Verfügung, wo es weder Strom noch fließend Wasser gibt. Eine Woche dort zu leben, ist eine sehr intensive Erfahrung.

-In Ihrem Abschiedsbrief an die Gemeinde war auch von Heiratsplänen die Rede...

Schäfler: Wir sind bereits mitten in den Vorbereitungen. Es wird im Laufe des Jahres soweit sein. Das Interview führte Ulrike Osman.

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