Peter Höldrich und Jakob Promberger in einem Waldstück bei Weilheim
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Junge Bäume wachsen nur hinterm Zaun: Die Waldbauern Peter Höldrich und Jakob Promberger fordern deshalb eine stärkere Bejagung des Rehwilds – denn die Tiere beißen ihnen die jungen Triebe weg.

Debatte um den Abschuss der Rehe

Zoff um neues Jagdgesetz: Waldbesitzer schlagen Alarm

  • Dominik Göttler
    vonDominik Göttler
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Der Streit um das neue Jagdgesetz spitzt sich zu. Waldbesitzer und Naturschützer appellieren gemeinsam an die Politik, die Rehe im Wald stärker zu bejagen. Ein Besuch bei zwei Waldbesitzern, die um ihre jungen Tannen bangen.

München – Peter Höldrich hat sich die Mütze tief ins Gesicht gezogen, um dem kalten Wind zu trotzen. Bedächtig stapft er durch sein Waldstück in Deutenhausen bei Weilheim und zeigt auf die kleinen Tannensämlinge am Boden. Alle paar Meter sprießen die jungen Triebe aus dem Boden, wenige Zentimeter sind sie hoch. „Die Natur gibt ihr bestes“, sagt Höldrich. „Aber nach dem Sommer wird davon nicht mehr viel übrig sein.“ Denn die jungen Tannen gelten nicht nur als wichtiger Baustein in einem klimasicheren Wald – sie sind auch für die Rehe eine Delikatesse. Und das ist für Landwirt und Waldbesitzer ein Problem. „Dass die Rehe mal zubeißen gehört dazu. Aber so wie aktuell ist es zu viel. Das Gleichgewicht passt nicht.“ Aus seiner Sicht nagt das Reh an der Zukunft des Waldes.

Mit dieser Meinung steht Höldrich nicht alleine da. Gemeinsam haben sich gestern der Bayerische Waldbesitzerverband und der Bund Naturschutz mit einem Appell an die Bundespolitik gewandt. Die Gesellschaft erwarte, dass die Wälder fit für die Zukunft gemacht werden. Deswegen müsse bei den aktuellen Beratungen über die Novelle des Bundesjagdgesetzes der Rahmen so gesetzt werden, dass sich der Wald von alleine verjüngen kann. Die Stoßrichtung ist klar: Wenn es nach den Waldbesitzern und dem Bund Naturschutz geht, müssten die Jäger dafür deutlich mehr schießen.

Der Jagdverband warnt davor, das Reh als Schädling abzustempeln

Dem entgegen stehen die Aussagen von Ernst Weidenbusch, dem Präsidenten des Bayerischen Jagdverbands und Mitglied der Initiative „Netzwerk Wald mit Wild“, in der sich Jäger und Tierschützer zusammengeschlossen haben. Weidenbusch hatte in unserer Zeitung davor gewarnt, das Reh als reinen Schädling abzustempeln und von den Waldbesitzern Schutzmaßnahmen wie Zäune oder Verbissschutz aus Plastik eingefordert.

Wenige Meter von den jungen Tannentrieben in Höldrichs Waldstück steht so ein Zaun. Sein Kollege Jakob Promberger, Vorsitzender der örtlichen Waldbesitzervereinigung, hat ihn vor einigen Jahren aufgestellt. Er lehnt sich auf einen der Holzpfähle und blickt auf die brusthohen Tannen, Buchen und Lärchen, die dahinter wachsen. „Da sieht man was möglich wäre, wenn nicht so viel Wild unterwegs ist“, sagt er und schüttelt mit dem Kopf. Auf der anderen Seite des Zauns sind so gut wie keine jungen Bäume zu sehen. Nur ein paar „Bonsai-Buchen“, wie Höldrich sie nennt, weil sie so oft angefressen wurden, dass sie mehr einem Busch als einem Baum gleichen.

Waldbesitzer sagen: Zaun und Plastikclips sind keine Lösung

Also künftig alles einzäunen? „Nein, das ist keine Lösung“, sagt Promberger, der sich wie Höldrich über die Forderung aus dem Jagdverband wahnsinnig geärgert hat. „Der Zaun kann nur ein Notbehelf für kleine Flächen sein.“ Großflächig seien solche Einzäunungen nicht finanzierbar, sie zerstörten den Lebensraum der Tiere – und nach jedem Sturm bestehe die Gefahr, dass ein umgestürzter Baum den Rehen die Tür zum Baum-Buffet öffnet – und dann war’s das mit dem Nachwuchs. Auch die Plastikclips, mit denen junge Bäume vor hungrigen Rehen geschützt werden können, hält Höldrich für problematisch: „Alle reden über zu viel Mikroplastik in der Natur – und dann sollen wir da massenhaft Plastikclips im Wald verteilen?“

Der Bund Naturschutz hält solche Maßnahmen ebenfalls für „Irrsinn“, wie Richard Mergner gestern erklärte. Josef Ziegler, Präsident des Bayerischen Waldbesitzervereinigung spricht von Ablenkungsmanövern, mit denen die Jäger die Verantwortung auf die Waldbesitzer abschieben wollen.

Derzeit rücken in Bayern gerade wieder die Förster aus, um für das forstliche Gutachten zu untersuchen, wie stark sich die Rehe an den jungen Bäumen gelabt haben. Die Wälder von Peter Höldrich und Jakob Promberger liegen in einer der Hegegemeinschaften, in denen der Verbiss als zu hoch eingestuft und ein stärkere Bejagung empfohlen wird. „Aber mehr, als das von den Jägern einzufordern, können wir nicht tun“, sagt Höldrich. Da hoffen er und sein Kollege Promberger nun auf Hilfe aus Berlin bei der Novelle des Bundesjagdgesetzes. „Der Grundsatz Wald vor Wild muss endlich durchgesetzt werden.“

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