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Schwimmunterricht – an Bayerns Schulen in Gefahr?

Lehrerverband bemängelt Schwimmunterricht

Zu wenige Schwimmstunden: Bayerns Grundschüler auf dem Trockenen

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Obwohl im Lehrplan fest verankert, ist der Schwimmunterricht an Bayerns Grundschulen in der Krise, sagt Bayerns größter Lehrerverband. Die Gründe: Stundenausfall, wenige Bäder und Angst bei den Lehrern.

Stockdorf/Oberhaching – Die Grundschüler in Stockdorf (Kreis Starnberg) sitzen auf dem Trockenen. „Bei uns gibt es keinen Schwimmunterricht“, sagt ihre Rektorin Heike Beuschlein. „Weil wir kein Hallenbad haben.“ Die Freibadsaison reicht zeitlich nicht für vernünftiges Training, mehr als einmal jährlich planschen ist nicht drin. Das nächste Hallenbad ist zu weit entfernt. Busfahrt hin und zurück, zweimal Umziehen und der Schwimmunterricht – das alles müsste in 90 Minuten stattfinden. „Davon würden noch 15 Minuten effektive Schwimmzeit übrig bleiben“, so Beuschlein. Das rentiert sich nicht.

Dabei ist der Schwimmunterricht fest im Lehrplan verankert. In den Zielvorgaben für die 3. und 4. Klasse steht: „Die Schülerinnen und Schüler bewegen sich in der Grobform einer Schwimmart (z. B. Brustschwimmen) sicher fort.“ Heißt: Spätestens am Ende der 4. Klasse sollen Bayerns Grundschüler – zur Not mit Hilfsmitteln – schwimmen können. „Befinden sich in einer Schwimmklasse Nichtschwimmer, sind für Schwimmer und Nichtschwimmer eigene Gruppen einzurichten“, heißt es in der entsprechenden Bekanntmachung des Kultusministeriums, die seit 1996 unverändert gilt. Doch solange es vor Ort kein Hallenbad gibt, lernen es Kinder in Stockdorf das Schwimmen trotzdem nicht. Nicht einmal in der Grobform.

Mangel an ausgebildeten Schwimmlehrern

Ähnliche Probleme gebe es bayernweit, warnt der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV). Schwimmstunden fielen reihenweise aus oder stünden gar nicht auf dem Stundenplan. Ist ein Bad in der Nähe, müssten es sich oft zu viele Schulen teilen. In München kommen zum Beispiel mehr als 900 Schüler auf ein Schwimmbad. Außerdem brauche es mehr ausgebildete Schwimmlehrer, sagt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann.

Anlass für diese Forderung sind Anfang Juni veröffentlichte Zahlen der Deutschen-Lebensrettungs-Gesellschaft (DLRG), wonach 59 Prozent der Zehnjährigen in Deutschland keine sicheren Schwimmer seien. Als solcher gilt demnach, wer das Schwimmabzeichen in Bronze besitzt.

Es gebe aber keine wissenschaftliche Definition, sagt ein Sprecher des Kultusministeriums. Er verweist auf eine Studie des Robert-Koch-Instituts: Demnach können rund 85 Prozent der Sieben- bis Zehnjährigen schwimmen und lernen es meist im Alter zwischen sechs und sieben Jahren. Die Studie basiert auf Eigenangaben von Kindern und Eltern.

Doch auch der DLRG-Landesverband Bayern berichtet, dass Schwimmstunden häufig ausfallen. „Die Klage hören wir öfter von Lehrern“, sagt Sprecher Horst Auer. Es sei daher wichtig, „dass die Kommunen die Bäder erhalten“. Den Schulen empfiehlt er, auf die Schulämter zuzugehen – und sich für den Unterricht bei der DLRG Hilfe zu holen.

Kultusministerium übt Druck auf Schulen aus

„Die Schulen sind dafür verantwortlich, dass der Lehrplan umgesetzt wird“, heißt es aus dem Kultusministerium. Aufgabe der Kommunen sei, die Bäder zu erhalten. „In Zusammenarbeit mit den Schulaufwandsträgern sind alle Maßnahmen zu ergreifen, um die Durchführung des Schwimmunterrichts sicherzustellen“, formuliert es das Ministeriumsschreiben zum Schwimmunterricht.

Laut Lehrerverbands-Chefin Fleischmann gibt es aber noch ein Problem: die Angst vieler Lehrer vor Schwimmunfällen. Auch mit entsprechender Ausbildung trauten sich viele Lehrer den Unterricht nicht zu. Zudem hätten viele Kinder keine Lust oder kämen nicht, weil sie nicht schwimmen könnten, erzählt Fleischmann. Und auch das Elternhaus spiele eine Rolle – gerade bei Mädchen mit ausländischen Wurzeln sei Aufklärungsarbeit gefragt.

Schulen, an denen der Schwimmunterricht nach Plan läuft, gibt es übrigens auch. Wie in Oberhaching (Kreis München). „Unsere Kinder lernen alle in der 3. Klasse Schwimmen“, sagt die Rektorin Gabriela Löffelmeier. Sie ist dankbar für die nahe Sportschule mit Schwimmbad und zwei engagierte Lehrer, die gemeinsam mit Eltern den Schwimmunterricht gestalten. Im Landkreis gebe es kaum Schulen, die vergleichbar aufgestellt seien, dafür seien Schwimmstunden in nahen Bädern zu rar. „Wir leisten uns den Luxus von zwei Extra-Lehrerstunden“, sagt Löffelmeier. „Weil es so wichtig ist für die Kinder.“

ja mit dpa

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