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„Sie haben einen segensreichen Dienst geleistet“: Seehofer dankt am Mittwoch im Rathaus stellvertretend für alle Retter dem Rosenheimer Kreisbrandrat Richard Schrank.

Bahnkatastrophe bei Bad Aibling

Ein Vergelt’s Gott an die Retter

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    Marcus Mäckler
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Bad Aibling - Es ist der Tag eins nach der Katastrophe in Bad Aibling. Die ganze Region versucht, das Unbegreifliche zu begreifen. Ein Tag voller unfassbarer Geschichten. Die Politik eilt aus München herbei, um zuzuhören und Danke zu sagen.

Aufschluss über die Ursache des Zugunglücks von Bad Aibling gibt am Dienstag eine Pressekonferenz. Auch am Donnerstag nach dem Zugunglück von Bad Aibling haben wir in unserem Live-Ticker berichtet.

In der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt, auf einer Anhöhe in Bad Aibling, ist es still am Mittwochmorgen. Eine Frau blättert in dem Buch, in das die Gläubigen das ganze Jahr ihre Gedanken schreiben können. Es ist zum Kondolenzbuch geworden. „Heute ist ein schweres Unglück passiert. Ich bitte dich barmherziger Gott, gib den vielen Verletzten deine Gnade, dass sie bald wieder gesund werden“, hat am 9. Februar jemand geschrieben. An jenem Dienstag, an dem zehn Menschen ihr Leben bei einem Zugunglück verloren haben. Ein anderer schreibt: „Hilf allen, die meinen, dass sie die Kraft nicht haben, die Schwere, die dieser Tag in ihr Leben gebracht hat, zu tragen.“

Es ist eine traurige Zeit für die Menschen in Bad Aibling, in der ganzen Region. Dazu die Fragen nach dem Warum. Und der Trubel. „Darauf hätten wir gerne verzichtet“, sagt die Verkäuferin der Bäckerei am Rathausplatz. Sie kann von der Theke aus beobachten, wie immer wieder Polizeiautos und schwarze Limousinen vorfahren – Politiker aller Parteien kommen am Tag eins nach der Tragödie in die Stadt, um der Opfer zu gedenken. Um den Angehörigen zu zeigen: Ihr seid nicht allein. Und um den Rettungskräften Danke zu sagen.

12.51 Uhr, eine Kolonne von Polizeibussen rollt auf die schmale Dammstraße zum Unglücksort. Retter arbeiten dort, seit es halbwegs hell ist. Die Bergungsarbeiten sind schwierig, die Gleise sind umgeben von Wasser und Wald. Spezialkräne sind von beiden Seiten auf das verkeilte Wrack zugefahren, die Einsatzkräfte bergen die Züge Stück für Stück. Jetzt machen sie kurz Pause, Ministerpräsident Horst Seehofer, CSU, steigt aus einem BMW, hinter ihm die anderen Politiker, es sind alle großen Parteien da. Normalerweise würden sie sich heute, am Aschermittwoch, bei den politischen Hau-Drauf-Veranstaltungen gegenseitig anstänkern. Heute ist Trauerarbeit wichtiger als Tamtam.

Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner, CSU, die im nur wenige Kilometer entfernten Feldkirchen-Westerham lebt, umarmt an der Unglücksstelle einen Wasserwachtler zur Begrüßung. Claudia Roth von den Grünen und Bahnchef Rüdiger Grube unterhalten sich mit Rettungssanitätern. Dann stehen alle still um die vier Trauerkränze, die nur wenige Meter von den verkeilten Zugwracks entfernt aufgestellt wurden, niemand hält eine Rede. Nur die drei Geistlichen beten für die Opfer, für die Hinterbliebenen, für die Retter. Dann sprechen alle gemeinsam ein Vaterunser. Im Gestrüpp liegt der Anorak eines Fahrgasts, daneben Trümmerteile, eine Zugtür. Um 13.11 Uhr setzt sich der Tross wieder in Bewegung. Seehofer fährt ins Krankenhaus Bad Aibling, um Verletzte zu besuchen. Kameras – nicht erlaubt.

Etwas früher am Tag haben sich alle im Rathaus getroffen. Natascha Kohnen, SPD-Generalsekretärin in Bayern, sagt: „Ich fühle Leere und Sprachlosigkeit.“ Ihre Großmutter, die Tante und Cousinen wohnen im Chiemgau, oft fährt die Familie mit der BOB: „Das ist unser Zug.“ Marcel Huber, Staatskanzleichef, ist selbst bei der Freiwilligen Feuerwehr Ampfing, sein letzter Einsatz ist erst ein paar Tage her. Er hat schon viele Tote und Schwerverletzte sehen müssen. Er weiß, wie schwer es ist, die Bilder aus dem Kopf zu kriegen. „Ich bin schon hunderte Male nachts wach gelegen“, sagt er. Er weiß, wie wichtig das Verarbeiten ist. Immer wieder gehen Feuerwehrmänner auf Huber zu, erzählen von ihrem Einsatz an den verkeilten Zügen. „Das ist ein Trauma“, sagt Huber. Manche Rettungskräfte sind besonders belastet. Ein Bad Aiblinger Feuerwehrmann muss verkraften, dass zwei Arbeitskollegen tödlich verunglückt sind – er war selbst an der Unglücksstelle. Und auch am Mittwoch ist er immer noch im Einsatz. Notarzt Stefan Stöckl sagt, vor allem die ersten Einsatzkräfte, die in den Zug kletterten, waren mit einem schlimmen Anblick konfrontiert. Sein Kollege Michael Riffelmacher kümmerte sich um einen Schwerverletzten, 17 Jahre alt. Er brauchte dringend einen Zugang, um Medikamente zu verabreichen, doch der Arzt kam nur an den Handrücken ran. Die Feuerwehr legte die ganze Hand frei, der Arzt setzte eine Infusionsnadel an der Daumenvene. „In dieser Zeit sprach ich unentwegt auf den jungen Mann ein“, sagt Riffelmacher. „Er durfte nicht wegkippen und sich nicht aufgeben.“ Über ihm lag ein Toter. Irgendwann sagte der 17-Jährige zu Riffelmacher: „Ich will nicht mehr leben, lass mich einfach sterben.“ Der Arzt anwortete: „Hier wird nicht gestorben.“ Drei Stunden später wurde der junge Mann geborgen. Er hat es überlebt.

Vielen tut es gut, über das Erlebte zu sprechen, es gibt ein eigenes Treffen dafür. Im großen Sitzungssaal des Rathauses sind jede Menge Stühle aufgereiht, Retter von Bayerischem Roten Kreuz, Feuerwehr, Wasserwacht, Technischem Hilfswerk sitzen dort. Fotografen dürfen ein paar Bilder machen, dann bittet Seehofer die Journalisten, „uns alleine zu lassen“. Weit über eine Stunde sind sie da drin, viel länger als geplant. Wie Teilnehmer hinterher erzählen, sprechen die Helfer über die Schwierigkeiten beim Einsatz, über die gute, ja vorbildliche Zusammenarbeit aller Rettungs-Teams – aber auch über die seelische Belastung der Helfer. „Es war sehr persönlich“, sagt Natascha Kohnen, ohne konkreter zu werden. „Sehr emotional.“ Sie wirkt mitgenommen, genau wie die anderen Politiker.

„Es war ein sehr ehrliches Treffen“, sagt Wolfram Höfler hinterher. Der 62-Jährige ist Einsatzleiter der Freiwilligen Feuerwehr in Bad Aibling. Er war einer der ersten am Unglücksort. Als am Dienstag das Schlimmste vorbei war, mussten Höfler und sein Team schon wieder ausrücken – Sturmschäden. Zum Reden war keine Zeit. Dann zwei Stunden Schlaf, mehr war nicht drin. Umso wohltuender ist es, am Tag danach, ein wenig Anerkennung zu kriegen. Das ist wichtig, auch für die nächsten Wochen.

Höfler hat das schon einmal durchgemacht. Damals, vor gut 40 Jahren, war er als junger Feuerwehrmann beim Zugunglück in Warngau im Einsatz. Als er am Dienstag zum Unglücksort kam, kehrten auch die Bilder zurück. „Kälte, Schnee, Finsternis. Waggons, die senkrecht in die Luft ragen.“ Der ganze Schrecken ein zweites Mal. „Man verdrängt das“, sagt Höfler. Eine Taucherin vom DLRG sagt später das gleiche und fügt an: „Anders steht man das nicht durch.“

Auch für Horst Seehofer sind es harte Stunden – nicht nur wegen des bedrückenden Termins. Er steht im Feuer wegen eines Interviews zur Flüchtlingspolitik, als ihn ein Journalist am Morgen danach fragt, entfährt es Seehofer: „Wissen Sie eigentlich, warum wir hier sind?“ Danach soll er noch gemurmelt haben: „Schämen Sie sich.“

Dies ist kein Tag der politischen Sätze, sondern ein Tag der Trauer und der Dankbarkeit. „Alle Helfer haben unter unglaublichen Bedingungen einen segensreichen Dienst geleistet“, sagt Seehofer nach seinen Besuchen am Unglücksort, im Krankenhaus. Er sitzt zusammengesunken vor den Mikros, seine Stimme ist leise und zittert. „Man ist ganz verstört, wenn man diese Bilder noch mal sieht, diese Knäuel.“

Auch für die Polizei ist das Unglück eine große Herausforderung. Sprecher Jürgen Thalmeier versucht noch am Dienstagabend drei Stunden lang, die Spekulation einzufangen, der Fahrdienstleiter sei schuld an dem Zusammenstoß. „Wir haben dazu noch keine Kenntnisse“, sagt er auch am Mittwoch. Freilich sei der Fahrdienstleiter befragt worden. Schon wenige Stunden nach dem Unglück kursiert im Netz ein Video, angeblich zeigt es Verletzte aus dem Zug. Die Polizei will jetzt prüfen, ob es überhaupt echt ist – und ob man denjenigen, der es veröffentlicht hat, rechtlich belangen kann. „Davon abgesehen stellt sich auch die Frage der Moral“, sagt Thalmeier.

Damit die Angehörigen möglichst ungefiltert und möglichst schnell Informationen bekommen, richtete die Polizei noch am Dienstag eine zentrale Anlaufstelle ein, im Feuerwehrhaus Kolbermoor. Dort standen auch Psychologen bereit, um den Trauernden zu helfen. Das Bürgertelefon klingelte ununterbrochen, fast 1000 Anrufe. 600 von Neugierigen, 400 von Menschen, die sich besorgt nach Angehörigen erkundigt haben. Manchmal war der Name auf den Listen der Rettungskräfte. Manchmal nicht. Den Angehörigen der Todesopfer hat die Polizei angeboten, zum Unglücksort zu kommen, wann immer sie möchten. Bislang hat das noch niemand wahrgenommen.

Die Bergung dort geht nur schleppend voran. Der Plan ist, die beiden Züge mit zwei Lokomotiven auseinander zu ziehen. Das klingt leichter, als es ist. Schon am Dienstag war die Oberleitung entfernt worden. Nun fällen THW-Männer einige Bäume, die im Weg stehen. „Die Unfallstelle ist aber gerade sehr instabil“, sagt Bad Aiblinger Feuerwehrkommandant Höfler. Das Gleisbett ist stark beschädigt, die Schienen auch. Die Züge selbst sind instabil und drohen auseinanderzubrechen. „Gefühlt kann das ein, zwei, drei Tage dauern“, sagt Höfler. Vielleicht auch länger.

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