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Die Spurensuche hat begonnen: Wie konnte es zu dem schrecklichen Zugunglück in Bad Aibling kommen?

Eine Spurensuche

Zugunglück von Bad Aibling: Wo lag der fatale Fehler?

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  • Dieter Dorby
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Bad Aibling – Nach dem Zugunglück von Bad Aibling stellen sich nicht nur Polizei und Staatsanwaltschaft die Frage: Wie kann es passieren, dass zwei Züge frontal ineinander rasen?

Die aktuellen Entwicklungen nach dem Zugunglück von Bad Aibling können Sie in unserem Live-Ticker vom Donnerstag verfolgen.

Nach dem Zugunglück von Bad Aibling stellen sich nicht nur Polizei und Staatsanwaltschaft die Frage: Wie kann es passieren, dass zwei Züge frontal ineinander rasen? Eine Spurensuche.

Drei Blackboxen waren stumme Zeugen. Sie haben aufgezeichnet, was die Lokführer taten, bevor zwei Meridian-Züge der Bayerischen Oberland-Bahn (BOB) zwischen Bad Aibling und Kolbermoor ineinander gerast sind. Zwei der Aufzeichnungsgeräte waren Dienstagmittag bereits gesichert, eines befand sich mittags noch in dem verkeilten Zugteil, wie Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) erklärte. Es sollte im Lauf des Tages noch gesichert werden. Die Auswertung der darauf enthaltenen Daten soll in den kommenden Tagen mehr Klarheit darüber bringen, wie das alles nur passieren konnte. Diese Frage stellen sich nicht nur Polizei und Staatsanwaltschaft. Der Leiter der Tegernsee-Bahn, Heino Seeger, ist gelernter Lokführer und war bis Ende 2012 selbst BOB-Geschäftsführer. Er sagt: „Eigentlich kann es nicht passieren. Aber die Technik kann ausfallen. Die Rückfallebene liegt dann in der Hand des Menschen.“ Wer also hat versagt? Der Mensch oder die Maschine? Am Abend gab es bereits Spekulationen über menschliches Versagen.

Das System

Hinter drei Buchstaben versteckt sich die Technik, die Zugunglücke wie das von Bad Aibling verhindern soll: PZB. „Punktförmige Zugbeeinflussung“. Ein Gerät im Zug empfängt Signale von Magneten im Gleisbett. Die Magneten sind mit einem ersten Vorsignal und dem 1000 Meter weiter stehenden Hauptsignal verkabelt. Steht das Hauptsignal auf Rot, zeigt dies bereits das Vorsignal an. Der Lokführer muss mit einer Taste bestätigen, dass er es bemerkt hat, sonst bremst ihn die Technik ab. Rollt der Zug über das rote Hauptsignal, oder ist er zu schnell, wird ebenfalls eine Zwangsbremsung ausgelöst.

„Das System ist heute Standard“, sagte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt gestern. „Es wurde eingeführt nach einem schweren Zugunglück bei Magdeburg am 29. Januar 2011. Da wurde viel investiert von Seiten der DB Netz.“ Doch gestern gab es keine Zwangsbremsung. Dabei, sagt Klaus-Dieter Josel von der Deutschen Bahn (DB), ist die PZB an der Unglücksstelle erst vergangene Woche überprüft worden und habe einwandfrei funktioniert. „Es gab keine Probleme“, sagt Josel. Auch Fälle, in denen das Sicherheitssystem schlichtweg versagt hat, seien ihm nicht bekannt.

Die Menschen

In der Praxis entscheiden am Ende Menschen. Das Stellwerk am Bahnhof Bad Aibling kontrolliert ein Fahrdienstleiter. Genau wie das am Bahnhof Kolbermoor, an dem die kollidierten Züge einander passieren sollten. Uwe Böhm, Landesvorsitzender der Deutschen Lokführergewerkschaft GdL erklärt: „Eigentlich kann der Fahrdienstleiter in Bad Aibling nur einen Zug auf der Strecke in einer Richtung ein grünes Signal geben.“ Dass ein Zugführer dennoch losfährt, verhindert normalerweise die PZB. Der Fahrdienstleiter kann den Lokführer allerdings anweisen, ein Haltesignal zu ignorieren. Und der Lokführer kann das Sicherheitssystem PZB umgehen. Dazu müsse er aber per Funk einen ausdrücklichen Befehl vom Stellwerk bekommen, den er schriftlich dokumentieren muss, sagt Böhm. „Der Lokführer muss diesen Befehl auch ausdrücklich nochmals bestätigen.“

Die Züge

Die Bayerische Oberlandbahn (BOB) ist ein Privatunternehmen und nahm 1998 im Zuge der Privatisierung des Bahnverkehrs den Betrieb auf. Seit 2013 setzt sie zusätzlich insgesamt 35 Züge der Marke Meridian auf den Linien München – Rosenheim – Salzburg/Kufstein sowie München – Holzkirchen – Rosenheim ein. Der betroffene Streckenabschnitt zwischen Holzkirchen und Rosenheim ist als Mangfalltalbahn bekannt. Die BOB hatte bei den Meridian-Zügen zuletzt immer wieder Ausfälle zu beklagen. Wegen der vielen technischen Mängel hatte es Anfang Februar ein Krisengespräch zwischen den Meridian-Verantwortlichen, Vertretern der Herstellerfirma Stadler und der Aufsichtsbehörde Bayerische Eisenbahngesellschaft gegeben. Zehn der 35 Züge waren nicht einsetzbar, drei mussten an der Elektronik bearbeitet werden. Ob einer dieser Züge am Unglück beteiligt war, wollte ein Sprecher der französischen Unternehmensgruppe Transdev, zu der die BOB gehört, auf Nachfrage nicht beantworten. Christian Schreyer, Vorstand der Geschäftsführung der Transdev Deutschland GmbH, schloss einen Zusammenhang zwischen den Problemen und dem Unfall aus. Die technischen Schwierigkeiten seien „nicht sicherheitsrelevant“ gewesen.

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