Rettungskräfte an der Unglücksstelle beim Zugunglück in Bad Aibling
+
Zertrümmerter Stahl: Beide Züge verkeilten sich bei dem Unglück vor fünf Jahren.

Jahrestag der Tragödie von Bad Aibling

Schmerzende Erinnerungen: 22-Jähriger überlebte Zugunglück knapp - und kämpft noch heute mit den Folgen

  • Dominik Göttler
    vonDominik Göttler
    schließen

Es war eines der schwersten Zugunglücke in der Geschichte Bayerns. Heute jährt sich der Zusammenstoß zweier Meridianzüge mit zwölf Toten und 89 Verletzten in Bad Aibling zum fünften Mal. Opfer und Retter ringen noch immer darum, zurück zur Normalität zu finden. Mit unterschiedlichem Erfolg.

  • Azubi Yannik war der Letzte, der vor fünf Jahren lebend aus den Zugtrümmern geborgen wurde
  • Noch heute kämpft er mit den Wunden - mit den körperlichen und den seelischen
  • Auch viele Rettungskräfte hatten damals Probleme, den schweren Einsatz zu verarbeiten

München – Spontan losziehen zu einer Bergtour – früher war das Alltag für Yannik Elfers. Heute muss er absagen, wenn Freunde mit ihm auf den Gipfel wollen. Es geht nicht. Auch nicht nach zahlreichen Operationen, die der 22-Jährige hinter sich hat. Es gibt mittlerweile Tage ohne Schmerzen in Yanniks Leben. Sie werden mehr. Aber abschließen konnte er noch immer nicht, mit dem, was er heute vor fünf Jahren erlebt hat. Die Narben sind geblieben. Nicht nur am Körper. Auch im Kopf.

9. Februar 2016. Faschingsdienstag. In Bad Aibling krachen zwei Meridian-Züge frontal ineinander. Zwölf Menschen sterben, 89 Passagiere werden verletzt. Es ist eines der schwersten Zugunglücke in der Geschichte Bayerns. Das wird den Rettern schnell klar, als sie an die schwer zugängliche Unfallstelle zwischen Bad Aibling und Kolbermoor gelangen und ein Bild der Verwüstung vorfinden. Stahl auf Stahl, die Menschen dazwischen.

Azubi Yannik, auf dem Weg zur Arbeit, saß ganz vorne in einem der Züge. Die Retter konnten ihn kaum finden, so tief war er zwischen Trümmern eingeklemmt. Später erinnert er sich an den Geruch von heißem Stahl, an die Schreie um ihn herum, die er schließlich auch als seine eigenen erkennt. Jasmin, eine Bundespolizistin, hielt ihn wach, redete ihm gut zu. „Heute wird nicht gestorben“, wiederholte sie immer wieder. 14 Hubschrauber flogen ohne Unterbrechung die Opfer in die Kliniken. Yannik wurde als Letzter aus dem Wrack gerettet.

Anfangs fürchteten die Ärzte, sie müssten ihm beide Beine amputieren. Doch sie konnten Yanniks Beine retten. Er hat viele Therapien hinter sich, ist nach München gezogen, sucht beruflich neue Orientierung, fand neue Freunde. Aber mit Zügen hat er bis heute Probleme. Wenn Freunde mit ihm einen Ausflug machen wollen, besteht er darauf, mit dem Auto zu fahren.

Yannik Elfers kämpft noch heute mit den Erinnerungen.

Die Gedanken an den Faschingsdienstag, sie kommen auch nach fünf Jahren immer wieder. Leichtes Fitnesstraining hilft Yannik, immer wieder den Kopf frei zu bekommen. Jede Minute, die er dabei länger durchhält, macht ihm Hoffnung. Fortschritt. Jeden Tag ein bisschen. Doch jetzt sind die Fitnessstudios zu, es bleiben nur die Spaziergänge an der Isar, um die plagende Erinnerung zu vertreiben.

In der gerichtlichen Aufarbeitung nach dem Unglück wird klar: Der 40-jährige Fahrdienstleiter hat gleich mehrere Fehler begangen, die zu dem Unglück führten. Abgelenkt vom Handyspiel „Dungeon Hunter 5“ verrutschte er im Plan um eine Zeile und ging davon aus, dass die Züge sich in Bad Aibling statt in Kolbermoor kreuzen sollen. Er stellte die falsche Fahrstraße, bestätigte diese zweimal durch ein Sondersignal. Als er den Fehler bemerkte, setzte er einen falschen Notruf ab, der bei den Lokführern nicht ankam. Im Dezember 2016 wurde er wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt. Nach zwei Dritteln der Haftstrafe kam er im Juli 2018 auf Bewährung frei.

Nach so einem Einsatz kommt man lange nicht zur Ruhe.

Reinhard Huber, Feuerwehrkommandant

Manche Opfer des Zugunglücks und deren Angehörige sind der Ansicht, dass die Deutsche Bahn als Streckenbetreiber wegen der teilweise veralteten Technik eine Mitschuld an dem Zugunglück trägt (siehe Kasten). „Ich hätte das gerne aufgeklärt“, sagt der Bad Aiblinger Rechtsanwalt Friedrich Schweikert, der mehr als 20 Opfer und deren Angehörige vertrat. Aber die Deutsche Bahn habe über ihren Versicherer HDI sämtliche Schadenersatzforderungen seiner Mandanten in der geforderten Höhe bedient. Die letzten Unterschriften seien 2020 erfolgt. Dadurch sei der Boden für eine zivilrechtliche Klage zur Feststellung einer Schuld der Bahn abgegraben worden. Schweikert gibt zu, dass manche seiner Mandanten die Schadenersatzzahlungen als Schweigegeld betrachten. Die geforderte Entschuldigung von der Deutschen Bahn habe es zwar gegeben. Allerdings nur über den Versicherer, im Namen der DB Netz AG.

Mit einer Seilwinde wurde Yannik vor fünf Jahren aus den Trümmern geborgen.

Für Yannik Elfers und seine Familie ist der Fall juristisch noch nicht abgeschlossen. Sein Vater Michael Elfers berichtet, dass er bis heute mit dem Versicherer der Bahn um Zahlungen ringt. „Alle medizinischen Kosten hat die Berufsgenossenschaft übernommen, weil es ja ein Unfall auf dem Weg zur Arbeit war.“ Doch über weitere entstandene und laufende Kosten sowie Schmerzensgeld und Schadenersatz sei die HDI den Vorstellungen der Familie noch nicht nachgekommen. Es ist ein zermürbendes Ringen. Gutachten. Gegengutachten. „Aber wir geben nicht auf.“

Vergessen wird auch Reinhard Huber den 9. Februar 2016 nie. Der Kommandant der Bad Aiblinger Feuerwehr war einer der Retter vor Ort. Die Helfer hätten zusammen funktioniert „wie ein Uhrwerk“. Erst nach den Stunden voller Adrenalin sei vielen klar geworden, wie belastend der Einsatz war. „Nach so einem Einsatz kommt man lange nicht zur Ruhe“, sagt Huber. Einige Kameraden seien danach kürzergetreten, die Bilder haben sie nicht mehr losgelassen. Er selbst ist die Unglücksstelle noch mal mit seiner Partnerin abgegangen. „Es hilft, darüber zu sprechen“, sagt er. Fünf Jahre nach dem Unglück ist für ihn und viele Bad Aiblinger wieder Normalität eingekehrt. Auch wenn der fünfte Jahrestag die Bilder erneut ins Gedächtnis rufen wird.

In Bad Aibling werden heute um 6.47 Uhr, dem Zeitpunkt des Unglücks, die Glocken läuten. Am Vormittag ist an einem für die Opfer errichteten Mahnmal ein stilles Gedenken geplant. Yannik hat den Unglücksort bisher gemieden. Er will sich heute zurückziehen. „Ich werde allein sein und mein Handy ausmachen.“ Während andere gedenken, sucht er andere Gedanken. Sein großer Wunsch für die Zukunft: „Ich will mich leichter tun, körperlich und im Kopf.“ Er will die Welt erkunden, Städte sehen, Menschen kennenlernen. Er überlegt, ob er etwas gegen die Narben an seinen Beinen unternehmen soll. Die Blicke von Fremden, sobald er eine kurze Hose trägt, sind ihm unangenehm. Die Narben an den Beinen sind das eine. Dabei kann der Arzt helfen. Mit den Narben im Kopf muss Yannik selbst fertigwerden.

Kommentare