Fahrdienstleiter von Bad Aibling verurteilt

Opfer des Zugunglücks:„Für mich ist die Strafe zu niedrig“

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Traunstein - Eine Bewährungsstrafe kam für das Gericht nicht infrage. Dreieinhalb Jahre muss Fahrdienstleiter Michael P. in Haft. Schuld an dem Unglück sei allein er, heißt es im Urteil – in dem der Richter auch die Rolle der Bahn ansprach.

Als der Vorsitzende Richter Erich Fuchs den Schuldspruch bekannt gegeben hatte, setzte sich Michael P. mit blassem Gesicht, atmete tief ein und starrte ins Leere. Sonst zeigt er keine Regung. Zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilte die große Strafkammer des Landgerichts Traunstein den 40-jährigen Fahrdienstleiter, der die Zugkatastrophe in Bad Aibling verursacht hatte. Zwölf Menschen starben, über 80 wurden verletzt. Das Gericht befand Michael P. wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung für schuldig. 

Das Strafmaß liegt nur knapp unter den geforderten vier Jahren der Staatsanwaltschaft. P.s Verteidiger hatten eine Bewährungsstrafe oder maximal zweieinhalb Jahre Haft gefordert.

Doch für eine Bewährungsstrafe sah das Gericht keinen Spielraum. Der Prozess habe gezeigt, dass Michael P. mehrere Fehler begangen, gegen seine dienstlichen Vorschriften verstoßen und damit den fatalen Unfall verschuldet habe, sagte Richter Fuchs. Er sei von einem falschen Kreuzungspunkt der Züge ausgegangen, habe falsche Fahrstraßen gestellt, diese durch ein zweimaliges Sondersignal nochmal bestätigt und auch noch einen falschen Notruf abgegeben.

Es hätte, das zeigte der Prozess, mehrere Möglichkeiten gegeben, das Unglück zu verhindern – wäre P. nicht von einem Handyspiel abgelenkt gewesen. Michael P. sei „kein schlechter Mensch, kein Krimineller“, sondern vielmehr Opfer seiner eigenen Spielleidenschaft. „Jeder, der gedanklich in zwei Bereichen unterwegs ist, der weiß, dass eine dieser beiden Tätigkeiten leidet“, sagte Fuchs.

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Bis kurz vor dem Zusammenstoß der beiden Meridian-Züge hat P. intensiv auf seinem Handy gespielt. „Er war gedanklich gefangen“, so Fuchs. All die „unerklärlichen, unverständlichen“ Fehler, die P. begangen habe, konnten nach Ansicht des Gerichts nur einen Grund haben: „Das hohe Ablenkungspotenzial durch das Computerspiel.“ Und das, obwohl P. gewusst habe, dass das Spielen auf dem Smartphone verboten ist. Für den Angeklagten spreche, dass er seine Schuld eingeräumt und sich entschuldigt habe. Dass ihn dieser Faschingsdienstag sein Leben lang nicht loslassen werde. Und dass er sich vorher nichts zuschulden hatte kommen lassen. Aber gegen ihn sprächen die mehrfachen pflichtwidrigen Handlungen, das „in hohem Maße verantwortungslose“ Handyspielen während der Dienstzeit. Und natürlich die gravierenden Folgen des Unglücks. „Der Angeklagte kann in absehbarer Zeit zu seiner Familie zurückkehren. Aber andere werden das nie wieder können“, sagte Fuchs mit Blick auf die Hinterbliebenen im Gerichtssaal.

Richter: „Die Technik hat funktioniert“

Mit großem Interesse war erwartet worden, wie das Gericht die Rolle der Bahn bewertet – auch wenn es aus strafrechtlicher Sicht nur über die Schuld des Angeklagten zu entscheiden hatte. Sachverständige und Mitarbeiter hatten im Prozess fehlende Nachrüstungen, das verwirrende Notrufsystem und widersprüchliche Vorschriften kritisiert. Fuchs fasste in der Urteilsbegründung zusammen: „So alt die Ausrüstung des Stellwerks auch gewesen sein mag – die Technik hat funktioniert.“

Die angesprochenen Mängel seien nicht Ursache dieses Unglücks gewesen. Sondern vielmehr das Eingreifen des Angeklagten in die funktionierende Technik. „Allerdings stellt sich schon die Frage, ob es in der heutigen Zeit nicht möglich wäre, zusätzliche Sicherungssysteme mit vertretbarem Aufwand auf eingleisigen Strecken zu installieren, die so was verhindern können.“

Darüber könne das Gericht in diesem Prozess aber keine Entscheidung fällen.

Zugunglück bei Bad Aibling: Bilder von der Unfallstelle

Für die Deutsche Bahn ist der Fall noch nicht ausgestanden. Nebenklägervertreter Friedrich Schweikert behält sich eine Klage vor. „Wir werden jetzt versuchen, alle zivilrechtlichen Ansprüche durchzusetzen“, sagte er. Weitere Nebenklagevertreter äußerten sich ähnlich. Welche Lehren die Bahn aus dem Unglück ziehen wird, hängt auch vom Bericht der Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes ab. Der soll im nächsten Jahr abgeschlossen werden und Sicherheitsempfehlungen für die Zukunft geben. Dass die Staatsanwaltschaft den Bericht für das Strafverfahren nicht abgewartet hat, hält Schweikert für richtig. „Es ist gut, dass diese Untersuchung nicht, wie in der Vergangenheit, schnell gemacht wurde.“ So könnten die Erkenntnisse der unabhängigen Gutachter aus dem Strafverfahren in den Bericht miteinfließen.

Zugunglücks-Opfer: „Für mich ist die Strafe zu niedrig“

Von den Nebenklägern waren nur wenige zur Urteilsverkündung gekommen. Der 18-jährige Yannik Elfers wurde als letzter aus dem Zugwrack geborgen, er leidet bis heute an den Folgen. Seine Ausbildung als Lagerlogistiker musste er abbrechen, er wird diesen Beruf nicht mehr ausüben können. Im Januar steht die nächste Operation an. Die Nacht vor dem letzten Prozesstag hat er kaum geschlafen – wie so oft in den vergangenen Monaten. Gestützt von einer Krücke kam er in den Gerichtssaal. Es hat ihn viel Überwindung gekostet, überhaupt zu kommen. „Für mich ist die Strafe zu niedrig, aber das Gesetz gibt nicht mehr her“, sagte er nach dem Urteil.

Enttäuscht ist er von der Emotionslosigkeit, mit der Michael P. das Urteil aufnahm. Trotzdem sei es wichtig gewesen, wenigstens an einem Tag zum Prozess zu kommen. „Ich konnte ihm in die Augen sehen.“ Das hatte er sich schon vor dem Prozess gewünscht. Kurz habe Michael P. den Blick erwidert. „Ich habe nur Leere gesehen. Aber das hilft mir trotzdem, alles zu verarbeiten.“ Für Yanniks Vater hat der Prozess mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. „Ich kann nicht verstehen, wie ein Einzelner so etwas anrichten kann“, sagt Michael Elfers.

Die Schadensregulierung, beispielsweise die Verhandlungen mit der Versicherung werden die Familie Elfers noch lange beschäftigen. „Dabei bräuchten wir eigentlich die ganze Kraft, um für Yannik wieder mehr Lebensqualität zu schaffen.“

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