Zugunglück in Tschechien: Rettungskräfte stehen an einem zerstörten Waggon.
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Zugunglück in Tschechien: Rettungskräfte stehen an einem zerstörten Waggon.

Hat der Zugführer ein Haltesignal übersehen?

Zugunglück zwischen München und Prag: An der Grenze zu Bayern sterben drei Menschen

  • Katrin Woitsch
    VonKatrin Woitsch
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Ein Zug aus München rast auf seinem Weg nach Prag in einen Regionaltriebwagen. Bei dem Unglück im Südwesten Tschechiens sterben drei Menschen.

Domazlice – Um kurz nach 9 Uhr morgens geht bei der Integrierten Leitstelle Regensburg der Notruf ein. Tobias Muhr vom BRK in Cham hat nicht viele Infos. Zwei Züge, die rund 20 Kilometer hinter der bayerisch-tschechischen Grenze zusammengeprallt sind. Muhr ist lange genug beim Roten Kreuz, um zu wissen, dass ein harter Einsatz auf ihn und seine Kollegen zukommt. Als die ersten der 40 bayerischen Rettungskräfte 20 Minuten später über die Grenze fahren, steht noch nicht fest, wie viele Tote und Verletzte es gibt. Doch als sie am Unglücksort nahe Domazlice ankommen, ist ihnen schnell klar, dass die beiden Lokführer nicht überlebt haben können.

Von den Führerkabinen der Züge ist kaum noch etwas übrig. Der Alex-Zug aus München ist mit dem Personenzug aus Tschechien frontal zusammengeprallt. Die Lokführer, beide tschechische Staatsangehörige, hatten keine Chance, dieses Unglück zu überleben. Auch eine Frau aus dem Regionaltriebwagen kommt ums Leben. Mehr als 30 weitere Menschen werden teilweise schwer verletzt.

Zugunglück auf der Strecke München - Prag: Chaos am Unglücksort - „Situation ist ernst“

Als die bayerischen Helfer eintreffen, herrscht Chaos am Unglücksort. Einige Passagiere schreien, andere stehen unter Schock. Verletzte liegen im Zug und auf der Wiese. Die BRK-Kräfte übernehmen die Versorgung der Passagiere im Zug aus München. An Bord ist auch eine Abitur-Reisegruppe aus dem Nürnberger Land. Die Abiturienten waren auf dem Weg nach Prag. Neun von ihnen haben mittelschwere Verletzungen – zumeist Brüche. Einer von ihnen ist leicht verletzt. Leicht- und unverletzte Passagiere werden vom Unfallort in ein Gemeindehaus gebracht und versorgt. Um die Toten kümmern sich die tschechischen Helfer.

Auch der tschechische Verkehrsminister Karel Havlicek eilt an die Unglücksstelle. „Die Situation ist ernst“, sagte er im Fernsehen. Er lobt die Reaktion der Helfer, die schnell mit vor Ort waren. Als am frühen Nachmittag alle Verletzten im Krankenhaus und die Leichen geborgen sind, laufen längst die Ermittlungen vor Ort.

Nach ersten Erkenntnissen hatte der Expresszug München–Prag zunächst ein Langsamfahrt- und dann ein Haltesignal missachtet, berichtet Havlicek. Er sei dann auf der eingleisigen Strecke mit dem entgegenkommenden Triebwagenzug kollidiert. Der sogenannte Regioshark war auf dem Weg von der Industriestadt Pilsen nach Domazlice an der deutschen Grenze.

Zugunglück auf der Strecke München - Prag: Sachschaden geht in die Millionen

Der Sachschaden geht in die Millionen, die Strecke muss voraussichtlich längere Zeit gesperrt bleiben. Die tschechische Eisenbahninspektion hat Ermittlungen aufgenommen, die Monate in Anspruch nehmen dürften. Auf tschechischen Eisenbahnstrecken kommt es immer wieder zu Unfällen. Die Sicherungstechnik gilt vielerorts als veraltet. Erst vor einem Jahr waren im Erzgebirge nahe der deutschen Grenze zwei Züge frontal zusammengestoßen. Dabei waren zwei Menschen gestorben, darunter ein Deutscher. Die Regierung in Prag hatte daraufhin ein Modernisierungsprogramm für die Signaltechnik angekündigt. Das moderne europäische Zugsicherungssystem ETCS ist bisher erst auf rund 200 Kilometern des Streckennetzes installiert. Bis 2025 soll es auf allen Hauptkorridorstrecken vorhanden sein. Wolfgang Pollety, der Geschäftsführer der Länderbahn, hat betroffen auf das Zugunglück mit drei Toten und Dutzenden Verletzten in Tschechien reagiert. „Es sind schreckliche Bilder, die uns aus Tschechien erreichen. Wir sind in Gedanken bei den Opfern dieses schlimmen Zugunglücks“, sagte er.

Für die bayerischen Kräfte ist der Einsatz am Nachmittag beendet. Zurück in Cham gibt es eine Nachbesprechung. „Bei solchen Einsätzen steht man so unter Adrenalin, da funktioniert man einfach“, sagt Muhr. Es sei aber wichtig, die Eindrücke aufzuarbeiten. Gezeigt habe sich am Mittwoch aber auch, wie wichtig die Vorbereitung ist. Die bayerischen und tschechischen Rettungskräfte trainieren einmal pro Jahr gemeinsam Großeinsätze. „Auch ein Zugunglück haben wir schon durchgespielt“, berichtet Muhr. „Von diesem Training haben wir nun profitiert.“ VON KATRIN WOITSCH UND MICHAEL HEITMANN

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