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Opfer: Bauingenieur Joachim B. (62).

Urteil im Prozess

Zugunglück von Bad Aibling: So reagieren die Opfer auf das Urteil

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München - Das Urteil im Prozess zum Zugunglück von Bad Aibling ist gefallen: Fahrdienstleiter Michael P. muss ins Gefängnis. Doch wie reagieren darauf die überlebenden Opfer?

Es war 10.40 Uhr, als Richter Erich Fuchs alle Spekulationen beendete: Drei Jahre und 6 Monate muss Fahrdienstleiter Michael P. (40) ins Gefängnis! Das Landgericht Traunstein sprach den Bahnmitarbeiter am Montag der fahrlässigen Tötung sowie der fahrlässigen Körperverletzung schuldig. Bei dem Zusammenstoß der beiden Meridian-Züge am 9. Februar 2016 waren zwölf Männer getötet und fast 90 Menschen verletzt worden, mehrere von ihnen lebensgefährlich.

Fahrdienstleiter Michael P. (40).

Eine Stunde lang hatte der Vorsitzende Richter Erich Fuchs akribisch die Fehler des Verurteilten geschildert. Das Gericht lastete dem Verurteilten besonders die Nutzung seines Smartphones an, auf dem er auch am Unglücksmorgen während der Arbeit intensiv gespielt hatte. „Er war gedanklich in diesem Spiel fixiert, er war gedanklich gefangen“, sagte der Vorsitzende Richter Fuchs. „Er hatte keine Ressourcen mehr übrig für die betrieblichen Abläufe.“ Deshalb sei es zu einer ganzen Reihe von Fehlentscheidungen und Fehlhandlungen gekommen. Diese Häufung von Fehlern wäre nicht passiert, wenn er nicht gespielt hätte, war Richter Fuchs überzeugt.

Vom Spielen abgelenkt hatte der Fahrdienstleiter laut Urteil mehrere Signale im Stellwerk falsch gestellt. Beim Absetzen eines Notrufes drückte der 40-Jährige zu allem Unglück auch noch eine falsche Taste. Der Alarm erreichte die Lokführer nicht. Der Frontalzusammenstoß auf eingleisiger Strecke war daraufhin nicht mehr zu verhindern gewesen.

Als gravierend wertete das Gericht auch, dass Michael P. schon in den Wochen vor dem Unglück das mittelalterliche Rollenspiel Dungeon Hunter 5 während der Arbeit gespielt hatte, mit steigender Intensität und obwohl er eine große Verantwortung für die Fahrgäste getragen habe. „Jeder, der gedanklich in zwei Bereichen unterwegs ist, weiß, dass das die Leistungsfähigkeit in mindestens einem Bereich beeinträchtigt ist“, so Fuchs.

„Er hat trotzdem die Gefahr auf die leichte Schulter genommen“, sagte Richter Fuchs in der Urteilsbegründung. Die Folgen für die Familien der Getöteten seien unermesslich. Deshalb könne man sich nicht im unteren Bereich des Strafrahmens von maximal fünf Jahren Gefängnis bewegen. „Die Strafe mag hoch erscheinen. Aber er kann in absehbarer Zeit zu seiner Familie zurückkehren. Den Familien der Todesopfer ist so ein Zusammenleben nicht mehr möglich.“

Das alle hörte sich Michael P., der auffallend blass war, ohne Regung an, er blickte nahezu ununterbrochen auf den Anklagetisch vor ihm. Schaute nicht nach links, wo der Richter saß, noch nach vorne, wo Oberstaatsanwalt Jürgen Branz Platz genommen hatte.

Zwar gab der Richter zu bedenken, dass es mittlerweile sicher eine modernere Technik gebe, um Zusammenstöße auf eingleisigen Strecken zu verhindern. An der Schuld des Verurteilten ändere dies aber nichts. „Der Zusammenstoß erfolgte nur deshalb, weil der Angeklagte in diese funktionierende Technik selbst eingegriffen hat.“ Dennoch legte Fuchs auf eine Feststellung wert: Der Fahrdienstleiter sei kein Krimineller, und leide unter dem Geschehen. „Aber er ist in erster Linie Opfer seiner Spielleidenschaft geworden.“

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Die Reaktion der Unfallopfer

Das Urteil hat bei den Opfern des Zugunglücks und den Angehörigen der Toten unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Yannik, einer der wenigen Insassen aus den Zügen, die am letzten Verhandlungstag nach Traunstein kamen, weiß nicht so recht, ob das Urteil gerecht ist gegenüber den Opfern. Er sagt: „Die Strafe hätte auch höher ausfallen können.“ Noch immer kann der junge Mann (18) nur mit Krücke gehen, beim Unglück hat er zahlreiche Brüche erlitten. Hinter ihm im Prozesssaal sitzt der Bruder eines Todesopfers. Er kommt zum ersten Mal, will den Mann sehen, der soviel Schmerz über die Familie gebracht hat. „Es ist passiert, kein Urteil kann das ungeschehen machen.“

Im Foyer des Landgerichts schildert indes Bauingenieur Joachim Bloßfeld (62), was sich in seinem Leben seit Faschingsdienstag verändert hat. „Normalerweise steige ich im Zug immer ganz vorne ein. An diesem Tag saß ich zwar auch im ersten Waggon, aber hinten und mit dem Rücken zur Fahrtrichtung.“ Den Augenblick, als die Züge kollidierten, wird Bloßfeld nie vergessen. „Man fühlt nichts, man hört nichts, man riecht nichts.“ Er half mit anderen in dem Wrack einem Schwerverletzten, „er starb in unseren Armen. Ich fahre keinen Zug mehr“, sagt der Pendler. Das Strafmaß hält er für gerecht, solange es auch akzeptiert wird.

Der Verteidiger des Fahrdienstleiters, Thilo Pfordte, äußerte sich zurückhaltend: „Wir werden das schriftliche Urteil abwarten und dann entscheiden, ob wir Rechtsmittel einlegen.“

Nach dem Urteil muss sich nun auch die Bahn auf Klagen einstellen, mit denen Opfer und Hinterbliebene Schadenersatz erstreiten wollen. „Wir werden jetzt anfangen, die zivilrechtlichen Ansprüche durchzusetzen“, sagte einer der Nebenklageanwälte. Dabei werde es vor allem um technische Fragen gehen. Außerdem wünschten sich alle, dass die Deutsche Bahn Fehler eingestehe und sich entschuldige. „Das ist den Hinterbliebenen und Opfern sogar sehr wichtig.“ 

Alle Informationen zur Urteilsverkündung finden Sie in unserem News-Ticker sowie dem Live-Ticker unseres Partner-Portals rosenheim24.de.

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