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Das Zugunglück bei Bad Aibling geschah am Faschingsdienstag 2016.

Er erwischte den Meridian gerade noch

Yannik (18) saß im Zug bei Bad Aibling - „Heute wird nicht gestorben“

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Bad Aibling - Das Zugunglück von Bad Aibling hat die Region erschüttert. Yannik, 18, saß in einem der Züge, hat die Katastrophe hautnah miterlebt. Er leidet immer noch an den Folgen und den Erinnerungen.

Nach dem großen Knall will Yannik einfach nur schlafen. Er will sie nicht mehr sehen, die zerquetschten Sitze, die zersplitterten Scheiben. Er will den heißen Stahl nicht mehr riechen, das Blut in seinem Mund nicht mehr schmecken. Er will nur seine Augen schließen. Aber diese junge Frau lässt ihm keine Ruhe. Jasmin, eine Bundespolizistin, steht im völlig zerstörten Zug neben ihm und sagt: „Heute wird nicht gestorben.“

Yannik Elfers, blonde Haare, ernste Augen, hat vor ein paar Tagen seinen 18. Geburtstag gefeiert. Er sitzt jetzt am Esstisch seiner Eltern, die Hände vor dem Mund gefaltet, und erzählt von dem Tag, an dem er die Katastrophe von Bad Aibling überlebt hat. Er trägt Pulli und Jeans, die Kleidung verdeckt die langen Narben und Schnitte an seinen Beinen, die Spuren vom 9. Februar 2016. Sobald er von dem Schicksalstag erzählt, ist alles wieder da. Der Geruch, die Enge, die Hilflosigkeit. Der Schmerz.

89 werden verletzt - einer ist Yannik

Faschingsdienstag, 6.47 Uhr. Zwischen Bad Aibling und Kolbermoor rasen zwei Meridian-Züge frontal ineinander, der eine Zug bohrt sich in den anderen, reißt die Kabine auseinander. Zwölf Menschen sterben. 89 werden verletzt. Einer ist Yannik.

Yannik Elfers hat das Zugunglück von Bad Aibling hautnah miterlebt.

Früh am Morgen ist Yannik Elfers in seiner WG in Rosenheim aus dem Bett gestiegen. Er muss zur Arbeit, er macht eine Ausbildung zum Lagerlogistiker, es sind nur noch wenige Tage bis zur Zwischenprüfung. An diesem Tag geht Yannik etwas früher los, ein paar Überstunden sammeln. Mit dem Bus fährt er zum Rosenheimer Bahnhof – und erwischt gerade noch den Meridian, Abfahrt 6.37 Uhr. Er steigt ganz vorne ein, setzt sich auf den ersten Sitz gegen die Fahrtrichtung, holt seine Kopfhörer raus und dreht die Musik auf. Linkin Park. Wach werden, bis er in Bruckmühl aussteigen muss. In Kolbermoor wundert er sich, wo der entgegenkommende Zug aus Bad Aibling heute bleibt. „Wird Verspätung haben“, denkt er sich. Sein Zug fährt weiter.

Yannik Elfers erzählt langsam, ruhig, macht Pausen, sucht nach den richtigen Worten. „Auf einmal wurde es ganz kurz ganz laut“, sagt er dann. „Und dann war alles schwarz.“

Am 10. November beginnt der Prozess wegen fahrlässiger Tötung

Eine Katastrophe, die ganz Deutschland erschüttert. Yannik erfährt das alles viel später, aber noch am Tag des Unglücks wird klar: Es war menschliches Versagen. Irgendwann kommt heraus, dass der Fahrdienstleiter – abgelenkt von einem Handy-Spiel – ein falsches Signal gegeben haben soll. Als er den Irrtum bemerkt, drückt er auch noch den falschen Alarmknopf. Am 10. November beginnt der Prozess wegen fahrlässiger Tötung.

Als Yannik im Zug nach dem Aufprall zu sich kommt, steigt ihm sofort der komische Geruch in die Nase. „Als wäre ich auf dem Schrottplatz.“ Stahl auf Stahl, aufgeschlitzte Waggons. Dann hört er Schreie, sie werden immer lauter. Nach ein paar Sekunden merkt er, dass auch er schreit. Er versucht sich zu bewegen, doch Arme und Beine sind eingeklemmt. Um ihn herum Chaos, sein Handy hat er noch in der Hand. Auf seinem Kopf liegt ein Fahrrad, über ihm freier Himmel. Das Zugdach – weg. Nicht weit von ihm liegen Rippen. Irgendwann, es kommt ihm wie eine Ewigkeit vor, hört Yannik die Sirenen.

700 Retter rücken an, sie wollen die Verletzten aus den Wracks holen. Das Problem: Die Unfallstelle ist zwar nur ein paar hundert Meter vom Bahnhof Bad Aibling entfernt, aber sie kommen erst nicht nah genug heran. Auf der einen Seite ein Hang mit Bäumen, auf der anderen der Mangfall-Kanal. Den Helfern bleibt nur ein schmaler Damm als Zugang. Sie ziehen so viele Verletzte wie möglich mit Helikopter-Seilwinden aus dem Stahlberg und fliegen sie in Krankenhäuser.

Yannik verliert jedes Zeitgefühl: „Heute wird nicht gestorben“

Yannik ist so eingepfercht in den Trümmern, dass ihn die ersten Helfer gar nicht bemerken. Der Notarzt wird später erzählen, man habe von ihm nur eine Gesichtshälfte und einen Teil der linken Hand gesehen.

Die Trümmer um ihn herum stehen unter Spannung, deswegen kann ihn die Feuerwehr nur millimeterweise freischneiden. Yannik verliert jedes Zeitgefühl, alles fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Vieles verschwimmt, irgendwann taucht Jasmin, die Polizistin, auf. „Sie ist von da an die ganze Zeit bei mir geblieben“, erzählt er. Sie hört nicht auf, auf ihn einzureden, damit er nicht einschläft. „Heute wird nicht gestorben.“

Es dauert etwa 45 Minuten, bis ihm der Notarzt einen Stauschlauch anlegen und eine Infusion mit Schmerzmitteln geben kann. Yannik darf endlich schlafen. Nach zweieinhalb Stunden kann ihn der Helikopter ins Krankenhaus fliegen.

Yanniks Eltern sitzen beim Frühstück, als sie im Radio von dem Unglück hören. Sofort versuchen sie, ihren Sohn auf dem Handy zu erreichen. Es klingelt und klingelt, doch keiner meldet sich. „Ich habe die Anrufe gesehen“, sagt er. „Aber ich wollte um alles in der Welt nicht rangehen. Ich wollte nicht ins Handy schreien.“ Irgendwann lässt er sein Telefon fallen, es landet neben seinem Bein. Er spürt den Vibrationsalarm noch lange.

Yanniks Vater ruft in der Firma seines Sohnes an. Als er um 8 Uhr nicht angekommen ist, hat Michael Elfers keine Zweifel mehr. Er ist sicher, dass sein Sohn im Zug saß. „Dann fängt alles an zu arbeiten“, erzählt er. „Du weißt nichts, Du hörst nichts, was machst Du?“ Er ruft erst bei der Polizei an, dann fährt er mit Yanniks Bruder nach Rosenheim. Aus Yanniks WG ruft er alle Krankenhäuser an, die ihm einfallen. Sechs Stunden lang. Erst am Nachmittag, gegen halb zwei Uhr, erfährt er: Sein Kind wird gerade im Unfallkrankenhaus Murnau notoperiert. Yannik lebt.

Jetzt, nach einer Dreiviertelstunde am Küchentisch, braucht Yannik eine Pause. Mehr als acht Monate nach dem Unfall kann er immer noch nicht lange sitzen. Seine Ausbildung musste er abbrechen, in diesem Beruf wird er nicht mehr arbeiten können. Er kann zwar wieder ohne Krücken gehen, aber nur ohne Belastung und nicht länger als 20 Minuten. Sein linkes Bein ist drei Zentimeter kürzer. Anfangs konnte er es gar nicht anheben, jetzt mit viel Mühe. Jeder Tag ist ein Kampf mit den Schmerzen. Aber er gewinnt ihn immer öfter.

Die Ärzte schafften am Ende mehr als sie glaubten

Dreieinhalb Monate war er in der Murnauer Klinik. Beckenbrüche, Schambeinbrüche, Quetschungen, Schnittverletzungen, Prellungen, Platzwunden. Am schlimmsten aber waren die Beine. Fast drei Stunden eingequetscht, ohne Sauerstoff- und Blutzufuhr. „Die Prognose der Ärzte war: Wir müssen beide knieabwärts amputieren“, sagt Michael Elfers. Doch die Ärzte schaffen mehr als sie glaubten. Sie können beide Beine retten. „Die haben eine Wahnsinns-Arbeit geleistet“, sagt der Vater und schüttelt den Kopf, als ob er es immer noch nicht glauben kann. Fünf Operationen hat Yannik hinter sich, mindestens zwei folgen noch. Die nächste steht am Montag an.

Die kaputten Knochen, die Schnitte und Verbrennungen sind das eine. Es dauert, aber sie heilen. Schwieriger ist es im Kopf, in der Seele. „Ich kann jede zweite Nacht nicht schlafen“, sagt Yannik. Nur mit abgeschlossener Zimmertüre fühlt er sich sicher. Trotzdem kommt mit der Dunkelheit dieses dumpfe Gefühl, das Yannik nicht in Worte fassen kann. Erst die Sonnenstrahlen am Morgen sind stark genug, es zu vertreiben. Wenn es hell wird, kann er endlich einschlafen.

Als Yannik von dem Gedanken erdrückt wird, dass alles Schlechte der Welt auf ihn herabfällt, beginnt er eine Traumatherapie in der Rottal-Inn-Klinik, Simbach. Einen Tag, nachdem er dort ankommt, rollt die Flutwelle über Simbach hinweg. Es gibt Verletzte, auch Tote. Wieder ist Yannik mitten in einer Katastrophe gelandet. „So komisch das klingt, aber das hat mich stärker gemacht.“ Yannik sieht in Simbach, dass er nicht der einzige ist, dem das Schicksal übel mitspielt. Er spricht mit den Hochwasseropfern, beruhigt die Menschen. Endlich kann er helfen. „Simbach wurde Teil meiner Therapie“, sagt er.

Kraft geben ihm auch die Treffen mit seinen Rettern. Seine Eltern schreiben an Yanniks Notarzt Michael Riffelmacher. Er besucht Yannik in Murnau, zusammen mit Feuerwehrlern und der Polizistin Jasmin. Yannik bleibt in Kontakt mit seinen Rettern, sie schreiben regelmäßig über Whatsapp, schicken sich Bilder, von seiner Rettung, von seiner Zeit im Krankenhaus. Das hilft allen. Für die Helfer ist Yanniks langsamer, aber sichtbarer Fortschritt eine Bestätigung, dass sich ihr Einsatz gelohnt hat. Und Yannik hat jemanden, mit dem er über diesen Faschingsdienstag sprechen kann. Jemanden, der die Katastrophe miterlebt hat.

Yannik musste aus Verzweiflung lachen: „Ich war so entsetzt“

Der 10. November wird ein wichtiger Tag für ihn und die anderen Opfer. Prozessauftakt. Sieben Verhandlungstage hat das Landgericht Traunstein angesetzt. Mehr als 20 Geschädigte treten als Nebenkläger auf. Auch die Familie Elfers. Dem Fahrdienstleiter droht eine Höchststrafe von fünf Jahren für fahrlässige Tötung.

Anfangs hatte Michael Elfers noch Mitleid mit dem Mann. Aber als die Handy-Geschichte ans Licht kam, nicht mehr. „Das ist unverzeihbar.“ Yannik sagt, er habe erst mal lachen müssen, als er davon hörte – aus Verzweiflung. „Ich war so entsetzt.“ Yanniks Vater sieht aber auch eine Schuld bei der Bahn. „Für mich kann es nicht sein, dass ein einzelner so gravierende Entscheidungen treffen kann.“

Der Prozess wird eine Belastung, da ist Yannik sicher. Wenn es nach seiner Operation möglich ist, will er dennoch an einem Verhandlungstag im Gerichtssaal sitzen. „Ich möchte dieser Person einmal in die Augen schauen“, sagt er. „Und ich möchte die Gewissheit haben, dass er gerade stehen muss für das, was er getan hat.“ Es soll ein Abschluss werden. Und ein Neustart.

Einmal hat sich Yannik seit dem Unfall wieder an einen Bahnhof gewagt. Wohl war ihm nicht dabei. „Als der Zug gehupt hat, da war’s vorbei.“ Davon, wieder einsteigen zu können, ist er noch weit entfernt. Aber vor einigen Wochen hat er seine erste Fahrstunde genommen. Nächstes Ziel: Führerschein.

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