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G8 oder G9? Diese Frage wird derzeit in Bayern diskutiert.

Seehofer bat zum Geheimtreffen

G9 statt G8: Das sagen Eltern, Lehrer und Schüler

München - Kehrt Bayern zum neunjährigen Gymnasium zurück? Horst Seehofer will diese Entscheidung vorantreiben. Wie Eltern, Lehrer und Schüler darüber denken, erfahren Sie hier.

Die Zukunft des Gymnasiums ist jetzt Chefsache - und Kultus­minister Ludwig Spaenle (CSU) weitgehend entmachtet: Horst Seehofer hat sich am Donnerstag mit Vertretern von Lehrer- und Elternverbänden hinter verschlossenen Türen getroffen, um mit ihnen über seine Pläne zur Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G9) zu diskutieren. Aber zentrale Verbände wie der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) sowie der Bayerische Elternverband waren nicht eingeladen - und entsprechend irritiert. Die Staatskanzlei versicherte aber, dass Seehofer weitere Gespräche suchen werde, ehe er dann noch im Laufe dieses Monats seine Entscheidung über ein Ende des ungeliebten verkürzten Gymnasiums (G8) treffen werde. Die Grünen kritisierten den „Zickzackkurs“ der CSU. Aber was denken eigentlich die Betroffenen - Eltern, Lehrer, Schüler? Die tz sprach mit denen, die am Donnerstag nicht mit Seehofer reden durften.

Heiße Diskussionen: CSU-Chef Horst Seehofer (r.) mischt sich in die G9-Frage von Kultusminister Ludwig Spaenle ein.

Das sagen die Eltern: Wie vor 100 Jahren

„Die Frage, ob nun ein acht- oder ein neunjähriges Gymnasium kommen soll, halte ich für eher nebensächlich - auch wenn ich natürlich verstehe, dass da aus rein organisatorischen Gründen ein großer Druck da ist, hier endlich eine Entscheidung herbeizuführen. Gewünscht war das G8 ja vor allem von der Wirtschaft, die jüngere Absolventen wollte - und jetzt klagt die Industrie darüber, dass die jungen Leute zu wenig Lebens­erfahrung haben! Gymnasium soll den Schülern auch Zeit geben, herauszufinden, was einem liegt - ich habe selber vier Kinder und gesehen, dass die kurz vor dem Abitur stehend nicht wussten, wie es weitergehen soll.

Ein neunjähriges Gymnasium böte zwar den Kindern mehr Zeit, ihre Persönlichkeit zu festigen, mit der Rückkehr zum G9 würde jedoch das grundsätzliche Problem nicht gelöst, dass in Bayern die Gymnasien immer noch so strukturiert sind wie vor 100 Jahren. Wir denken in Jahrgangsstufen, alle lernen zur selben Zeit das gleiche. Die reine Stoffvermittlung steht im Vordergrund, das eigenständige Lernen der Schüler wird zu wenig gefördert. Wir fordern, künftig stärker auf das individuelle Lerntempo einzugehen: Wer zum Beispiel gut in Sprachen ist, kann in diesem Bereich schneller vorangehen, hat aber mehr Zeit für seine Fächer, wo er sich eher schwer tut. Schule muss wieder Spaß machen! Wenn den Kindern in der Schule das Lernen verleidet wird, ist das fatal für eine Welt, in der lebenslanges Lernen gefordert ist.“

Martin Löwe, Chef des Bayerischen Eltern­verbandes


Das sagen die Lehrer: G8, G9 - Jacke wie Hose

„G8, G9, G10 - die Dauer des Gymnasiums ist Jacke wie Hose. Wenn die Politik jetzt zum G9 zurückkehren will, ohne entsprechende Reformen zu den pädagogischen Inhalten zu beschließen, ist das wie ein Haus zu bauen, dessen Höhe man festlegt, ohne sich über die Innenausstattung Gedanken zu machen. Ich habe den Eindruck, dass es Horst Seehofer nur um eine reine politische Entscheidung geht, um das leidige Thema im Wahlkampfjahr weg zu haben - und unsere mühselig im Dialog mit dem Kultusministerium ausgearbeiteten pädagogischen Reformen interessieren überhaupt nicht mehr.

Wir sind dafür, dass die Schule mehr auf die individuelle Lerngeschwindigkeit eingeht, dass das bulimische Lernen aufhört - Stoff reinfressen und auskotzen -, dass das sinnlose Sitzenbleiben abgeschafft wird und stattdessen nur einzelne schwache Lernbereiche wiederholt werden müssen. Ein Gespräch, bei dem es um solche echten pädagogischen Reformen geht, wäre wertvoll - aber nicht eines, bei dem es nur heißt: Sind Sie für G8 oder G9?“

BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann


Das sagen die Schüler: Zu wenig Zeit für uns

„Bei der ganzen G8/G9-Diskussion geht es viel zu sehr nur darum, dass es ein Jahr mehr geben soll - aber nicht darum, was den Schülern eigentlich beigebracht werden soll. Der Lehrplan müsste entrümpelt werden. Und es müsste mehr auf den einzelnen Schüler eingegangen werden. Was ich bei der Verkürzung des Gymnasiums am meisten bedaure ist, dass damals die Leistungskurse abgeschafft wurden, die den Schülern die Möglichkeit gaben, sich intensiver mit bestimmten Themen zu beschäftigen. Ein großes Problem durch das G8 ist, dass die Schüler oft schon ab der 6. Klasse bis vier Uhr und länger Unterricht haben - und sich dann viel weniger in freiwilligen Schul-Arbeitskreisen engagieren und zu erschöpft für Sport- oder Musikvereine sind. Es wäre gut, wenn das G9 wieder kommt, weil wir dann wieder mehr Zeit für die Persönlichkeitsentwicklung haben. Generell nervt mich aber, dass so viel übers Gymnasium diskutiert wird, aber kaum über Mittel- und Realschulen.“

Uri Sharell (15), Oskar-von-Miller-­Gymnasium, Sprecher der Stadtschülerinnenvertretung München

Uri Sharell, Sprecher der Stadtschülerinnenvertretung München.

Lesen Sie den viel beachteten Gastbeitrag „Lehrer sagen: Nicht die Schüler stressen mich, sondern deren Eltern.“ Außerdem interessieren Sie sicher der Gastbeitrag einer Münchner Lehrerin mit dem Titel „Was ich am Elternsprechtag über das Leben gelernt habe“ und der  Brandbrief der bayerischen Schulleiter an Horst Seehofer

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