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Drapiert auf edlem Tuch: Um diese vermeintliche Mingazzi-Bratsche ist ein Streit vor Gericht entbrannt. 

Philharmoniker sieht sich geprellt

Zwei Bratschisten streiten um diese Viola

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München – Zwei deutsche Top-Bratschisten streiten sich vor dem Oberlandesgericht München um den Preis für eine vermeintlich wertvolle Viola. Es geht um die Frage, ob sie von einem berühmten Meister aus Ravenna stammt.

Auf dem Zeugentisch in der Mitte des Saals, auf einem edlen Tuch, liegt das corpus delicti. Eine brillant klingende Bratsche, in deren Innerem sich eine Inschrift befindet: „Luigi Mingazzi Ravenna 1923“. Ein Bratschist der Berliner Philharmoniker war verzaubert von diesem Instrument und kaufte es vor drei Jahren einem Berufskollegen für 60 000 Euro ab. Doch als er für die Versicherung ein Gutachten einholte, bekam er zu hören, dass es sich nicht um ein Werk des Meisters Mingazzi handle, sondern um eine Bratsche aus Markneukirchen im Vogtland. Der Kollege hält ein anderes Gutachten dagegen. Doch der Philharmoniker fühlt sich geprellt – und fordert vor Gericht einen Teil des Kaufpreises zurück.

Vor dem Landgericht Traunstein verklagte er den Verkäufer aus Bruckmühl (Landkreis Rosenheim), früher Bratschist bei den Berliner und Münchner Philharmonikern, auf Rückerstattung von 40 000 Euro. Doch das Landgericht wies die Klage ab. Laut Urteil hätten die Parteien gar nicht vereinbart, dass das Instrument von dem italienischen Meister aus Ravenna stamme. Dem Käufer sei es vor allem um den schönen Klang der Bratsche gegangen. Ein Musikinstrument lebe von seinem Klang, nicht von seiner Herkunft.

Mit dieser Entscheidung war der Philharmoniker ganz und gar nicht einverstanden. Er legte Berufung ein. Vor dem Oberlandesgericht (OLG) München könnte sich der Fall nun tatsächlich drehen. Die Frage sei: Was war vertraglich vereinbart? Zwar sei im Vertrag nicht ausdrücklich erwähnt worden, dass es sich um eine Mingazzi-Bratsche handelt. Das sei aber auch nicht nötig, denn es sei „konkludent“ vereinbart worden, sagte der Vorsitzende Richter Wilhelm Schneider. Zum einen sei da die Inschrift im Inneren des Klangkörpers, zum anderen der hohe Preis. Normalerweise koste eine Bratsche 8000 bis 10 000 Euro. „Wenn der Kläger 60 000 Euro zahlt, dann ist klar: Ich kauf hier eine Mingazzi.“ Auch der Bruckmühler Bratschist habe nie etwas anders behauptet.

„Ja“, sagte Ulrich Bauder, Anwalt des Verkäufers, „für uns Juristen ist das befremdlich. Aber das sind Künstler.“ Das ließ der Vorsitzende nicht gelten: Künstler seien zwar ein eigener Menschenschlag, „aber nicht ganz entfernt vom Recht“. Für den Anwalt des Philharmonikers, Georg Miggel, war die Sache klar: „Man denkt: Wo Mingazzi draufsteht, ist Mingazzi drin.“

Die beiden Top-Bratschisten konnten sich nicht auf einen Vergleich einigen. Rückabwickeln will der Berliner den Kauf auch nicht. Nun wird das Gericht einen Sachverständigen einschalten, der beurteilen kann, wie wertvoll die Viola wirklich ist. Vielleicht werden auch Zeugen gehört, darunter Professoren, die das Instrument angeblich sofort für 60 000 Euro kaufen würden. Der Prozess dauert an.

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