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Felix Brunner im Rollstuhl und in der Wand beim Eisklettern

Das zweite Leben des Felix Brunner (22)

Hopferau - Ein Schritt und sein altes Leben war vorbei: Auf dem Rückweg von einer Klettertour in Tirol stürzt Felix Brunner 30 Meter in die Tiefe. Er liegt monatelang im Koma, die Ärzte kämpfen in 60 Operationen um sein Leben. Jetzt möchte der 22-Jährige ein Zeichen setzen – mit einer Blutspendeaktion.

Felix Brunner sitzt daheim in seinem Rollstuhl. Der 22-Jährige aus Hopferau (Kreis Ostallgäu) lächelt, ist glücklich. „Heute geht es mir richtig gut“, sagt er. Knapp drei Jahre ist sein schwerer Unfall her, 60 Operationen hat er seitdem hinter sich gebracht. „Nächstes Jahr möchte ich allein ein paar Schritte gehen.“ Der zierliche junge Mann hat sich bereits mehrmals zurück ins Leben gekämpft.

Felix Brunner in der Wand: Der erfahrene Kletterer auf einer seiner Touren vor dem Unfall. Bei seinem letzten Ausflug im Januar 2009 stürzte der junge Mann 30 Meter in die Tiefe, daraufhin kämpfte er monatelang um sein Leben.

Am 17. Januar 2009 macht Felix mit zwei Bekannten einen Ausflug ins Tannheimer Tal in Tirol: Sie klettern an einem vereisten Wasserfall. Eine einfache Übung, im Vergleich zu den anspruchsvollen Touren, die der erfahrene Kletterer sonst geht. Auf dem Rückweg ins Tal aber rutscht Felix auf einem eisigen, verschneiten Wanderweg aus. Er fällt 30 Meter tief, prallt in ein ausgetrocknetes Bachbett, schlägt auf Steinen und Eisbrocken auf. Er überschlägt sich immer wieder. Bei dem Sturz ist er bei vollem Bewusstsein. Als er unten liegt, schreit er, obwohl er vor lauter Adrenalin keine Schmerzen hat. Seine Kletterkumpel rennen zu ihm und reden auf ihn ein: Weiteratmen, dableiben, sagen sie. Der Verunglückte bleibt ruhig: Er sagt seinen Begleitern, dass er eine Bergrettung braucht. Ein Bergwacht-Hubschrauber fliegt den Schwerverletzten in die Unfallklinik nach Murnau (Kreis Garmisch-Partenkirchen).

Dort sagen die Ärzte Felix’ Eltern, er werde die Nacht nicht überleben. Sie müssten sich jetzt von ihm verabschieden. Verletzungen in diesem Ausmaß überlebe niemand, heißt es. Die linke Körperhälfte ist zerquetscht, der Kletterer hat Trümmerbrüche und starke innere Blutungen. Vier Liter Blut verliert Felix bei dem Unfall – der Mensch besitzt sechs bis sieben Liter.

Endlich wieder daheim: Der 22-Jährige lebt inzwischen selbstständig in einer eigenen Wohnung im Elternhaus.

Die Mediziner versetzen den Hopferauer ins künstliche Koma. Im Juni, fünf Monate nach dem Absturz, wacht er auf. Sein erster Gedanke: „An Pfingsten kann ich nicht mit meiner Familie nach Sardinien fahren.“ Aber er hat gleich einen neuen Plan: „Im Spätsommer machen wir dann einen gemütlichen Badeurlaub“, sagt er zu seinen Eltern. In den Familienurlauben mit Mutter Sabine, Vater Manfred und Schwester Evi sind sie immer gewandert, geklettert und Mountainbike gefahren. Felix hat das geliebt.

Stillstand hatte in seinem Leben noch nie Platz. Vor dem Unglück macht der Hopferauer eine Lehre als Krankenpfleger, ist bei der Bergwacht Füssen als jüngster Bergretter Bayerns sowie beim Deutschen Alpenverein aktiv. Das bedeutet: Alpin- und Sportklettern im Sommer und Eisklettern im Winter. Dafür ist der Sportler im Alpenraum, auf Sardinien, Mallorca und Korsika unterwegs.

Im Krankenhaus jedoch wollen die Wunden nicht heilen. Von Juli bis Oktober 2009 liegt Felix ein zweites Mal im Koma, beatmet von einer Maschine. Nach einer kurzen stabilen Phase folgen lebensgefährliche Komplikationen, es drohen septische Schocks, Herzrhythmusstörungen und Multiorganversagen. Zudem verträgt er ein Kontrastmittel nicht. Sein Blut gerinnt nicht mehr, Felix blutet aus Nase, Mund und Ohren, sogar aus der Haut. 360 Blutkonserven erhält er binnen kurzer Zeit.

Unfassbar: Während Felix ein Jahr lang auf der Intensivstation liegt, bekommen seine Eltern nicht nur einmal gesagt, dass er sterben wird. Felix aber resigniert nicht, seine kleinen Ziele motivieren ihn: Urlaub mit der Familie oder Freunde treffen, darauf arbeitet er hin. „Es war absolut naiv von mir, was ich damals geglaubt habe“, sagt er heute. Aber damals habe es ihn gestützt. In jener Zeit wohnen seine Eltern in der kleinen Kabine der Intensivstation. Die Nähe tut ihm gut: Sie bemerken, dass sich die Werte von Felix verbessern, wenn sie da sind.

Im Februar 2010, knapp ein Jahr nach dem Unfall, holen sie Felix heim. „Im Krankenhaus wäre ich gestorben“, ist der 22-Jährige überzeugt. Im Wohnzimmer haben die Eltern extra eine Krankenstation eingerichtet, zusätzlich kümmert sich ein Pflegedienst. Mehrere Reha-Aufenthalte folgen.

Heute sitzt Brunner im Rollstuhl, seine Beine sind durch die lange Bettlägerigkeit schlecht versorgt worden. In einem Gehwagen kann er sich aber fortbewegen. Weitere Lichtblicke: eine eigene Wohnung im Elternhaus und eine Freundin. Inzwischen ist er eigenständig. Später würde er gern in der Reha-Beratung arbeiten.

Heute schon hält der 22-Jährige Vorträge über seine Geschichte und initiiert eine Blutspendeaktion. „Ich brauchte von der ersten Minute meiner Krankenhausgeschichte an Blutkonserven“, sagt er. Das Blut, das er von anderen erhalten hat, möchte er symbolisch zurückgeben. Auch, weil er so seine Hoffnung wieder bekommen hat: „Ich habe die Lebensfreude erreicht, die ich damals beim Bergsteigen hatte."

Von Vera Markert

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