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Seine ersten Schritte hat der 14-jährige Albian in Deutschland geschafft. Er ist schwer krank. Mit auf dem Foto seine Eltern Islam und Hyra (beide 37), sowie die drei Geschwister Elmedina (15), Alban (12) und Leoard (10). 

Hilfe für krankes Kind

Zwischen Angst und Hoffnung: Die Geschichte einer Flüchtlingsfamilie

Ingolstadt - Islam und Hyra Neziraj haben im Kosovo alles aufgegeben, um mit ihren vier Kindern nach Deutschland zu flüchten. Ihr 14-jähriger Sohn ist schwer krank – die Ärzte in ihrer Heimat konnten ihm nicht helfen. In Deutschland verläuft die Behandlung vielversprechend. Doch die Familie fürchtet, bald abgeschoben zu werden.

Noch vor einigen Monaten lebte Islam Neziraj mit seiner Familie in einer kleinen Mietwohnung in Gjakova im südlichen Kosovo. Die Wohnung bestand aus zwei Zimmern, die übereinander in zwei Stockwerken lagen. Oben schliefen die Kinder, unten die Eltern. Zwei kleine Nischen zwischen den Stockwerken dienten als Badezimmer und Küche. Eine größere Wohnung konnte sich die sechsköpfige Familie nicht leisten. Islam Neziraj ist Bauarbeiter. Im Sommer verdiente er – wenn es gut lief – 300 Euro im Monat. Im Winter, wenn nicht gebaut wird, verdiente er nichts. Die Familie musste dann mit dem auskommen, was sie über die Sommermonate sparen konnte. „Wir haben oft gehungert, damit die Kinder essen konnten“, sagt Hyra.

Das ist der bittere Alltag im Kosovo. Die Arbeitslosigkeit im Land ist extrem hoch, ein Drittel der Menschen lebt unter der Armutsgrenze. Bildungssystem und medizinische Versorgung sind in einem katastrophalen Zustand, Korruption und Kriminalität vergiften Politik und Wirtschaft. Die meisten Kosovaren glauben nicht daran, dass es noch einmal besser wird.

Doch all das ist nicht der Grund dafür, dass sich die Familie Anfang des Jahres dazu entschließt, ihre Heimat zu verlassen. Es geht um den 14-jährigen Albian – das zweitälteste Kind. „Albian war immer krank – seit seiner Geburt“, erzählt seine Mutter. „Die ersten neun Jahre seines Lebens ist er keinen Schritt gelaufen.“ Zweimal wird er im Kosovo operiert. Schon die erste OP kostet 6000 Euro. Islam Neziraj muss einen Kredit aufnehmen, um sie bezahlen zu können. Die zweite OP kann die Familie größtenteils über Spenden abdecken.

Doch die Operationen zeigen kaum Erfolg. Die Familie ist niedergeschmettert – und entschließt sich im Februar, die Flucht nach Deutschland zu wagen. Sie habe es nicht mehr ausgehalten, ihren Sohn leiden zu sehen, erzählt Hyra Neziraj. Sie wussten, dass es in Deutschland gute Ärzte gibt und eine viel bessere medizinische Versorgung. „Wir sind geflüchtet, um Albian Hoffnung zu geben.“

Die Familie gibt alles auf, was sie besitzt. Sie verkauft alle Möbel, sogar den Goldschmuck der Großmutter. Die Nezirajs schlagen sich über Serbien, Ungarn und Österreich durch. Die Flucht dauert fünf Tage und kostet die Familie 5000 Euro. Dann kommen sie endlich in München an.

Die ersten Monate ist die Familie in der Münchner Bayernkaserne untergebracht. „Das war eine gute Zeit“, sagt Islam Neziraj. „Es gab Ärzte, die sich um Albian gekümmert haben.“ Im Schwabinger Krankenhaus wird bei dem 14-Jährigen eine Infantile Zerebralparese diagnostiziert – eine Hirnschädigung infolge einer Gehirnblutung. Seine Muskeln sind spastisch verändert, deshalb kann er kaum laufen. Zudem leidet er an Epilepsie.

Binnen weniger Wochen geschieht etwas, das sich für die Familie wie ein Wunder anfühlt. Durch Therapien und eine medikamentöse Behandlung verbessert sich Albians Zustand. Das erste Mal in seinem Leben kann er laufen. Ganz langsam und vorsichtig, zehn Schritte vor, zehn Schritte zurück. Albian kämpft noch um Balance und sinkt nach wenigen Schritten erschöpft in seinen Rollstuhl – aber er strahlt.

Eine vollständige Genesung sei bei diesem Krankheitsbild nicht möglich, sagt Ärztin Nina Berger, die Albian behandelt. „Aber er könnte erreichen, dass er mit Hilfe von Unterarmgehstützen kurze bis mittlere Strecken alleine bewältigt.“ Dafür sei aber eine entsprechende Förderung nötig. „Für Albian ist es wichtig, dass er konsequent physiotherapeutisch behandelt wird“, sagt Berger. „Möglicherweise kommt für ihn sogar eine Operation infrage, die seinen Zustand weiter verbessern würde.“ Er habe sehr gute Voraussetzungen.

Doch dafür müsste Albian in Deutschland bleiben dürfen. Diese Therapien gibt es im Kosovo nicht, sagt die Ärztin. Noch ist über den Asylantrag der Familie nicht entschieden. Spätestens seit sie vor einigen Wochen in die Max-Immelmann-Kaserne in Manching bei Ingolstadt verlegt wurden – einem der beiden bayerischen Zentren für Balkanflüchtlinge – wissen sie: Ihre Chancen auf Asyl stehen schlecht. In Manching sind Flüchtlinge untergebracht, die eine „geringe Bleibeperspektive“ haben.

Vor wenigen Tagen hat die Familie eine Aufenthaltsgestattung für drei Monate bekommen. So lange kann Albian weiterbehandelt werden. Wie es danach weitergeht, ist noch völlig offen. „Wenn wir zurück müssen, wissen wir nicht, wie es weitergehen soll“, sagt Hyra Neziraj.

Beatrice Oßberger

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