Susanne Breit-Keßler, ehemalige evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.
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Susanne Breit-Keßler, ehemalige evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Ein Klettergerüst für Kopf und Seele

Zwischen Kreuz und Auferstehung - Kolumne von Susanne Breit-Keßler*

Schon in Corona-freien Zeiten habe ich Einladungen zum Osterbrunch am Karsamstag abgelehnt. Ich brauche diesen Tag und seinen ganz besonderen Charakter. So schnell kann ich nicht umschalten von „passionierter“ Nachdenklichkeit auf Osterjubel.

Tage wie Palmsonntag, Gründonnerstag, Karfreitag und eben der Karsamstag haben einen inneren Sinn – auch wenn man kein gläubiger Mensch ist. Sie bilden ein Klettergerüst für Kopf und Seele. Was ist wann dran im Leben?

Palmsonntag etwa ist ein Tag, an dem man überlegen kann, wo Erwartungen zurecht bestehen und wo sie notwendig enttäuscht werden müssen. Will ich so sein, wie die Leute es von mir wollen, damit sie Hosianna rufen? Oder sage ich „Nein“ – auch wenn ich als Spielverderberin gelte? Am Gründonnerstag ist es schön, ein traditionelles Kräutersüppchen zu kochen, das der Gesundheit dient und daran gemahnt, auch sonst mehr darauf zu achten: Leben ist ein Geschenk, das nicht automatisch erhalten bleibt.

Spirituelle Zeiten haben Sinn, wenn man sich auf ihre existenzielle Botschaft einlässt

Karfreitag, Karsamstag – Gelegenheit über leidvolle Erfahrungen nachzudenken. Darüber, was man tun muss, damit man selbst und andere die persönliche Auferstehung in ein neues Leben feiern könnte. Schon klar: Das lässt sich auch an anderen Tagen bedenken. Aber besondere spirituelle Zeiten haben Sinn, wenn man sich auf ihre existenzielle Botschaft einlässt. In der Karwoche geht es um Erwartung und Enttäuschung, eigene Identität und Konsequenz, um Freundschaft und Verrat, um Leben und Tod.

Sie lässt die Höhen und Tiefen des Daseins durchleben und sensibler für andere werden. „Stirb langsam“ mit Bruce Willis im Fernsehen gehört weniger dazu, auch nicht, mit Freunden vorab die Nougateier zu verputzen. Besser, sich mit dem auseinanderzusetzen, womit man nicht im Reinen ist, weil Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Heulen über das Elend der Welt. Am Ende aufstehen, sich stärken – gerne bei einem Brunch am Ostersonntag. Und dann anpacken. Ostern mitten im Leben.

Bert Brecht schreibt in seiner Karsamstagslegende, den „Verwaisten gewidmet“: „Als sie gehetzt und müde / Andern Abends wieder zum Grabe kamen / Siehe, da blühte / Aus dem Hügel jenes Dornes Samen. / Und in den Blüten, abendgrau verhüllt / Sang wunderleise / Eine Drossel süß und mild / Eine helle Weise. / Da fühlten sie kaum / Mehr den Tod am Ort / Sahen über Zeit und Raum / Lächelten im hellen Traum / Gingen träumend fort.“ Das ist es. Den Karsamstag nutzen. Von dem Leben träumen, das an Ostern wahr wird.

*Die frühere evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler ist Vorsitzende des Ethik-Rates.

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