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Grundschüler im Klassenzimmer – viele bekommen keine Zwischenzeugnisse mehr.

Immer mehr Schulen setzen darauf

Zwischenzeugnis: Immer öfter Gespräche statt Noten

Erding/Freising - Die Alternative für die ersten bis dritten Grundschulklassen wird bei Lehrern immer beliebter. Im zweiten Schuljahr nach der Einführung setzen fast zwei Drittel der Grundschulen in Bayern auf Gespräche statt Noten.

Am Freitag gibt es in Bayern Zwischenzeugnisse – aber nicht für alle Schüler. An der Grundschule am Grünen Markt in Erding etwa nehmen die Mädchen und Buben der 1. bis 3. Klasse wieder das Formblatt ihres Lernentwicklungsgesprächs mit nach Hause. Bei einem Erstklässler wurde zum Beispiel bei dem Satz „Du schreibst die Ziffern bis 10 korrekt“ die höchste Stufe „Das kannst Du toll!“ angekreuzt. Bei „Du liest einzelne Wörter genau“ hat der Lehrer das Kreuz vielleicht bei „Das fällt Dir noch schwer!“ gesetzt.

Der vom Kollegium erstellte Selbsteinschätzungsbogen umfasst über 70 Themen, die Erstklässler füllen die Abschnitte Sozial- sowie Arbeits- und Lernverhalten im Unterricht aus, die Lehrkraft den kompletten Bogen. Dann setzt sie sich mit dem Schüler und seinen Erziehungsberechtigten zusammen. Am Ende wird noch eine Zielvereinbarung getroffen, zum Beispiel „Jeden Tag fünf Minuten lesen.“ Dann unterschreiben alle. Rektorin Monika Eder ist begeistert von der Alternative zum Zwischenzeugnis. „Das persönliche Gespräch ist ein tolles Mittel, um mit Eltern in Kontakt zu treten und Kinder fühlen sich dadurch ernst genommen.“ Sie würde die neue Entwicklung sogar noch weiterführen und Noten ganz abschaffen.

Immer mehr Schulen verzichten auf Zwischenzeugnisse

Gespräche statt Noten werden bei Bayerns Lehrern immer beliebter. Im laufenden Schuljahr werden an fast zwei Dritteln der Grundschulen im Freistaat Lernentwicklungsgespräche geführt, teilt das Kultusministerium mit. Vergangenes Schuljahr hatte ein Drittel der Grundschulen auf Zwischenzeugnisse verzichtet. Die Alternative zu Wortgutachten in der ersten und zweiten Klasse bzw. Noten in der dritten Klasse ist erst seit dem vergangenen Schuljahr möglich. Die Entscheidung darüber trifft die Lehrerkonferenz im Einvernehmen mit dem Elternbeirat vor dem Beginn des Schuljahres. In der 4. Klasse, wenn der Notenschnitt über den Übertritt entscheidet, sind die Gespräche nicht möglich.

Neben der Grundschule am Grünen Markt werden in 19 weiteren von 31 Grundschulen im Landkreis Erding Lernentwicklungsgespräche geführt. Im Schuljahr 2014/2015 waren es 14. „Lehrer und Eltern finden die Entwicklung sehr sinnvoll“, sagt die Erdinger Schulamtsdirektorin Marion Bauer. Die Reaktionen seien durchgängig positiv, zum Zwischenzeugnis zurückkehren wollte noch niemand.

Ein Problem: Der Zeitfaktor

Auch im Landkreis Freising ist die Tendenz steigend. Dort haben sich etwas mehr als die Hälfte der Grundschulen für die Alternative zum Zwischenzeugnis entschieden, sagt Schulrat Bernhard Kindler, stellvertretender Leiter des Schulamts Freising. Für ihn ist das Lernentwicklungsgespräch grundsätzlich ein Gewinn. „Ich sehe aber auch ein Problem.“ Den Zeitfaktor. 23 Kinder zum Beispiel bedeutet, 23 Gespräche vorzubereiten, die jeweils 20 bis 30 Minuten dauern, außerdem 23 Termine mit den Eltern zu finden. Das sei ein hoher Aufwand für die Lehrer.

Für die Lehrer der Anton-Vitzthum-Grundschule in Moosburg (Kreis Freising) gibt es noch andere Gründe, warum sie weiterhin Noten vergeben. „Wir setzen auf das bewährte Instrument Zwischenzeugnis“, sagt Rektorin Isolde Göbel. Es habe einen hohen traditionellen Stellenwert wie die Schultüte. Die Rektorin lehnt die neue Möglichkeit nicht grundsätzlich ab, sie möchte aber die Entwicklung abwarten.

Auch beim Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) wird das persönliche Gespräch nicht uneingeschränkt positiv gesehen. „Das ist ein Schritt in die richtige Richtung“, schreibt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann in einem Kommentar. Sie benennt aber auch praktische Probleme. Darunter die Frage, wie Lehrer reagieren sollen, wenn Eltern nicht zum Gespräch kommen.

Übrigens: Mittlerweile bekommt also nur noch rund eine Million der 1,27 Millionen Schüler ein Zwischenzeugnis. Viele Realschulen und Gymnasien geben in der Mittelstufe stattdessen im Dezember und April „Informationen über das Notenbild“.

Teresa Pancritius

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