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Das neueste Projekt von „Horizont“: Grundsteinlegung war im Oktober, im Sommer 2018 soll das Haus fertig sein. Um die Einrichtung zu finanzieren, werden Aktien ausgegeben.

Großes Interview

Jutta Speidel über 20 Jahre „Horizont“: „Wenn nötig, stricke ich eine Mütze“

München - Auch 20 Jahre nach seiner Gründung muss der Verein „Horizont“ obdachlosen Frauen und Kindern in München helfen - mehr denn je. Die tz traf Jutta Speidel zum Interview.

Jutta Speidel (62) fährt im himmelblauen Fiat 500 vor. Vor ihre Großbaustelle. Ihr orangefarbener Mantel leuchtet mit den blauen Augen, den Sommersprossen und den Lachfalten um die Wette – was für eine Frau! Selbst die Bauarbeiter im Hintergrund richten sich auf und strahlen mit. Das Ganze könnte eine Szene in so einem Sonntagabendfilm sein – mit der Botschaft: Patente Frau hat alles im Griff! Und die Speidel hat alles im Griff. 

Aber das Ganze ist keine TV-Romanze. Es geht hier um ein Haus für obdachlose Familien, das die „Horizont Jutta Speidel-Stiftung“ und der Verein Horizont gerade im Domagkpark im Münchner Norden bauen, nachdem das Haus für obdachlose Mütter mit 24 Wohnungen und zwei Notschlafplätzen aus allen Nähten platzt. Ein nervenzehrendes Werk – das neue Haus für 48 sozial benachteiligte Familien. Nicht nur, weil jedes Bauprojekt Nerven kostet. Allein die Finanzierung! Für die Einrichtung und den soziokulturellen Bereich fehlt noch eine Million Euro, deshalb gibt Jutta Speidel jetzt Aktien heraus, um das fehlende Geld zu sammeln.

Seit 20 Jahren legt die Schauspielerin ihre Finger in die Wunden einer reichen Stadt, die so viele obdachlose Mütter hat. Dem Armutsbericht folgend, sind allein in München 1200 Kinder obdachlos, in ganz Deutschland sind es über 5800. Die Dunkelziffer, so schätzt Jutta Speidel, liege noch zwei, drei Mal höher. Jeden Tag muss Horizont helfen. Und das kostet Geld, viel Geld, das die Speidel und ihr Team seit 20 Jahren über Politiker, Unternehmer oder vermögende Privatleute sammeln. Etwaig angedeuteten Widerstand ­lächelt sie dabei entschlossen weg ...

Die tz hat die Mutter Courage der Frauen in Not zum Interview getroffen – anlässlich des Jubiläums „20 Jahre Horizont“:

Ist Ihnen das nicht manchmal peinlich, ständig um Geld zu betteln?

Jutta Speidel: Ich bin oft in ­Situationen, wo ich bei Empfängen auf einflussreiche Menschen treffe. Dann geht es ordentlich in meinem Kopf rum: Wie komme ich ins Gespräch? Wie kann ich denjenigen für mein Anliegen gewinnen, ohne dass es plump wirkt? Und oft ernte ich dabei großes Staunen und Interesse über das, was wir bei Horizont tun – mit unserer individuellen Betreuung in unserem Haus für obdachlose Mütter. Ich lade dann auch immer gern ein, sich unsere Arbeit anzusehen. Es gibt manchmal sehr entzückende Begegnungen, und das, was ich fürs Leben gelernt habe, habe ich nicht über meinen Beruf als Schauspielerin, sondern über Horizont gelernt.

Was war das Wichtigste?

Speidel: Dass ich mich auf mich verlassen kann. Ein Schauspieler hat ja immer Selbstzweifel und ich wusste zuvor gar nicht, welche Qualitäten in mir stecken – bei Organisation, Fundraising oder Marketing. Allein das erste Haus hat mit der Einrichtung 4,5 Millionen Euro gekostet, das zweite Haus wird mit der Ausstattung sechs bis sieben Millionen kosten. Das müssen wir mit unserem Team sammeln, auch Sternstunden und die Bayerische Landesstiftung haben uns immer sehr geholfen.

Was war der Anlass, dass Sie obachlose Mütter zu Ihrem Thema gemacht haben?

Speidel: In ganz Deutschland war das zuvor nie ein Thema, keiner hat darüber gesprochen – es gab höchstens Pensionen, wo man sie untergebracht hat.Obdachlose Mütter mit Kindern kriechen meistens irgendwo bei Freunden unter, ziehen immer wieder weiter, bis sie völlig heruntergekommen sind.

„Von Frauen und Kindern kann ich nicht enttäuscht sein“

Was sind Gründe für Obdachlosigkeit bei Müttern?

Speidel: Ein Hauptgrund ist Gewalt – psychisch und physisch. In Deutschland wird die Zahl von Gewalt bedrohter Frauen auf 130 000 geschätzt, der Ausländeranteil ist dabei mit 20 Prozent eher gering. Mütter können sich mit ihren Kindern nur schwer schützen. Manchmal müssen wir die Kinder sogar zur Schule begleiten, weil die Bedrohung so groß ist.

Manche Frauen schaffen es trotz Ihrer großen Hilfe nicht, auf eigene Beine zu kommen. Enttäuscht Sie das dann?

Speidel: Das hängt von der Erwartungshaltung ab. Von Frauen und Kindern kann ich nicht enttäuscht sein. Wenn eine Frau das Potenzial hat, wieder ein eigenständiges Leben zu führen, versuchen wir sie mit unserem Konzept dahin zu begleiten. Doch Erfolg ist ganz individuell – bei der einen Frau ist es vielleicht das Lesen und Schreiben lernen, bei der anderen eine neue Arbeit und das selbstständige Wohnen.

Was ist das Besondere an Ihrem Konzept?

In den Horizont-Häusern gibt es alles – von der Krippe bis zum Kindergarten, Bildungsprogramme, Werkstätten, Begegnungsräume, Therapien.

Speidel: Dass eine obdachlose Mutter mit ihren Kindern in unserem Haus wohnen kann und dass sie dort alles hat – von der Kinderkrippe bis zur Hausaufgabenbetreuung, Deutschkurse, individuelle Gespräche und Hilfestellungen. Vor allem geht es darum, das Trauma zu bearbeiten und das Selbstwertgefühl zu stärken. Und wir leisten es uns, privat zu bleiben, ohne die ganzen Förderungen, die ja auch immer ein fremdbestimmtes Reglement bedeuten. Unser Team mit 27 Fachkräften ist an 365 Tagen 24 Stunden für die Frauen und Kinder da. Um alles bezahlen zu können, brauchen wir allein für unser erstes Haus und die Geschäftsstelle über 700 000 Euro im Jahr.

Aber Sie sind doch eigentlich Schauspielerin – warum tun Sie das alles?

Speidel: Ich bin eine Idealistin und habe das mit Learning by doing angefangen. Wenn ich ein Boot besteige, dann rudere ich über den See und trotze allen Stürmen, bis ich am anderen Ufer bin. Ich geh nicht unter. Das ist das Bild, wie ich generell durchs Leben ­gehe.

Speidel: „Ich hab‘ einen heiligen Zorn in mir“

Was motiviert Sie, so viel zu rudern, ohne sich entmutigen zu lassen?

tz-Kolumnistin Ulli Schmidt traf Jutta Speidel (re.) auf der Horizont- Baustelle zum Interview.

Speidel: Ich hab’ einen heiligen Zorn in mir. Wenn ich merke, dass mich einer verarscht, dann krieg ich eine immense Wut. Und das ist mir dann auch relativ wurscht, wer das ist. Wenn ich für eine Sache einstehe, muss ich das konsequent machen. Und wenn’s nötig ist, stricke ich auch innerhalb von zwei Tagen eine Mütze, wie vor zwei Jahren einem Mitarbeiter im Sozialreferat, weil er Angst hatte, dass ihn unser Projekt noch seine letzten drei Haare auf dem Kopf kosten könnte ...

Was gibt Ihnen die Arbeit bei Horizont zurück?

Speidel: Allein, dass ich jetzt darüber spreche – da freue ich mich, dass ich so was gemacht hab. Das macht mir Spaß, da fühl ich mich bestätigt.

Ihren Beruf als Schauspielerin und Ihr Publikum lieben Sie aber doch auch ...

Speidel: Ja, und im vergangenen Jahr habe ich diesbezüglich tatsächlich wenig geleistet: Ich habe zwar 50 Vorstellungen gespielt meines Solos Verliebt, verlobt, verschwunden, aber nicht gedreht. Das war ein bisschen bitter. Ich musste Prioritäten setzen – zugunsten der Baustelle und meiner 90-jährigen Mutter. Aber dieses Jahr werde ich wieder was Schönes drehen.

Haben Sie nie gehadert, dass mit Ihrem Engagement anderes zu kurz kommt?

Speidel: Ich hab’s ja immer irgendwie gut hingekriegt. Ich werd’ es nie erfahren, ob es anders gewesen wäre, wenn ich das nicht gemacht hätte. Und ich denke auch nicht so.

Hat sich Ihr ehemaliger und langjähriger Lebensgefährte Bruno Maccallini nie beklagt?

Speidel: Der hat doch alle Zuwendung dieser Erde gekriegt! Halle­luja! Wenn ich wieder auf die Welt komme, werde ich Liebhaber von Jutta Speidel – oder Hund bei ihr. Ich glaub’, dem ist es in seinem ganzen Leben nie so gut gegangen wie mit mir.

Woher nehmen Sie die Energie?

Speidel: Alles, was man mit Liebe tut, funktioniert!

„Wer macht in zehn Jahren Horizont?“

Wo sehen Sie sich und Horizont in zehn Jahren?

Speidel: Darüber denken wir gerade sehr intensiv nach. Die Leute, denen ich etwas bedeute, werden mit mir alt, die Jüngeren kennen mich gar nicht mehr. Also: Wer macht in zehn Jahren Horizont? Die aktive Arbeit? Ich bin die Fundraising- und Marketingfrau. Dafür jemanden Richtigen zu finden, das wird schwierig.

Vielleicht Ihre Tochter Franziska, sie ist ja bei Horizont schon Sozialpädagogin?

Speidel: Kann sie das? Ist sie das? Will sie das? Muss sie dafür ihr eigenes Leben zurückstellen? Es muss jemand sein, den man sukzessive aufbaut, der für die Sache brennt und das Durchhaltevermögen hat. Die Franzi ist das schon, aber sie kriegt jetzt ihr Baby. Die Antonia wär auch gut, aber die sitzt in Berlin. Die beiden zusammen wären ich. Die eine ist super gut im Organisieren, die andere mit Menschen. Wir werden sehen.

Was sind Ihre drei ersten Gedanken am Morgen?

Speidel: Muss ich schon aufstehen? Wie viele Hunde haben heut Nacht eigentlich in meinem Bett geschlafen? Regnet’s?

Das Interview führte Ulrike Schmidt

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