Abschied von einer begeisterten Ratefüchsin

- München - Zuletzt war es still geworden um die "First lady" des deutschen Fernsehens. In ihrem kleinen Schwabinger Haus, in dem sie im vergangenen Jahr noch ihren 85. Geburtstag gefeiert hatte, lebte Annette von Aretin in einem Reich aus Fotografien. Selbst für Spaziergänge in ihren geliebten Englischen Garten, dem sie ein Buch gewidmet hatte, fühlte sie sich oft zu schwach. "Mit 85 darf man ein bisserl faul sein", hatte die alte Dame im Mai noch gescherzt.

Ihr Humor blieb der Ratefüchsin aus Robert Lembkes Team bis zuletzt. Doch jetzt muss ihr Publikum endgültig Abschied nehmen von der eleganten Fernseh-Lady: Am 1. März starb Annette von Aretin in München.

"Der Weg zum Fernsehen war ein glücklicher Zufall"

"Mit dem Tode von Annette von Aretin verlieren wir eine der am meisten bewunderten Fernsehfrauen", sagt Gerhard Fuchs, Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks. "Von einem Millionenpublikum bewundert, war sie den Frauen Vorbild in deren Wunsch nach mehr Eigenständigkeit und Beruf."

Annette von Aretin selbst hätte eine solche Würdigung als "Grande Dame des Deutschen Fernsehens" sicher mit einem Augenzwinkern kommentiert. "Ich musste ja schließlich irgendwie Geld verdienen", erzählte sie lächelnd, wenn man sie nach ihrem Werdegang fragte. Doch hat sie den Weg zum Fernsehen immer als einen "glücklichen Zufall" gesehen.

Das "Showgewerbe" nämlich war der Ansagerin und späteren Besetzungschefin des BR nicht in die Wiege gelegt: Als Marie Adelheid Kunigunde Felicitas Freiin von Aretin wurde die "Putzi", wie sie von ihren Fernseh-Kollegen genannt wurde, als Tochter eines niederbayerischen Adelsmannes in Bamberg geboren. Doch darauf wollte sie sich nie ausruhen.

Annette von Aretins Weg zum Fernsehen verlief über Umwege. Nach einer Ausbildung zur Fotografin und einem angefangenen Musikstudium beendete der Krieg die begonnene Karriere. Annette von Aretin war auf Job-Suche. Eine Freundin war mit Kurt Wilhelm, Abteilungsleiter für Unterhaltung beim Bayerischen Rundfunk, verheiratet. Der fragte die 26-jährige Annette, ob sie nicht Lust hätte, beim "Fleckerlteppich", einer Nonsens-Sendung mit Geist, mitzuarbeiten. Sie hatte und wurde das "Ännchen von Kalau". Doch die ersehnte Festanstellung blieb aus.

Die kam mit dem Fernsehen. Als 1954 die erste selbst produzierte Sendung des BR über die Bildschirme flimmerte, sahen die Zuschauer eine elegante junge Dame, deren bayerisch gefärbtes Timbre sich sofort einprägte - Annette von Aretin wurde das erste Gesicht des Bayerischen Fernsehens. Mit der "Fley" (Anneliese Fleyenschmidt) und der "Käppi" (Ruth Kappelsberger) bildete sie das Terzett der BR-Ansagerinnen, die jeden Abend in Tausende Wohnzimmer kamen.

Annette von Aretin war 34 Jahre lang Ratefüchsin

Was die Zuschauer nicht sahen: Annette von Aretin hatte Schweißperlen auf der Stirn. Wegen des "höllischen Lampenfiebers" gab sie den Beruf als Ansagerin auf - und wurde erst richtig berühmt. In Robert Lembkes legendärem Beruferaten "Was bin ich?" sorgte Annette von Aretin mit feinsinnigen Fragen dafür, dass nicht zu viele fünf-Mark-Stücke ins "Schweinderl" fielen - und wuchs dem Publikum ans Herz. Auch "Putzi" blieb der Sendung treu - von der ersten Ausstrahlung Januar 1955 bis zur letzen 1989.

Doch auch hinter den Kulissen spielte Annette von Aretin eine tragende Rolle: Als BR-Besetzungschefin gab sie damals noch unbekannten Schauspielern wie Gustl Bayrhammer eine Chance.

Doch die liebsten Erinnerungen waren stets die an ihre "Ratefamilie", den Journalisten Guido Baumann, den Juristen Hans Sachs, die Ärztin Marianne Koch, die alte Wegbegleiterin Anneliese Fleyenschmidt - und das "Lembke-Mäusle, den Schlingel". Wenn sich die alte Dame an die Abende erinnerte, an denen sie nach dem Quiz mit allen zusammensaß, begannen ihre Augen zu leuchten. "Herrliche Zeiten", sagte sie dann und lächelte.

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