Der Altkanzler hält Audienz

- München - Für einen Moment ist die Straße leer. Dann rauschen drei schwarze Limousinen heran, bremsen scharf. Stiernackige Sicherheitsleute hasten ihnen entgegen, schirmen neugierige Blicke ab. Aus dem zweiten Wagen schält sich langsam, mühsam Helmut Kohl. So ein Mercedes kann ziemlich klein sein. Kohl reckt sich, gibt ein kurzes "Hmmpff" von sich und schreitet quer über den Münchner Stachus. Es ist Zeit für eine Audienz.

Der Ex-Kanzler hält Hof im Hugendubel. Schüttelt ein paar Hände, nickt kurz der Masse zu und widmet sich dann seinem Werk. Er ist gekommen, um dem Volk Unterschriften zuteil werden zu lassen. Signierstunde im Buchladen, flüchtige Unterschriften im Sekundentakt in den Memoiren "Erinnerungen 1930-1982".<BR><BR>In langen Schlangen stehen 700 Buchkäufer über zwei Stockwerke verteilt geduldig an. Ein gutes Dutzend Sicherheitsleute wacht über jeden Schritt. Nein, Kohl schreibe nur seinen Namen, keine Widmungen. Nein, keine anderen Bücher. Keine Fragen.<BR><BR>Kohl sitzt auf einem ziemlich zerbrechlich wirkenden Holzstuhl hinter einem großen, klobigen Tisch. Vor sich, zwischen den Fotografen, könnte er den Naturführer "Blütenpflanzen" entdecken und den Ratgeber "So bleibt ihr Hund gesund." Profan? Nein. Wo Kohl ist, ist Aura.<BR><BR>Drei Angestellte falten ihm die Bücher auf, zwei weitere klappen sie wieder zu. Und wenn etwas nicht klappt, hat der "Herr Bundeskanzler" einen ziemlich raunzigen Ton drauf. "Halten Sie keine Volksreden, machen Sie ihre Bilder", grunzt er die Fotografen an. Posieren will er nicht. Also fotografieren sie ihn, wie er beim Schreiben angestrengt die Zunge zwischen die Lippen schiebt.<BR><BR>Wer ihn mit "Herr Kohl" anspricht, wird ignoriert. Auf "Herr Dr. Kohl" knurrt er zumindest "Was?!" Nach einer halben Stunde Dauersignieren scheint seine Laune mittelprächtig. Es ist eine ziemlich mühsame Audienz an diesem Montagnachmittag in München.<BR><BR>Den meisten Besuchern schenkt Kohl keinen Blick, erst recht kein Lächeln. Nur selten erfüllt er einen Extrawunsch, schreibt persönliche Worte. Auffallend viele junge Leute kommen zu ihm, für ihn ist das nur ein nicht enden wollender Strom mehr oder weniger schüchterner Menschen. "Das mit dem Osten ham'se gut gemacht", sagt einer, Kohl nickt huldvoll.<BR><BR>Eine Frau schenkt Kohl einen gelben Blumenstrauß. Da lächelt er erstmals herzlich, aber nur kurz. Ob sie noch ein Foto machen dürfe, fragt die Frau. "Jaja, machen Sie schon", sagt der Altkanzler. Den Blumenstrauß nimmt einer der Höflinge entgegen. Kohl wird die Blumen nie wiedersehen.<BR>

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